Debatte über Islamophobie Peinlicher Aufklärungsunterricht

Mehr Selbstverachtung und Realitätsverlust war selten: In deutschen Feuilletons tobt eine neue Debatte über den richtigen Dialog mit dem Islam. Kurioserweise werden dabei ausgerechnet jene Publizisten als "Hassprediger" bezeichnet, die auf westliche Werte wie Aufklärung und Menschenrechte pochen.

Von Reinhard Mohr

Gläubige Muslime beim Gebet: Parallele religiöser und politischer Macht?
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Gläubige Muslime beim Gebet: Parallele religiöser und politischer Macht?


Und ewig grüßt das Murmeltier. "Es muss nur irgend etwas geschehen, ein missglücktes Attentat wie zu Anfang des Monats zum Beispiel, und schon geht die Debatte wieder los" - so beklagte der Journalist Thomas Steinfeld am Donnerstag im Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" die jüngste Auseinandersetzung über Islam, "Islamophobie" und die Werte des Westens. Ja, es muss nur gerade wieder mal ein 400-facher Massenmord durch einen islamistischen Terroristen mit knapper Not verhindert worden sein, schon kommen sie wieder aus ihren Löchern, die Islamkritiker, Kulturkämpfer und "heiligen Krieger" des Westens, wie Claudius Seidl, Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", formulierte. In Steinfelds Worten: "die Hassprediger" der westlichen Werte.

Der Direktor des "Zentrums für Antisemitismusforschung", Wolfgang Benz, sieht sogar strukturelle Ähnlichkeiten zwischen Antisemitismus und einer "Islamkritik", der er ebenfalls in einem Artikel für die "Süddeutsche Zeitung" islamophobe, also irgendwie rassistische Motive unterstellt. Die Muslime, so könnte man glauben, seien die verfolgten Juden des 21. Jahrhunderts.

Und schon ist sie fertig, die steile These: Die Kritiker des militanten Islam sind ihrerseits radikal gläubige Fundamentalisten. Steinfelds Logik ist bestechend: "Wenn man aber mit den 'westlichen Werten' ebenso kämpferisch umgeht, wie es der radikale Islam mit seinen heiligen Schriften tut, dann verhält man sich wie der, den man sich zum Feind erkoren hat", schreibt er. Schlimmer noch: "Man zerstört die sozialen und moralischen Einrichtungen, die man zu verteidigen sucht."

Um es recht zu verstehen: Publizistische Kritiker des aggressiv politisierten Islams wie Henryk M. Broder und Necla Kelek verteidigen demnach die - in der Uno-Charta festgelegten - Menschenrechte ebenso fanatisch wie überzeugte Muslime den Koran und die Scharia.

Quasireligiöser Furor

Mehr noch: Mit ihrem quasireligiösen Furor unterminierten sie den Kern ihres eigenen Glaubensbekenntnisses: die demokratischen Institutionen und Werte, zuvörderst Meinungsfreiheit, Toleranz und das Gebot von Gleichheit und Menschenwürde. Die Islamkritiker seien also die eigentlichen Verfassungsfeinde, die mit ihrem "grundsätzlich gedankenfeindlichen, bedingungslosen" Vorgehen "alle Debatten, alle Argumente, alle Zweifel, womöglich auch die an sich selbst, ersticken". Steinfelds Resümee: "Gewiss, der Islam ist, anders als das Christentum, entstanden als eine Religion von Siegern, in einer Parallele von religiöser und politischer Macht. Mit einer Siegerreligion der westlichen Werte dürfte dennoch nichts zu gewinnen sein."

Darf schon das hübsche Wort von der "Parallele" religiöser und politischer Macht, siehe etwa Ahmadinedschads Islamische Republik Iran, die Anwartschaft auf einen Preis für den Euphemismus des Jahres beanspruchen, so macht die sensationelle Umkehrung von Worten und Werten beinahe sprachlos. Man könnte, um im Bild zu bleiben, glatt vom Glauben abfallen: Aufklärung ist also Religion geworden!

Was aber ist dann mit der Religion? Wird sie nun wenigstens, gleichsam im Umkehrschluss, zur Aufklärung?

