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Debatte über brennende Autos: Im Brennpunkt des Blödsinns

Von Reinhard Mohr

Autos anzünden - ist das asozialer Quatsch oder eine Form von Kapitalismuskritik? Die "tageszeitung" lud zum Krisengespräch - und das bewies: Zündende politische Ideen sind von Hausbesetzern und Krawallmachern nicht zu erwarten.

Autos abfackeln: Zerstörerischer Protest Fotos
DDP

Draußen hängt der Riesenpimmel von "Bild"-Chef Kai Diekmann, drinnen gibt es "Tannenzäpfle". Während das rosafarbene, sechzehn Meter lange Kunstwerk von Peter Lenk an der Fassade des "taz"-Gebäudes in der Berliner Kochstraße mannhaft dem nasskalten Sturmwind widersteht, wird am Mittwochabend im warmen "taz"-Café gemütlich Bier getrunken und diskutiert. Thema der Veranstaltung: "Wo brennt's? Ist Autoabfackeln politisch?"

270 Fahrzeuge sind seit Jahresbeginn in Berlin, vor allem in den Bezirken Mitte, Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg, angezündet worden. In der Nacht von vergangenen Sonntag auf Montag wurde, selten genug, ein mutmaßlicher Täter festgenommen, der Sohn eines Lokalpolitikers der Linken.

Die autonome Szene, von der einige Bekennerschreiben zum "Abfackeln" sogenannter Luxusautos stammen, reagierte mit einer spontanen Demonstration. Selbst zur gewaltsamen Befreiung von Tobias P. wurde aufgerufen.

Bislang sind allerdings erst 16 Tatverdächtige ermittelt worden, und am Ende des einzigen Strafprozesses musste eine Angeklagte nach fünf-monatiger Untersuchungshaft wieder freigelassen werden, weil ihr die Tat nicht nachzuweisen war.

Kontraproduktives Zündeln

"Ganz schön heiß in Berlin, oder?" lautet die erste Frage des "taz"-Redakteurs Felix Lee, und Tim Laumeyer, Sprecher der "Antifaschistischen Aktion", kurz "Antifa", sagt einfach: "Ja."

Dann wird er doch noch gesprächiger. Die Leute hätten "keinen Bock" auf den "ökonomischen Verwertungsdruck" des Kapitalismus und wehrten sich mit "verschiedenen Formen", die eben nicht immer legal seien.

"Findest Du brennende Autos politisch?" hakt der Moderator nach. "Warum sollten sie es nicht sein?", gibt der Antifa-Genosse zurück. Der Effekt sei politisch: "Die Leute, die viel Geld haben, überlegen sich jetzt zweimal, ob sie sich ein Haus oder eine Eigentumswohnung in Kreuzberg kaufen."

So einfach also könnte Politik sein, doch der innenpolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, Benedikt Lux, gibt zu bedenken, ob man derart nicht "die Stahlhelm-Fraktion" in der Berliner Polizei stärke: "Jedes brennende Auto ist da kontraproduktiv."

Der smarte Grünen-Politiker hat es schwer. Er ist der Rechtsaußen in dieser Runde und muss sich de facto vor der autonomen Szene rechtfertigen, zugleich aber ein bisschen an den Rechtsstaat erinnern, der es eigentlich nicht gestattet, nachts durch die Straßen zu ziehen und die Autos fremder Leute anzuzünden.

Brennen für simple Ideen

So vollführt der junge Grüne einen Balanceakt, um sich nicht alle Sympathien der Szene zu verscherzen, die durchaus zahlreich erschienen ist, von jung bis alt, von adrett bis zottelig. Gewalt sei natürlich nicht gleich Gewalt, sagt er also, und die Linken würden, anders als die Faschos, nicht die Kultur des "Bordsteinkicks" betreiben, jenes mörderische Treten gegen den Kopf unschuldiger Opfer. Da kann man ja froh sein.

Zur klaren Distanzierung von der linken Kultur des Autoabfackelns kann er sich erst später durchringen, was ihm umgehend Hohngelächter einbringt. Und das, obwohl er gleich wieder die "Hetze" der Springer-Presse erwähnt und davon redet, dass Autos sowieso überbewertet seien. Schon rein ökologisch.

Der dritte Diskutant repräsentiert die praktisch nur im Berliner Biotop vorkommende Spezies des "Hausbesetzerschwaben", der eine einzige Lebensweisheit aus seinem Ländle bis zur Rente und darüber hinaus beherzigt: Was früher richtig war, kann heute nicht falsch sein. So singt er das Lob der Besetzerszene aus den wunderbaren achtziger Jahren, das Lied seiner eigenen Jugend also. Was früher Steineschmeißen war, ist heute Autoanzünden.

Inzwischen wohnt der heimattreue "taz"-Autor Christoph Villinger in einem selbst verwalteten Haus im guten alten Kreuzberg SO 36, wo auch noch der Anschluss ans Fernwärmenetz in genossenschaftlicher Eigenarbeit bewerkstelligt wird - voll autonom und "viel billiger" als auf dem profitorientierten Immobilienmarkt. Da lacht der sparsame Schwabe und schlägt gleich noch "Luxussteuern" auf Häuser und Autos vor.

"Geil, der Mercedes brennt!"

Aber der Mann ist auch ein Kenner robusterer Naturen: "Hey, bei uns in der Straße hat's heute Nacht gebrannt, geil, ein fetter Mercedes!" habe ihm jüngst eine Freundin am Telefon begeistert berichtet.

Die freudig erregte Dame arbeite aber keineswegs im anarchistischen Untergrund, sondern bei einer "regierungsnahen Institution". Schlimmer noch: Sie sei ein ausgesprochener Fan von Frank-Walter Steinmeier.

