Debatte über Germanwings-Absturz Der fehlerhafte Mensch? Ausgeschlossen

US-Medien staunen über den deutschen Umgang mit der Germanwings-Katastrophe. Sind Privatsphäre und Datenschutz bei uns wichtiger als Aufklärung?

Germanwings-Maschine: Der Fehler ist der Feind
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Germanwings-Maschine: Der Fehler ist der Feind

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"Jet crash tests nation's faith in precision" titelte die "New York Times" am vergangenen Montag. Und am Mittwoch legte die "Washington Post" nach: "Crash challenges German identity, notions of privacy". Beide US-Zeitungen, traditionell eher liberal, stellen die Frage danach, ob etwas in der Aufarbeitung des Germanwing-Crashs typisch deutsch ist.

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Heft 15/2015
Pilot Andreas Lubitz - Krankheit und Massenmord

"In einer Gesellschaft, die das Verfahren, die den Arbeitsablauf preist", schreibt die "Times", "hat das System die Fähigkeit verloren, Warnsignale auszugeben, die Andreas Lubitz davon abhalten hätten können, einen Passagierjet in eine Bergwand zu fliegen und dabei sich selbst und 149 andere zu töten?" Und sollte Deutschland, so das Blatt weiter, 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wirklich darauf bestehen, "dass der Schutz der Privatsphäre über einer offenen Debatte triumphiert, die dabei helfen könnte, schlimmstes menschliches Verhalten zu vermeiden?"

Die "Post" geht in der Analyse deutscher Befindlichkeit noch einen Schritt weiter. Sie zitiert "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann: "Deutsche schrecken oft vor bestimmten Realitäten zurück - Realitäten des Krieges und der Gewalt." Der Glaube an die Präzision deutscher Industrie (Lufthansa, Mercedes Benz) einerseits und die historischen Erfahrungen aus Nazi- und DDR-Diktatur andererseits sorgten für ein besonderes Vertrauen in Regelwerke, das Deutschland von anderen Nationen unterscheide. Und eine der so streng zu befolgenden Gesellschaftsregeln sei eben - wegen der nachhaltig traumatisierenden Übergriffe von Gestapo und Stasi - auch der Schutz der Privatsphäre.

Trauer in Haltern: "Es gibt nichts weiter zu wissen"
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Trauer in Haltern: "Es gibt nichts weiter zu wissen"

Beide Zeitungen stellen Parallelen zum NSA-Skandal und der Affäre um den Whistleblower Edward Snowden her, der in den USA von vielen als "Verräter" ("Times") gesehen, in Deutschland aber als "folk hero" ("Post") gefeiert werde. Diese aus amerikanischer Sicht übertriebene Behütung der Privatsphäre sorge nun dafür, dass sich die deutsche Öffentlichkeit schnell vom persönlichen Fall Lubitz abwende, statt vehementer in die Krankengeschichte des Piloten einzudringen, Sicherungssysteme bei Airlines stärker zu hinterfragen oder vehementer eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht bei psychischen Erkrankungen zu fordern. "Es gibt nichts weiter zu wissen. Der Typ war krank", zitiert die "Post" stellvertretend für diese Haltung den Facebook-Eintrag einer Bürgerin. Also: Lieber schnell vergessen, statt genau hinzusehen? Verdrängung statt Aufklärung?

Der Fehler als Feind

Der Blick aus dem Ausland, lässt man den latent revanchistischen Zungenschlag in der Snowden-Sache außen vor, ist interessant. Denn er weitet den Blick auf möglicherweise allzu deutsche Rituale und Gepflogenheiten. Konsens dürfte sein, dass die deutsche Mentalität einen Hang zum Konformismus, zur Regeltreue und zum Glauben an technische wie handwerkliche Präzision aufweist. Ob über den französischen Alpen nun die Ingenieurskraft der Airbus-Techniker versagt hat oder aber der von Lufthansa geschulte Pilot, ist dabei egal: Beide bis zur Perfektion ausgebildete und gewartete Systeme dürfen nicht versagen. Sie sind, ähnlich wie Benz-Limousinen und Bosch-Bohrer, die Vorzeige- und Prestige-Symbole einer Gesellschaft, deren Feind der Fehler ist.

Und vielleicht liegt hier ja schon die Wurzel jener von "Post" und "Times" bestaunten Zögerlichkeit im Umgang mit dieser Katastrophe: Ein ebenso großes Tabu wie das Versagen deutscher Technik ist das Versagen des deutschen Gemüts. Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder bipolare Störungen, unter denen offenbar Andreas Lubitz litt, gelten in unserer auf volle Funktionalität geeichten deutschen Gesellschaft als unerträglich. Mögen Zeitschriften und TV-Magazine in letzter Zeit noch so empathisch über Phänomene wie Burn-out berichten - die Realität fällt hinter diesen Erkenntnisstand weit zurück.