Man erfährt es nicht, denn die Opfer des westlich-abendländischen Kulturkampfs kommen in dieser Feuilleton-Debatte nur als Schimäre vor, als westlich-negative (Angst-)Projektion, Gestalten ferner Ereignisse dort drunten, wo die Völker scheinbar grundlos aufeinanderschlagen. Islam, Islamismus und Terror sind da nicht mehr als eine feuilletonistische Duftmarke. So verwundert es keineswegs, dass die seit Jahren geführte Diskussion über die Vereinbarkeit eines korantreuen, gläubig-militanten Islam mit Demokratie und Menschenrechten bei Steinfeld auf die Gegenüberstellung einer "stark idealisierten Fassung freiheitlicher Werte" mit "abweichenden religiösen Sitten" zusammenschnurrt.

Verleugnung der Realität

In dieser geradezu phantastischen Verharmlosung stehen die Dinge endgültig auf dem Kopf, und die Wirklichkeit kommt gar nicht mehr vor. Es scheint, als solle die globale, asymmetrische Bedrohung durch den islamistischen Terror mit einer scheinbaren Symmetrie weggezaubert werden. Motto: Die einen sind so schlimm wie die anderen.

Andersherum gilt die gleiche Äquilibristik: Die historischen Errungenschaften von Humanismus, Aufklärung und Säkularisierung werden ebenso grotesk kleingeredet wie die weltweiten Freiheitsbedrohungen, die von den vielfältigen Strömungen eines radikalisierten Islam ausgehen.

Geradezu einer Verleugnung der Realität kommt es nahe, wenn Steinfeld schlussfolgert, dass die Integration des Islam in die demokratischen Gesellschaften des Westens nach dem Willen der publizistischen "Hassprediger" nur über eine autoritäre "Zwangsmodernisierung" à la Atatürk denkbar sei.

Mal abgesehen davon, dass der Münchener Feuilletonist damit die moderne Türkei als historisch abschreckendes Beispiel präsentiert; statt von Zwangsehen und "Ehrenmorden", von einem reaktionären Frauenbild und einer voraufklärerischen Fixierung auf Jahrtausende alte "heilige" Worte (bis zur legitimen Verfolgung und Tötung von "Ungläubigen") zu reden, attackiert er die Polemiker jener Freiheit, die er selbst tagtäglich genießt.

Schon die einfachste intellektuelle Unterscheidung fällt hier unter den Tisch: Anders als das Christentum, dessen aggressives Wüten seit der Französischen Revolution gebändigt werden konnte, kennt der Islam bis heute keine echte Aufklärung, keine wirkliche Trennung von Religion, Staat und Gesellschaft, keine unveräußerlichen Rechte des frei geborenen Individuums, schon gar nicht von Mädchen und Frauen, ob mit oder ohne Kopftuch.

So ist es auch nur folgerichtig, dass offizielle Repräsentanten und Verbandsvertreter des Islam in Deutschland an Debatten dieser Art praktisch gar nicht teilnehmen, denn es geht in diesen ja nicht um religiöse, sondern um gesellschaftliche und politische Fragen. Zu ihnen haben sie - außerhalb der üblichen Interessenvertretung - ganz offenbar nichts zu sagen. Es sei denn, sie wären in der Lage, ihr religiöses Bekenntnis gleichsam von außen und damit eben kritisch-historisch zu betrachten, mit räsonierendem Abstand, in einem tatsächlich "herrschaftsfreien Diskurs".

