Debatte über Jugendgewalt Dampf ablassen wie der Hesse

Kluge Köpfe, steile Thesen: In der Jugendgewalt-Debatte attackiert "Zeit"-Feuilletonchef Jessen deutsche Spießer, "FAZ"-Herausgeber Schirrmacher versucht, "Scheiß-Deutsche"-Rufe als Volksverhetzung zu brandmarken. Sie alle fallen auf Roland Kochs Wahlkampf-Populismus herein.

Von Reinhard Mohr


Vielleicht muss man Hesse sein, um das alles noch zu verstehen. "Roland Koch ist ein Straßenkämpfer", sagte gestern Abend ein Freund aus alten Frankfurter Zeiten am Telefon. "Und so muss man ihm begegnen." Da ist es nur logisch, dass am kommenden Montag beim Wahlkampf-Auftritt in Wiesbaden auch Joschka Fischer in jene neueste deutsche Debatte eingreifen wird, die mit den Videobildern eines brutalen Überfalls in der Münchner U-Bahn begann. Schon vor Jahren hat Fischer im privaten Gespräch geäußert, kaum etwas würde ihm mehr innere Freude bereiten als einen Wahlkampf gegen Roland Koch zu führen.

Streit-Thema Jugendgewalt: Ideologische Härte
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Streit-Thema Jugendgewalt: Ideologische Härte

Damals galt der Mann allerdings noch als möglicher CDU/CSU-Kanzlerkandidat. Inzwischen ist er schon deutlich weniger satisfaktionsfähig. Nebbich.

Seit beinahe drei Wochen nun reden wir über Jugend- und Ausländerkriminalität in Deutschland - Streitkultur am Rande des Nervenzusammenbruchs. Doch allein der Gedanke an den hypothetischen Fall, das Opfer wäre kein deutscher Rentner gewesen, sondern ein dunkelhäutiger Asylbewerber, verdeutlicht den primären Kontext der Auseinandersetzung. Und der heißt Wahlkampf, sonst nichts. Roland Koch kennt da keine Skrupel. Wenn's der Machterhaltung dient, bleibt die Wahrheitsfindung Nebensache.

Das hat in Hessen Tradition. Schon CDU-Chef Alfred Dregger seligen Angedenkens, Offizier der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und bis zum Tode nationalkonservativ gesinnt, konnte die Linie zwischen Freund und Feind so scharf ziehen wie seinen eigenen Scheitel. Da ging es ums Prinzip. Doch auch der sozialdemokratische Ministerpräsident Holger Börner hantierte rhetorisch schon mal mit "Dachlatten" vom Bau, die man linken und grünen Revoluzzern von Herzen gern über den Schädel ziehen würde.

Mag sein, dass die besondere ideologische Härte der politischen Auseinandersetzung im schönen Hessenland auch eine Erbschaft jenes Kulturkampfs ist, der auf seinem Höhepunkt im Jahre 1968 gerade in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet außergewöhnlich intensiv und anhaltend geführt wurde.

Vom Hamburger Drehstuhl aus

All das ist unschön genug. Das Problem ist: Die graue Wirklichkeit kommt noch hinzu. Und die ist ziemlich kompliziert und mit jeder Menge Fallstricke ausgestattet für all jene, die jetzt richtig Dampf ablassen wollen. Das gilt für alle Seiten: Da will jeder mal den Hessen in sich rauslassen.

Jüngstes Beispiel: Jens Jessen, Feuilletonchef der Wochenzeitung "Die Zeit". In seinem Videoblog stellte Jessen die aktuelle Schlachtordnung regelrecht auf den Kopf und wetterte gegen die "unendliche Kette von Gängelungen, blöden Ermahnungen und Anquatschungen" intoleranter deutscher "Spießer", mit denen sie ausländische Jugendliche seit eh und je drangsalierten. Rhetorisch zugespitzt fragte er, ob unser Problem in Wahrheit nicht darin bestehe, "dass es zu viele besserwisserische deutsche Rentner gibt, die den Ausländern hier das Leben zur Hölle machen und vielen Deutschen auch".

So wäre das "Ausländerproblem" in Wahrheit ein "Rentnerproblem".

Nun brach ein Sturm los, und da half es auch nichts, dass Jessen schriftlich nachschob, er habe sich vielleicht etwas "unklar ausgedrückt". Aber so ist das eben, wenn niemand mehr redigiert. Dann gilt allein das erbrochene Wort.