Das Einknicken vor dem Druck, Job und Familie in Einklang zu bringen, also gleichzeitig im Beruf zu reüssieren und als soziales Wesen zu glänzen, um ein ebenfalls von den Medien propagiertes, makelloses Mustermann-Ideal zu erfüllen, ist nicht vorgesehen: Wer Fehler macht, wer Schwäche zeigt, gilt als stigmatisiert - er wird zum Sonderling. Im Spätkapitalismus hat längst das Individuum selbst diese Konformisierung vom Staat und von den Unternehmen übernommen; wir sind uns selbst unser größter Schinder.

Der französische Philosoph Michel Foucault nannte diesen Effekt "Selbsttechnologie": Der Einzelne sieht sich selbst in einer Art Bringschuld gegenüber dem System. Hinzu komme, wie der Soziologe Heinz Bude unlängst in seinem Aufsatz "Gesellschaft der Angst" formulierte, ein Optimierungszwang, der gerade die mittlere Generation von heute in Depressionen stürzen könne: "Früher sagte man: Ich bin, der ich bin. Heute denkt man: Ich bin, der ich sein könnte", so Bude im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Ob sich auch Andreas Lubitz solchen Drücken ausgeliefert sah?

Der Ruf nach mehr Datentransparenz führt jedenfalls ins Leere, denn selbst in den USA, das zeigt eine ebenfalls in den vergangenen Tagen von der "Times" veröffentlichte Analyse, wo es längst Lockerungen der Arzt-Schweigepflicht gibt, lautet die ernüchternde Erkenntnis: Der Patient wird dadurch nur noch weiter in ein Vorgaukeln von Normalität getrieben, unerreichbar für Ärzte und andere Hilfsangebote. Das vermeintliche Frühwarnsystem wird somit zum Risikoverstärker. Und der Kurzschluss kommt noch unvorhergesehener als zuvor.

Über was man jedoch dringend reden sollte, ist Fehlerkultur. Im Mitleid, im Verständnis für den psychisch kranken "Täter" Lubitz, aus dem der Reflex erwächst, seine Privatsphäre zu schützen, liegt eine Chance, in der Gesellschaft offener über die Angst vor dem Versagen zu reden, mehr Gelassenheit und Toleranz gegenüber dem Scheitern zu entwickeln.

Die suggerierte Alternativlosigkeit des Immer-weiter-Funktionierens aber, übrigens kein rein deutsches Phänomen, sondern ein Symptom aller spätkapitalistischen Gesellschaften, droht sonst im Gefühl der Ausweglosigkeit zu münden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es fälschlicherweise, Haltern sei Lubitz' Heimatort. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 305 Beiträge
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Seite 1
allonsenfants 04.04.2015
1.
Einige Statements verwundern mich absolut nicht, denn was kann man schon im Hinblick auf Recht und Gesetz von einem Land verlangen, dessen Regierungen nicht erst heute nach dem Motto handeln "erlaubt ist alles, was der eigenen Sache nützt!
pejoachim 04.04.2015
2. Es gibt keine Lösung ...
Die Aufweichung der ärztlichen Schweigepflicht würde Patienten verstummen lassen, sie beizubehalten bedingt, dass Katastrophen geschehen, die zu verhindern wären. Für derlei Dilemma-Fälle hat der Gesetzgeber den "übergesetzlichen Notstand" geschaffen. Ein Arzt oder Priester (Beichtgeheimnis) sollte diesen zu nutzen wissen.
naeggha 04.04.2015
3. Empörung über das Scheitern..
..eines Individuums hin oder her. Wenn man sich das Leben nehmen möchte, macht man das alleine! Der Mann hat Menschen getötet, das ist unentschuldbar und nicht nachvollziehbar. Mögen die Opfer und Betroffenenen ihren Frieden finden
hirsnemehism 04.04.2015
4. Solange...
...es den meisten "Bossen" nicht reicht, dass man als Angestellter, gerade in den unteren Lohngruppen, "nur" 120% seiner möglichen Leistung bringt, immer mit dem Argument "Du bist jederzeit austauschbar", so lange werden sich die Menschen weiter "optimieren"... ...und häufig dabei selbst zugrunde richten! Da System IST gnadenlos!
Poli Tische 04.04.2015
5. Bravo..
...eine sehr gut recherchierte Analyse des Problems. Es geht nicht darum die Menschen gläsern zu machen, sondern sie davor zu schützen, dass sie zerbrechen.
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