Der Hausbesetzerschwabe will die Äußerung seiner Freundin folglich nur als Bestätigung dafür sehen, wie groß die "gesellschaftliche Akzeptanz" des autonomen Widerstands bereits gediehen sei.

An dieser Stelle musste es natürlich fallen, das alles erklärende und alles legitimierende Zauberwort von der " Gentrifizierung", zu deutsch: der Umstrukturierung und Aufwertung bestimmter Stadtviertel, die oft mit der "Vertreibung" alteingesessener und weniger zahlungskräftiger Mieter einhergeht.

Gentrifizierung ist gleichsam die Lokalausgabe der Globalisierung, ein Spezialfall der kapitalistischen Durchdringung aller Lebensbereiche. Doch wie so oft bei revolutionären Umtrieben - das Volk beschwert sich über die unliebsamen Begleiterscheinungen. Was er denn den Nachbarn im Kiez sage, darunter auch türkische Ladenbesitzer, die um ihren schwer erarbeiteten Gebraucht-Benz bangen, wollte der tapfere "taz"-Experte für politische Bewegungen wissen.

Nicht lange fackeln

"Klar gibt es immer Leute, die Scheiße finden, was andere machen", antwortete der Antifa-Mann. Wir verstehen: Wenn es um die große Sache geht, wird nicht lang gefackelt.

Aus dem Publikum kam weitere Argumentationshilfe: "Hartz IV ist auch Gewalt." Investoren sind Gewalt. Ausgrenzung ist Gewalt. Gentrifizierung ist Gewalt - all die "Universal-Yuppies und MTV-Arschlöcher", die ihre "scheißkapitalistischen" Interessen rücksichtslos durchsetzen. In einem Wort: All das ist "strukturelle Gewalt".

Autoabfackeln sei schon okay, erklärte auch ein engagierter "Umweltschützer". Besser wäre es freilich, gleich alle Autos abzuschaffen. Eine bestechende Logik. Ohne Autos keine Gentrifizierung. Schönen Gruß auch an alle Opel-Arbeiter.

Am Ende rief einer "Freiheit für Tobias!" Seinem Appell, jetzt gleich rüber zum Springer-Hochhaus zu laufen, wollte aber niemand folgen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 152 Beiträge
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1. asozialer Quatsch oder eine Form von Kapitalismuskritik?
Hilfskraft 19.11.2009
Zitat von sysopAutos anzünden - ist das asozialer Quatsch oder eine Form von Kapitalismuskritik? Die "tageszeitung" lud zum Krisengespräch - und das bewies: Zündende politische Ideen sind von Hausbesetzern und Krawallmachern nicht zu erwarten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,662178,00.html
[QUOTE=sysop;4581748]Autos anzünden - ist das asozialer Quatsch oder eine Form von Kapitalismuskritik? Die "tageszeitung" lud zum Krisengespräch - und das bewies: Zündende politische Ideen sind von Hausbesetzern und Krawallmachern nicht zu erwarten. Wie bitte? Das ist eine Straftat! Was denn sonst? Bitte, bitte bleibt auf dem Teppich des Rechtsstaates. H.
2. Neidgesellschaft
***p.k*** 19.11.2009
Es ist nicht politisch, sondern nur der Ausdrcuk von Neid und Mißgunst seinen Mitmenschen gegenüber. Wirklich wohlhabende kratzt das sowieso nicht - deren Autos stehen in Garagen oder sind zumindest Vollkaskoversichert...
3. Kosten
topas 19.11.2009
Zitat von ***p.k***Es ist nicht politisch, sondern nur der Ausdrcuk von Neid und Mißgunst seinen Mitmenschen gegenüber. Wirklich wohlhabende kratzt das sowieso nicht - deren Autos stehen in Garagen oder sind zumindest Vollkaskoversichert...
Und da die Versicherung dann einspringen muss und nicht 100% über die Typenklassifizierung des Autos erschlagen wird betrifft es auch den NOrmalverbraucher, die "Nicht-Bonzen", denen durch steigende Versicherungsprämien für das Auto, das für den Arbeitsweg benötigen, weniger Geld zum Leben bleibt. Auch kommen die eingeschlagenen Scheiben von Banken etc., die Maikrawalle etc. auf den Normalverbraucher über steigende Bankgebühren, Steuern... zurück. Aber hauptsache die haben es "den da oben" gezeigt ....
4. vive la france
osaft, 19.11.2009
da haben 10000 autos gebrannt und danach gab es ein sanierungsprojekt für verwahrloste vorstädte, das allerdings wohl kaum was verändert hat. na logo ist autos abfackeln politisch - siehe frankreich - besonders lustig fand ich, dass im spiegel auch noch die anleitung stand wie man die karren abfackelt - grillanzünder unters rad legen. die leute von springer oder spiegel freuen sich doch am meisten über die chaoten - kann man doch ein 1a feindbild erzeugen - da wird einem auch mal schnell ein pfund zugesteckt wenn er den kontakt in die szene herstellen kann. mehr doppelmoral seitens der presse geht kaum. und dass die ganzen anti-gentrifizierungsvollidioten mindestens genauso konservativ, wie die pfeifen vom spiegel sind, wird hier irgendwie auch nicht richtig erwähnt.
5. Re:
dent42 19.11.2009
Das its also die radikale Linke heutzutage: Autos abfackeln, Kinos blockieren, Juden vermöbeln, hat nen bisschen was von SA. Scheint so als würde die Linke in Sachen Intelligenzbefreiung die rechten langsam einholen, währenddessen rotiert Rudi Dutschke in seinem Grab
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