Debattenhirsch mit Jagdtrompete

"FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher packte wie gewohnt die größte Jagdtrompete aus und postulierte unter der Überschrift "Junge Männer auf Feindfahrt", dass die "Mischung aus Jugendkriminalität und muslimischem Fundamentalismus potentiell das ist, was heute den tödlichen Ideologien des 20. Jahrhunderts am nächsten kommt". Faschismus und Kommunismus stehen also wieder vor der Tür. Drunter geht's nicht. Nebenbei ließ sich Schirrmacher die Gelegenheit nicht entgehen, seinem einst vor ihm aus Frankfurt geflohenen Ex-Redakteur Jessen noch eins mitzugeben. Straßenkampf, wohin man blickt.

Schirrmachers steiler, ins apokalyptisch-geschichtsphilosophische zielender Sound von Feindschaft, Untergang und Endkampf begeisterte die "Bild"-Chefredaktion so sehr, dass sie seine Feuilleton-Polemik gestern auf den Seiten 2 und 3 nachdruckte - ohne Genehmigung. Die erbosten "FAZ"-Herausgeber verlangten daraufhin von "Bild"-Chef Kai Diekmann 5000 Euro, zahlbar als Spende an die Initiative "F.A.Z.-Leser helfen".

Heute schließlich meldete sich der Chefredakteur der "Welt", Thomas Schmid, zu Wort, um dem Kollegen Jessen gleichfalls eins überzubraten. Der "liberale Herr von der Zeit" habe schlicht das "Opfer zum Täter" gemacht. Während Schmid wie Schirrmacher eine "wachsende Zahl junger männlicher Ausländer" sieht, die mit ihrer "Rohheit" einen "existentiellen, fast körperlichen Dissens zur Mehrheitsgesellschaft" zur Schau stellten, lasse Jessen nun den "deutschen Spießer" als Klischee vom bösen preußischen Krypto-Faschisten mit Pickelhaube wieder auferstehen. Anfang der neunziger Jahre hatte Schmid übrigens noch ein sehr kluges Buch über die Probleme von Einwanderung und Integration verfasst. Titel: "Heimat Babylon".

Multikulti war gestern

Aber die Gefechtslage wird noch verzwickter: Zur gleichen Zeit findet sich auf "Welt online" ein Kommentar des liberalen "Welt"-Feuilletonchefs Eckhard Fuhr, der sich wiederum über Schirrmachers notorischen Hang zum Methusalemkomplott-gestützten Weltbürgerkriegsdenken lustig macht.

An dieser Stelle verliert selbst der klügste Hesse den Überblick.

Vielleicht gelingt dies am Ende einem Wahl-Hamburger mit Migrationshintergrund, Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der "Zeit", somit auch Chef von Jens Jessen. In seinem Kommentar von heute kritisiert er die "reflexhaften" Reaktionen von Linken und Liberalen, wenn es um die "Gewalt junger Ausländer" geht. Durch Leugnung und Beschönigung der Wirklichkeit, durch das Kleinreden von Problemen stärke man nur Kochs politische Strategie. Da hat er Recht. Aber hier ist auch die Krux.

Denn längst gibt es viele Linke und Liberale, die offen über deutsch-türkische und deutsch-arabische Familien reden, in denen kaum Deutsch gesprochen, dafür aber umso mehr geschlagen und geprügelt wird, wo sich ein archaischer Machismo mit islamischen Glaubensritualen mischt und die klassische Idee vom sozialen Aufstieg, gar von Bildung und Erziehung, so weit weg scheint wie der Mond.

Und es stimmt: In der Wahrnehmung dieses Teils der deutschen Wirklichkeit ist in den vergangenen Jahrzehnten viel versäumt worden, von ihrer Veränderung ganz zu schweigen. Das aber gilt für alle Parteien dieser verqueren Debatte. Noch vor wenigen Jahren haben sich viele Konservative mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, die offenkundige Realität Deutschlands als größtes europäisches Einwanderungsland anzuerkennen. Stattdessen ereiferten sie sich über linke Multikulti-Träume.

Jede Form von Ethnisierung der Debatte ist ein kultureller wie politischer Rückschritt. Erst recht wäre es ein ideologischer Straßenkampf, der nun wirklich nichts zur Wahrheitsfindung beiträgt.



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