Debatte über Köln-Berichterstattung Wir müssen mal reden

Langsam, verlogen, tendenziös? Nicht nur die Polizei, auch die Medien stehen nach den Übergriffen von Köln in der Kritik. Die Wogen der Erregung überschlagen sich - ein Kommunikationsproblem, das weit über die Silvesternacht hinausweist.

Dunkle Wolken über Köln: Was ist da eigentlich genau passiert?
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Dunkle Wolken über Köln: Was ist da eigentlich genau passiert?

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Was bleibt eigentlich wirklich haften im kollektiven Gedächtnis nach dieser Woche der Erregung über #koelnhbf? Im schlimmsten Fall das: In der Silvesternacht hat sich ein "Sex-Mob" aus tausend Nordafrikanern und Arabern über deutsche Frauen hergemacht, sie aggressiv sexuell bedrängt und vergewaltigt. So pauschal stimmt das nach gegenwärtigem Ermittlungsstand nicht, aber es ist das, was bei manchen ankommt, zum Beispiel beim amerikanischen Präsidentschaftsbewerber Donald Trump, der am Mittwoch twitterte: "Germany is going through massive attacks to its people by the migrants allowed to enter the country. New Years Eve was a disaster. THINK!" Trump ist ein Demagoge, ein politischer Populist, der die Wahrheit gern zur Beförderung seiner nationalkonservativen Agenda verdreht.

Dagegen kann man als Journalist nichts tun, außer durch seriöse, an Fakten orientierte Berichterstattung aufzuklären. Ebenso wenig wie gegen Interessengruppen oder Parteien wie Pegida und AfD, denen es gut in ihr Konzept des Ängste- und Ressentiments-Schürens passen würde, wenn in der Nacht zu Neujahr tatsächlich eine lüsterne, besoffene Horde Flüchtlinge über wehrlose Kölnerinnen hergefallen wäre. Jüngsten Erkenntnissen zufolge waren womöglich Flüchtlinge an den Übergriffen auf dem Bahnhofsplatz beteiligt, aber auch eine Woche nach den Vorfällen ist noch immer nicht klar, was genau eigentlich passiert ist.

Das ist in erster Linie ein Problem der Kölner Polizei, die - offenbar personell und organisatorisch überfordert - seit Tagen versucht, ihre Versäumnisse vom 31. Dezember einzuholen. Vermutlich mit wenig Erfolg. Das trägt wenig zur Entspannung der emotionalen, haarsträubend komplexen deutschen Gemütslage zu Beginn dieses Jahres bei. Aber auch dagegen kann man nicht viel machen. Außer möglichst faktenbasiert zu berichten und auf eine mündige Öffentlichkeit zu vertrauen, die in der Lage ist, sich aus den diversen zur Verfügung stehenden Informationsquellen eine eigene Meinung zu bilden.

Eine Frage der Haltung

Ob das in den vergangenen Tagen geschehen ist, darüber wird heftig gestritten, in den Foren und sozialen Medien, in den Feuilletons und unter Politikern. Die "FAZ" wirft den öffentlich-rechtlichen Sendern schon länger vor, in der Debatte um die Flüchtlingspolitik einen Merkel-treuen "Willkommens-Rundfunk" zu propagieren, mein Kollege Jan Fleischhauer nannte diese Art der pädagogisch tendenziösen Berichterstattung in seiner Kolumne "Nanny-Journalismus". Gemeint ist damit der Impuls, nicht nur aktuell über einen Sachverhalt berichten, sondern auch gleich noch die vermeintlich richtige Lesart vermitteln zu wollen: Bloß nicht den rechten Hetzern in die Hände spielen! Oder vielleicht auch gerade das. Medien wie auch das Publikum waren bestrebt, schnell eine Haltung zu den Ereignissen von Köln einzunehmen, vielleicht zu schnell.

ARD und ZDF als immer noch meistgenutzte Nachrichtenmedien stehen dabei ganz besonders im Kreuzfeuer, aber auch Zeitungen und Onlinemedien wie SPIEGEL ONLINE stehen seit Aufflammen der Flüchtlingsdiskussion unter "Lügenpresse"-Verdacht: Gleichgeschaltet, desinformierend und bevormundend würden wir oftmals berichten, wenn es um die heikle Thematik ginge. Das stimmt nicht, wir recherchieren, gehen Informationen auf den Grund und hinterfragen sie, wir veröffentlichen sie, wenn wir von ihrer Stimmigkeit überzeugt sind, zum Beispiel wenn wir sie selbst erlebt haben oder wenn es zwei unabhängige, verlässliche Quellen gibt und wir diese nachprüfen können. Ist dies nicht der Fall, machen wir bei der Berichterstattung deutlich, dass die Faktenlage unsicher ist. Ernst nehmen müssen wir solche Beschuldigungen dennoch. Auch, wenn zunächst die Empörung überwiegt und das ständige, oft polemische Kommentarfeuer selbst den robustesten Reporter mürbe macht.