Genau deshalb auch braucht es wohl die selbsternannten Gouvernanten des Feuilletons, die gar nicht merken, dass ihr ideologischer Paternalismus einer Entmündigung all jener Muslime gleichkommt, die selbst das Wort ergreifen sollten - frei, selbstbewusst und gerne auch polemisch, wenn's der Wahrheitsfindung dient.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1327 Beiträge
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Seite 1
Neurovore 15.01.2010
1. ...
Zitat von sysopMehr Selbstverachtung und Realitätsverlust war selten: In deutschen Feuilletons tobt eine neue Debatte über den richtigen Dialog mit dem Islam. Kurioserweise werden dabei ausgerechnet jene Publizisten als "Hassprediger" bezeichnet, die auf westliche Werte wie Aufklärung und Menschenrechte pochen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,672117,00.html
Ja, sehr seltsam das alles... Am besten, man spricht jetzt mal für 10 Jahre ein totales Diskussionsverbot über die Abschaffung westlicher Wert aus und hält sich solange an die hier geltenden Gesetze. Wer die verletzt, wird konsequent bestraft. Fertichaus. Nach einer Dekade kann man sich dann wieder zusammensetzen und sich überlegen, ob man alles so beibehalten oder doch was ändern will. Bis dahin soll das ewige Gesabbel aber mal aufhören. Beim Fußballspiel muß der Schiedsrichter auch nicht alle zwei Minuten über den Sinn und Zweck der Regeln diskutieren. Wer sich während des Unterrichtes mit Schülern über die Einhaltung von Respekt und sozialen Regeln auseinandersetzen muß, der hat schon verloren. Und ein Kind, das immer und immer wieder quengelt und nachfragt, das landet irgendwann im Keller. Bzw. sollte dort landen. Ich persönlich habe die Schnauze schon lange voll, daß man sich nicht nur vor islamischen Verbänden für die hier geltenden Rechte, Werte und Freiheiten rechtfertigen muß, sondern in letzter Zeit auch noch vor realitätsfremden sogenannten "Intellektuellen". Deswegen mache ich das auch erst gar nicht.
spiegel-hai 15.01.2010
2. Vorschlag
Zitat von sysopMehr Selbstverachtung und Realitätsverlust war selten: In deutschen Feuilletons tobt eine neue Debatte über den richtigen Dialog mit dem Islam. Kurioserweise werden dabei ausgerechnet jene Publizisten als "Hassprediger" bezeichnet, die auf westliche Werte wie Aufklärung und Menschenrechte pochen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,672117,00.html
tja, vielleicht schaffen wir sie im Sinne moderner Toleranz einfach ab, unsere westlichen Werte...
goliat7 15.01.2010
3. ?
Sehr guter Artikel. Mich erstaunt, daß FAZ und SZ so einen Unsinn auch noch drucken!
snickerman 15.01.2010
4. Danke!!
JA!! Das sind exakt meine Worte! Diesem Relativistengeschwafel sogenannter "Gesellschaftskritiker", die einfach alles in einen Topf schmeißen und auf den Grundlagen herumtrampeln, die es ihnen erst erlauben, ihre Meinung so zu äußern, gehört endlich mal ein lautes "NEIN!!" entgegengeworfen! Paternalistische Dummschwätzer, die einfach in unüberlegtem Rassismus die eigenen Werte verachten und diese den "armen unterdrückten benachteiligeten Andersdenkenden" vorenthalten wollen- was müssen die für eine Angst haben, dass "Ihre" (also "unsere") Werte besser sein könnten! Nein, es muss alles gleich sein, alles muss dieselbe Grautönung haben. Wie sollen wir von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten überzeugen, wenn uns unsere selbsternannten "Vordenker" derart schmählich in den Rücken fallen? Und wenn wir uns wehren- sind wir genauso wie die Extremisten auf der anderen Seite, die uns und unserer Gesellschaft den Tod wünschen? Steht auf und wehrt Euch! WIR sind das Volk!
Koronbock 15.01.2010
5. Ins Scwarze getroffen !
Prima! Endlich mal jemand, der die verquere Logik von angeblicher "Islamophobie" gerade rückt und auf die Errungenfschaften hinweist, die diese Kritiker gerne und aus dem vollen schöpfend für sich in Anspruch nehmen: Redefreiheit, Menschenrechte, freie Wahl des Lebenspartners (besonders für Mädchen und Frauen), Freiheit von körperlicher Bedrohung bei abweichender Meinung, die Freiheit religiös zu sein oder auch die Kirche zu verlassen etc. etc. Es ist an der Zeit, dass es sich auch Moslems gefallen lassen müssen kritisiert zu werden. Ich bin sehr wohl gegen Zwangsheirat, gegen Verschleppung "junger Bräute" von Deutschland in die Türkei, finde man darf auch als Moslem seine Religion wechseln oder verlassen, Rede- und Meinungsfreiheit sowieso und kritisiere hart die Bedrohung von Leib und Leben, die sich Kritiker des Islams (auch kritische Muslime selbst) gefallen lassen müssen. Von fanatischen Bombenlegern will ich gar nicht erst reden. Habe nichts dagegen, dass unser Gesellschaftssystem von Muslimen kritisiert wird, das Gleiche müssen sie sich aber für ihr System auch gefallen lassen. Daran hapert es leider, denn Kritik am Islam wird mit körperlicher Gewalt, Drohungen und Mordaufrufen beantwortet. Das darf man nicht kritisieren???
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