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S.P.O.N. - Oben und unten: Schon wieder deutsche Werte manipuliert

Eine Kolumne von

Wie halten es diese Flüchtlinge mit der Gleichstellung Homosexueller? Und respektieren sie die Rechte der Frauen? Ausgerechnet Konservative machen sich darüber jetzt große Sorgen - dabei waren ihnen diese Themen bisher herzlich egal.

Es ist fast eine Binsenweisheit: Die meisten Unfälle passieren entweder im Haushalt oder in den Tweets von Erika Steinbach. Absurde Islamhetze zwischen Herbstlaub und Hortensien, das ist bei der Unionsfraktionssprecherin für Menschenrechte stets wie zufällig hingeschmoddert und wirkt dann insgesamt doch wieder so adrett arrangiert und erfrischend wie ein kleiner Pegida-Aufmarsch.

Nur dann und wann schleichen sich kleine feministische Momente ein in die rechtspopulistische Idylle. "Wir setzen uns für die Menschenrechte in aller Welt ein und schaffen es nicht, Frauen u. Kinder in Asylunterkünften zu schützen", twittert Steinbach, und: "Lb. Journalisten, in Asylunterkünften gibt es sex. Gewalt gegen Frauen und Kinder. Warum schützen Sie diese nicht durch Berichterstattung?"

Was ist da los? Erika Steinbach, die sonst Feministen und Islamisten in einem Atemzug erwähnt, hat die Frauenfrage für sich entdeckt? Hat sie, tatsächlich. Auf ihre Art. "Gerade wieder Flüchtlingsbilder. Frauen und Kinder. Dabei sind 90 % Männer", schreibt sie. Neunzig Prozent! Gut, man geht im Moment von zwei Dritteln aus, geschenkt. Jedenfalls: zu viele Männer. Dabei scheint sie mit Männermehrheiten üblicherweise keine Probleme zu haben: 74 Prozent der CDU-Mitglieder sind männlich, und 80 Prozent der CSU. Und nun? Erika: "Bei mir hat eine Frauenquote keine Chance!" Steinbach fordert eine Frauenquote für Flüchtlinge?

Natürlich nicht. Die CSU-Logik geht so: Die Flüchtlinge kommen, und es sind zu viele Männer. Man könnte jetzt, theoretisch, den Nachzug der Familien möglichst schnell sicherstellen, denn die Frauen und Kinder fehlen ja nicht, weil es für sie in Syrien so viel angenehmer ist, sondern weil für sie die Flucht noch gefährlicher ist als für einen Mann. Aber nein, als Lösung bietet die CSU: Familiennachzug begrenzen. Aha.

Nun ist Erika Steinbach nicht die einzige Konservative, die sich jetzt plötzlich vermeintlich um Frauenrechte sorgt.

Unsere Werte! Ja, was ist mit denen?

Bundespräsident Gauck hat in seiner Rede zum Jahrestag der Einheit gesagt: "Hier werden Errungenschaften wie die Gleichberechtigung der Frau oder homosexueller Menschen nicht infrage gestellt". Ach ja, Gauck. Der während der Sexismusdebatte 2013 den Aufschrei als "Tugendfuror" bezeichnete. Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner beschwert sich, dass ein Imam ihr nicht die Hand geben wollte. Ach ja, Klöckner. Die Weinkönigin, die sich vehement für ein Burka-Verbot einsetzt, obwohl in Deutschland kaum jemand Burka trägt.

Alles keine großen Feminist_innen.

Grund genug für die ARD, einen Beitrag zu drehen, zu dem der Moderator Rainald Becker einleitend fragt: "Wie reagieren wir, wenn Flüchtlinge Probleme haben mit der Gleichstellung, mit Frauenrechten...?" Die Flüchtlinge, die dann befragt werden, sagen zwar, dass sie kein Problem haben mit Frauenrechten, aber warum sollte man denen glauben? "Ein überzeugendes Konzept, wie unsere Werte geschützt werden können, bleibt uns die Politik schuldig", heißt es weiter. Unsere Werte! Ja, was ist mit denen? Deutsche Werte, da kann man natürlich viel drauf geben, solange es keine Abgaswerte sind.

Fast ein revolutionärer Zug von dem ARD-Beitrag, die Flüchtlinge mal selbst zu fragen. In der Maischberger-Sendung kam man nicht auf eine solche Idee.

