Debatte über No-Go-Areas "Es wird krass, es wird heftig"

No-Go-Areas in Deutschland? Eine Gesprächsrunde in der Berliner Akademie der Künste betrieb gestern Abend Ursachenforschung. Das deutsche Schulsystem mache aggressiv, meint Uwe-Karsten Heye. Die Polizei schikaniere Opfer, sagen Betroffene. Und Katja Riemann will Zivilcourage - statt Biologie Unterricht.

Von


Berlin - Das Spiel Deutschland gegen Ecuador ist erst seit einer Stunde abgepfiffen, Fußballfans haben die Straßen der Berliner Innenstadt in eine Partymeile verwandelt - aber im Studio der Berliner Akademie der Künste ist am Tag des deutschen Jubels trotzdem volles Haus. 

Die These des ehemaligen Regierungssprechers Uwe-Karsten Heye, es gäbe in Ost-Deutschland "No-Go-Areas" für ausländisch aussehende Menschen, scheint auch in den Stunden höchster Fußballverrücktheit ihre polarisierende Wirkung nicht zu verlieren. Hunderte sind in die Berliner Akademie gekommen, um mit Prominenten, Experten und Betroffenen über Rechtsextremismus in Deutschland zu diskutieren. "No-Go-Areas? Rechte Gewalt in Deutschland" heißt die Veranstaltung.

Berliner Akademie der Künste: Debatte zwischen zwei Spielen
DPA

Berliner Akademie der Künste: Debatte zwischen zwei Spielen

Das Licht im Hörsaal der Akademie ist gedämmt. Auf dem Podium sitzt der ARD-Journalist Thomas Roth, der die Diskussion leiten soll. "Super", sagt er ins Mikrofon. Super, dass so viele da seien - trotz des spannenden Vorrunden-Spiels England gegen Schweden. Auch der neue Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, dem Roth als erstes das Wort gibt, ist glücklich und will am liebsten jedem die Hand persönlich drücken, der es in "diesem Fußballrausch" geschafft hat, zu der Diskussion zu kommen."

Neben Roth und Staeck hat Uwe-Karsten Heye Platz genommen - der Mann, ohne dessen Äußerungen es diese Gesprächsrunde hier gar nicht gebe. Heye, unter Rot-Grün Regierungssprecher, jetzt Chefredakteur der SPD-Postille "Vorwärts" und Vorsitzender des Vereins "Gesicht zeigen!", ist gekommen, um über seine öffentliche Warnung an dunkelhäutige WM-Besucher zu diskutieren. Bestimmte Gegenden in Ost-Deutschland sollten diese besser meiden, wollten sie am Leben bleiben, meint er.

Es geht ihm vor allem darum, nach den Ursachen für Rechtsextremismus zu suchen: Er habe noch kein Baby gesehen, das "Heil Hitler!" aus dem Kinderwagen schreie, sagt Heye. Es stehe immer eine Erwachsenenwelt hinter den rechtsextremen Jugendlichen. Und ein schlechtes Schulsystem: die frühe Selektion, die deutsche "Beschämungskultur", den Frontalunterricht. "Die Situation an deutschen Schulen macht aggressiv und krank", resümiert er.

"Wie kriegt man Bock auf's Leben?"

Auf dem Podium sitzt auch die Schauspielerin Katja Riemann. Sie redet schnell und mit ausladenden Bewegungen. Sie will Fragen stellen. Fragen wie: "Wie kriegt man Bock auf's Leben?" Man müsse bei den Jugendlichen ansetzen, widerspricht sie Heye. "Einen 14-Jährigen kann man vielleicht noch ändern, einen Erwachsenen nicht mehr." Wenn es nach ihr ginge, sollte man an den Schulen Zivilcourage statt Biologie unterrichten.

Nachdem Katja Riemann von ihren Erfahrungen als deutsche Schauspielerin im Ausland erzählt hat, ist Simplice Freeman dran - der einzige Dunkelhäutige in der Diskussionsrunde. Freeman ist aus Kamerun nach Deutschland eingewandert. Er war schon mehrmals Opfer rechter Gewalt  und hat zur Fußball-Weltmeisterschaft die Notruf-Hotline "World Cup Racism Helpline Germany 2006" gegründet. Was es tatsächlich bedeute, Opfer rechtsextremer Gewalt zu werden und dabei in keiner Weise auf die Polizei zählen zu können, sei kaum zu erklären, sagt er. Viele Deutsche könnten nur einen Teil des Schmerzes fühlen. Er kenne keinen Schwarzen in Deutschland, der noch nicht entweder von der Polizei oder von "Faschos" schikaniert worden sei. Als Schwarzer in Deutschland wüssten viele nicht, wo sie "ihre Füße hinsetzen sollen". Sie seien ohne Chance - gefangen zwischen Rechtsextremen und Polizei.

Eine Anklage an die Polizei und die Justiz, auf die in dieser Runde nur einer antworten kann: Der brandenburgische Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg. Direkt nach der Wende habe die "Strafverfolgung im Osten einfach nicht funktioniert", erklärt Rautenberg. Aber mittlerweile gebe es "gewisse positive Entwicklungen". In Brandenburg würden nicht mehr am helllichten Tag Menschen ihre rechtsextremen Parolen skandieren können, ohne dass sich jemand daran störe, sagt er.

Fragwürdige Kommentare über schwarze Fußballer

20 knappe Minuten hat das Publikum jetzt noch, um selber zu Wort zu kommen. Eine Zuhörerin mit langen dunklen Haaren erzählt von einem Überfall in Ostdeutschland auf die Fußballmannschaft ihres Sohnes - eindeutig eine Tat mit rechtsextremem Hintergrund, die aber als normale Straftat behandelt worden sei. Sie könne sich vorstellen, warum es so wenig Zivilcourage gebe. "Weil es so wenig Justizcourage gibt!"

Riemann ist bereits gegangen, und Moderator Thomas Roth will nicht mehr viele Fragen genehmigen - dabei stehen die Leute aus dem Publikum Schlange. Aber das England-Schweden-Spiel beginnt in wenigen Minuten. Ein Zuschauer wirft Roth ungerechtes Zeitmanagement vor: "Dann hätten Sie vielleicht einmal weniger sagen sollen, wie toll die Filme von Katja Riemann sind!"

Da hat Simplice Freeman noch eine letzte Antwort auf die Frage, wie es weiter gehen könne. Über Zivilcourage sei zwar schon viel gesagt worden an diesem Abend, sagt er. Aber die Menschen in Deutschland müssten wissen, dass es in Zukunft nicht so "peaceful" bleiben werde. Die nächste Generation der Migranten sei bereit, Gewalt anzuwenden, wenn sich ihre Situation nicht ändere. "Es wird krass, es wird heftig", sagt er.

Und wie fällt das Fazit der Zuhörer aus? Ein älterer Mann kritisiert nach der Veranstaltung, die Moderation sei "prominentengeil und windelweich" gewesen. Als wichtigste Lektion des Abends nehme er mit, dass die deutsche Polizei Opfern von rechter Gewalt nicht hilft. "Ein riesiges und offenes Problem." 



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.