Verhärtete Fronten

Mit den Ereignissen der Silvesternacht hat sich diese seit Monaten andauernde Frontenbildung zwischen Medien und Publikum verhärtet. Grund dafür ist wahrscheinlich auch die in diesem Fall besonders vertrackte Ausgangssituation: Fakt ist, dass die Kölner Polizei, aus bisher immer noch unklaren Gründen, zunächst keine besonderen Vorkommnisse meldete und sich die Nachricht daher über das anschließende Wochenende kaum über die lokalen Blätter und Sender hinaus verbreitete. Erst nach der Pressekonferenz der Polizei am Montag sprangen die meisten überregionalen Medien auf, was, ganz banal, auch daran gelegen haben wird, dass die meisten Redaktionen erst am Montag nach den Feiertagen wieder voll besetzt waren.

Am Montag waren die Leserbriefpostfächer und Kommentarspalten jedoch schon prall gefüllt mit wütenden Nachfragen und Vorwürfen, man würde die Ereignisse in Köln absichtlich herunterspielen wollen, weil potenziell Flüchtlinge beteiligt gewesen seien, die vermeintlich unter besonderem Schutz der Medien stünden.

Die Informations- und Recherchelage war zu diesem Zeitpunkt noch denkbar dünn, der Druck und die Suggestion, schon viel zu spät dran zu sein, aber umso höher. Eine Hilflosigkeit, die zu irrwitzigen Pannen wie der Facebook-Frage der heute+-Redaktion führte, wie der User sich denn die Berichterstattung wünsche.

Die ganze Sache wurde sehr schnell sehr atemlos, sehr grundsätzlich, sehr alarmistisch und staatstragend. Es gab ständig News-Updates, immer mehr Informationen wurden durch Recherche oder Pressemitteilungen bekannt.

Es gibt kein Schweigekartell

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Explosion der Berichterstattung in fast allen großen Nachrichtenkanälen auch die Politiker auf den Plan gerufen, die mit teils wohlfeilen, teils überzogenen Statements zusätzlich anheizten, was eh schon heiß lief. Justizminister Heiko Maas sprach über "eine neue Dimension organisierter Kriminalität", und sogar die Bundeskanzlerin fühlte sich am Dienstag genötigt, zu den zu jener Zeit immer noch weitgehend im Dunkel liegenden Kölner Vorfällen Stellung zu beziehen. Sie verlangte nach "einer harten Antwort des Rechtsstaats", vielleicht auch, um sich im Hinblick auf das bevorstehende CSU-Traditionstreffen in Kreuth mal nicht von der verständnisvollen Seite zu zeigen, sondern als Konservative reinsten Wassers. Die Christsozialen selbst stimmten in den Kanon von AfD und Pegida oder rechtsgerichteten Agenda-Medien wie dem Magazin "Compact" ein, indem sie ein "Schweigekartell" der Medien postulierten.

Das ist nicht nur Unfug im Hinblick auf die durchaus schnell und aktuell berichtende Lokalpresse aus Köln sowie die Nachrichtenagentur dpa und den Onlinedienst des WDR, sondern auch wenig hilfreich für den Dialog zwischen "Lügenpresse"-Verfechtern und Journalisten, die im immer undurchsichtiger und hektischer werdenden Strudel von Meinungen, Postings, Tweets und Statements verschiedenster Interessengruppen und Individuen versuchen, neutral und besonnen zu bleiben.

Der wütend geäußerte Missmut der Leserschaft ist nachvollziehbar und gerechtfertigt, wenn Medien simple Deutungshoheiten beanspruchen und verbreiten. Deren Verteidigung ließe Journalisten dann tatsächlich von Vermittlern und Interpreten zu "Nannys", wenn nicht gar Propagandisten, werden. Die vielen informativen Berichte, Reportagen und auch die oft klugen und kontroversen Kommentare der letzten Tage in diversen Medien des Landes (auch einige ärgerliche und dusselige waren dabei) zeigen: Das ist glücklicherweise nicht der Fall. Auch wenn eine gefühlte Mehrheit der Menschen, die sich kritisch in Foren und Zuschriften äußern, das zurzeit nicht so sehen.