"Es kommen aber nicht nur die feministischen Revolutionäre", hieß es in einem SPON-Interview gestern. Das wäre eventuell aber auch ein kleines Problem für einige. Gott sei Dank wissen wir auch so, wer da kommt und was wir denen erklären müssen. "Ihr müsst die Gleichberechtigung der Frau akzeptieren, ihr müsst lernen, dass Homosexuelle und Juden Menschen sind wie ihr", schreibt Harald Martenstein. Und Jan Fleischhauer hat sich bei einem Soziologen informiert und weiß, dass uns eine "Maskulinisierung" des öffentlichen Raums droht, und das kann "für die #Aufschrei-Welt" natürlich nur schlimm sein.

Abschreckung per Kiss-in an der Grenze

Wenn unsere guten, deutschen Werte nicht ausreichen, um Flüchtlinge abzuschrecken, dann manipulieren wir sie eben, bis sie stimmen. Unsere Werte! Wie Homosexuellenrechte! Ja, stimmt: Queere Menschen gelten hier nicht überall als krank und müssen nicht ins Gefängnis. "Schwul" ist nur leider immer noch ein Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen; heiraten und adoptieren dürfen Homosexuelle immer noch nicht wie Heteros, und beim Coming-out eines Priesters drehen alle durch. Aber wir haben ja noch andere Werte: Frauenrechte! Frauen verdienen hier weniger als Männer, auf Automessen setzen wir nackte Ladies auf Kühlerhauben, und wir haben eine Kanzlerin, die wir "Mutti" nennen und eine Verteidigungsministerin, die wir "Uschi" nennen, aber sonst geht's uns gut.

Ach ja, sexualisierte Gewalt war auch Thema. Nun ja. Sie können in Deutschland jemanden vergewaltigen mit sehr guten Chancen, unbestraft zu bleiben. In nicht einmal 9 Prozent der Fälle von angezeigten Vergewaltigungen kommt es zu einer Verurteilung. In einer europaweiten Studie gab jede dritte Frau an, schon einmal körperliche oder sexualisierte Gewalt, etwa die Hälfte sexuelle Belästigung in irgendeiner Form erlebt zu haben. Unsere Werte.

Nun gibt es konservative und rechte Politiker_innen, die Frauenrechte instrumentalisieren, um gegen den Islam Stimmung zu machen, nicht erst seit gestern. Das Phänomen ist nicht neu, es wird aber auch nicht besser, wenn man es länger liegen lässt.

Die CSU kündigt im Zweifel Notwehr an. Notwehr, das kann nur heißen, Seehofer wird sich persönlich mit Söder an der deutsch-österreichischen Grenze aufstellen und demonstrativ knutschen. Ein Kiss-in. Als Zeichen für unsere Werte. Das halten die Flüchtlinge doch alle nicht aus! Billiger als Stacheldraht. Nur die, die das ertragen, dürfen durch. Und zur Sicherheit stellt man da noch eine arbeitende, christliche Frau daneben, die ihre Meinung sagt. Nehmt doch gleich die Steinbach. Das ist dann ganz sicher Abschreckung genug.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 264 Beiträge
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1.
Olaf 08.10.2015
und ausgerechnet Linken scheinen sie jetzt egal zu sein. Dabei waren ihnen diese Themen doch sonst so wichtig.
2. Hoffnung
bronck 08.10.2015
---Zitat--- Ausgerechnet Konservative machen sich darüber jetzt große Sorgen - dabei waren ihnen diese Themen bisher herzlich egal. ---Zitatende--- Wo ist das Problem? Offensichtlich besteht auch dort Lernfähigkeit und somit ist nicht gänzlich Hopfen und Malz verloren. Zumal dem Konservativen an sich scheinbar jede Form von Extremismus zuwider ist - auch die die sich gegen Frauen, Homosexuelle und andere Randgruppen (man verzeihe mir diese kleine Spitze) richtet - stört sie doch seine Ruhe.
3. Danke
spmc-12222666335611 08.10.2015
Klasse, Klasse, ganz große Klasse. Bitte diesen Artikel in alle Netzwerke einsteuern, in jedem Forums diskutieren und als Argumentationshilfe bei Stammtisch-Gesprächen immer bei sich tragen. So geht Journalismus.
4.
derHamlet 08.10.2015
Zitat von Olafund ausgerechnet Linken scheinen sie jetzt egal zu sein. Dabei waren ihnen diese Themen doch sonst so wichtig.
Guten Tag Olaf, wenn ich einen Vegetarier zum Essen zu mir einlade, heißt dies doch nicht, dass ich in Zukunft auch nur vergetrarisch esse.
5.
bruno bär 08.10.2015
schwacher Artikel.
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