Dagegen kann man nichts machen? Das muss man aushalten, wie man auch einen Rabulistiker wie Donald Trump aushalten muss? Natürlich muss man das. In jedem Fall aber muss über Trumps Ausfälle, seien sie noch so eklig, genauso berichtet werden wie über die Kölner Straftaten, egal, von wem sie verübt wurden.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Andreas Borcholte ist Autor mit Sitz im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Andreas_Borcholte@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 169 Beiträge
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Seite 1
böserkassenarzt 09.01.2016
1.
Dem kann man zustimmen. Zumindest was das angebliche "Schweigekartell" angeht. Denn ein solches wäre in Zeiten sozialer Medien ohnehin sinnlos, selbst wenn es dieses gäbe. Was ARD/ZDF angeht: Da hat die FAZ recht. Regierungsfernsehen. Warum? Die ÖR haben allen Grund, den Altparteien dankbar zu sein, haben die doch den Zwangsbeitrag eingeführt und ihnen Milliarden in die Taschen gespült.
jojack 09.01.2016
2. Ein Missverständnis
Dass es überhaupt der Ereignisse zu Silvester bedurfte, damit sich Spiegel Online mit der Medienkritik befasst, sagt eigentlich schon alles. Darum geht es eben genau nicht! Es geht um eine verfehlte Asylpolitik, die von einer Einheitsfront aus Politik und Medien als "moralischer Imperativ" dargestellt wurde. Eure Aufgabe ist es aber nicht, nachzuplappern, was die Bundeskanzlerin in ihrer Überforderung so in den Raum stellt. Sondern zu hinterfragen, zu analysieren und die dicke Schicht moralinsaurer Patina von den nackten Fakten abzukratzen. Wieso gibt es keinen medialen Aufschrei, dass die Bundeskanzlerin es nun schon seit einem halben Jahr nicht für nötig befindet, sich eine demokratische Legitimation für ihr einsames Handeln abzuholen? Wo wird hinterfragt, on die Migranten aus aller Herren Länder denn überhaupt asylberechtigt sind? Wo ist die entlarvende Analyse, dass die deutsche Sonderregelung nur risikofreudige und finanzkräftige Migranten belohnt, die hilfsbedürftigen Flüchtlinge in den Anrainerstaaten Syriens aber bei verknappten Hilfsgeldern dahinvegetiert?
nullneunelf 09.01.2016
3.
und deren jämmerliches Bild dürften mit SPON und dem ÖR-Angebot weitgehend beschrieben sein. Man kann keinem Medium vorwerfen, dass es nicht berichtet, was ihm nicht berichtet wurde, also von Kraft und Jäger aus ideologischen Erziehungsgründen angeordnetermaßen unter den Teppich gekehrt wurde. Nicht nur und nicht erst seit Silvester. Man kann aber sehr wohl vorwerfen, nach dem Bekanntwerden unglaublicher Vorgänge und reichlich verlässlichen und verschiedensten Quellen dazu, tagelang eine schon lächerliche Verharmlosungs- und Verallgemeinerungskanonade losgelassen zu haben, dies unter absichtlicher Weglassung der bekannten Fakten.
multimusicman 09.01.2016
4. Vielen Dank für diesen auch selbstkritischen Artikel
viele Journalisten sollten in sich gehen, ob dieses Links-Rechts Dogma noch sinnvoll ist. Wenn Menschen von vornherein in Ecken gestellt werden und als undemokratisch oder Nazis verurteilt werden, soll sich niemand wundern, wenn in unserem Land die Extremisten immer mehr Raum bekommen. Auch die Tendenzen in Polen und Ungarn werden sich verfestigen. Am Deutschen Wesen wird die Welt nicht genesen, da hier zu oft extrem argumentiert wird. Mit dem Spruch: wir schaffen das schon, ist viel Porzellan zerschlagen worden, weil Merkel, wirtschaftshörig wie sie ist, schon 100 tausende, hoch qualifizierte erträumt hat. Wenn nicht bald wieder Empathie auf allen Seiten in unserer Bevölkerung eintritt, werden wir ein sehr ungemütliches 2016 bekommen.
jupiter12 09.01.2016
5. Ja man muss es aushalten
Aber ein Gefühl der Hilflosigkeit unserer Medienwelt ist erkennbar. Wer verhält sich richtig? Der nachdenkliche Bundesbürger, der vermeintlich rechte Bundesbürger oder der zögerliche Journalist? Hilfreich ist immer die Wahrheit sofort zu benennen und auch zu veröffentlichen. So wie es jetzt abgelaufen ist, war es eine Unterstützung aller rechten Gesinnungsgenossen. Der Glaube an eine objektive Medienlandschaft ist leider stark eingetrübt.
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