Debatte um Gandhi-Biografie "Das Geschreibsel ist pervers"

War Mahatma Gandhi bisexuell? Liebte er einen deutschen Bodybuilder? Und war er gar ein Rassist? Eine neue Biografie des "Vaters der Nation", verfasst von einem US-Journalisten, versetzt ganz Indien in Aufregung - ein Bundesstaat hat das Buch sogar bereits verbieten lassen.

AP

Von , Islamabad


Ein Buch, das bisher kaum jemand gelesen hat, stellt Indiens Freiheitsrechte auf die Probe: eine neue Biografie des Nationalhelden Mahatma Gandhi. Joseph Lelyveld, 74, früherer Chefredakteur der "New York Times", hat sie verfasst. Auf 448 Seiten beschreibt er vor allem Gandhis Zeit in Südafrika, erzählt, wie der junge Anwalt dort zum Sozialreformer wurde.

Lelyvelds Buch "Great Soul. Mahatma Gandhi and His Struggle with India" hätte außerhalb von Fachkreisen kaum Aufsehen erregt, wären amerikanische und britische Kritiker nicht auf ein paar Details gestoßen, die sie so zuspitzen: Mahatma Gandhi war demnach bisexuell und hatte in Südafrika ein Verhältnis mit dem deutschen Architekten und Bodybuilder Hermann Kallenbach. Außerdem, so die Schlussfolgerung der britischen "Daily Mail", war Gandhi ein Rassist. Das "Wall Street Journal" urteilt, Gandhi sei ein "sexuell verrückter Typ, politisch inkompetent und ein fanatischer Liebhaber" gewesen, einer, "der absolut grausam zu den Menschen in seinem Umfeld war".

In Indien werden solche Behauptungen auch mehr als sechs Jahrzehnte nach der Ermordung Gandhis als geradezu blasphemisch angesehen. Gandhi gilt als "Vater der Nation", er war der Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, die das Land 1947 von der britischen Kolonialherrschaft befreite. Und war er nicht mit 13 Jahren mit der gleichaltrigen Kasturbai verheiratet worden, hatte er nicht fünf Kinder mit ihr gezeugt, setzte er sich nicht für die Gleichheit der Menschen ein? Dass dieser Nationalheilige bisexuell und rassistisch gewesen sein soll, will vielen Indern nicht in den Kopf.

"Wir erwägen, das Buch zu verbieten"

Mehrere Politiker empfinden die Vorwürfe als unerhörte Beleidigung. Sie fordern, dass dieses Buch, das in diesen Tagen auf den indischen Markt kommt, verboten werden soll. Im Bundesstaat Gujarat, der Heimat Gandhis, erließ die Regierung bereits vergangene Woche ein "sofortiges Verbot", erklärte Ministerpräsident Narendra Modi, ein Hindu-Nationalist. "Das Geschreibsel ist pervers", erklärte Modi, "es verletzt den Verstand gescheiter und logisch denkender Menschen." Modi verlangte, dass Lelyveld öffentlich um Entschuldigung bitten und die Verbreitung des Buches landesweit untersagt werden müsse. Auch die linke Opposition stimmte dem Verbot zu. Die Regierung des Bundesstaates Maharashtra will ebenfalls ein Verbot in die Wege leiten.

Auch Indiens Justizminister Veerappa Moily erklärte zunächst, das Buch verunglimpfe nicht nur Gandhi, sondern die ganze indische Nation. "Es kann nicht sein, dass Leute uns derart auf die Schippe nehmen und so etwas schreiben. Wir erwägen, das Buch zu verbieten."

Doch Autor Lelyveld, der in seinen 40 Jahren für die "New York Times" auch Korrespondent in Indien und Südafrika war und Mitte der achtziger Jahre den Pulitzer-Preis für ein Buch über das Südafrika der Apartheid erhielt, fühlt sich zu Unrecht gescholten. Er beteuert, niemals behauptet zu haben, dass Gandhi bisexuell gewesen sei. "Das Wort bisexuell kommt in dem Buch kein einziges Mal vor", sagt er. Der indischen Nachrichtenagentur PTI schickte er eine wütende E-Mail, in der es heißt: "In einem Land, das sich Demokratie nennt, ist es beschämend, wenn ein Buch verboten wird, das niemand gelesen hat, einschließlich derer, die das Verbot verhängt haben."

Justizminister Moily erklärte daraufhin am Sonntag, man werde das Buch nun doch nicht verbieten. Auch nehme man Abstand von der Idee, ein Gesetz zu erlassen, das die Beleidigung Gandhis unter Strafe stellt. Der Autor habe klargestellt, dass er nicht geschrieben habe, Gandhi sei bisexuell gewesen.

Diese Erklärung ist bemerkenswert, aus zweierlei Gründen: Zum einen bekannte Moily damit, dass er das Buch nicht gelesen hatte. Zum anderen aber lässt sich folgern, dass ein Verbot aus seiner Sicht sehr wohl gerechtfertigt gewesen wäre, hätte Lelyveld geschrieben, dass Gandhi bisexuell war. Indirekt räumte er also ein, dass die Presse- und Meinungsfreiheit in dem Land, das sich als "weltgrößte Demokratie" bezeichnet, in einem solchen Fall ihre Grenzen erreicht hätte.

Gandhis Nachfahren gegen Buch-Verbot

Intellektuelle, Journalisten, selbst Nachfahren Gandhis äußerten sich bestürzt über die Verbotspläne. "Ich habe Joseph Lelyvelds Buch nicht gelesen. Deshalb sollte - und werde - ich es nicht kommentieren", schrieb Gandhis Enkel Gopalkrishna Gandhi in der "Hindustan Times". "Aber braucht Gandhi wirklich solch einen Schutz?" Urenkel Tushar Gandhi sagte, ein Verbot des Buches wäre nicht im Sinne Gandhis. "Diese Kultur des Verbietens und Verbrennens muss man ablehnen." Sein Urgroßvater habe niemals irgendeine Form von staatlicher Zensur akzeptiert, "er hat seine Kritiker niemals ausgeschlossen. Vielmehr hat er sie zur öffentlichen Debatte eingeladen". Gleichwohl kritisierte er, dass "Gandhis Sexleben eine morbide Faszination auf westliche Autoren" ausübe: "Damit können sie ihre Bücher besser verkaufen."

Tatsächlich fallen in Gandhis Leben Merkwürdigkeiten auf. So soll er beispielsweise als alter Mann junge Frauen zu sich eingeladen haben, die sich nackt in sein Bett legen mussten - darunter eine 17-jährige Großnichte. Auf diese Weise wollte er die Beherrschung seiner körperlichen Triebe testen. Außerdem lehnte er jegliche Form von Empfängnisverhütung ab, abgesehen von sexueller Enthaltsamkeit. Diese Absonderlichkeiten sind hinlänglich bekannt, auch Lelyveld führt sie auf.

War Gandhi rassistisch?

Aber was genau hat er geschrieben? Wodurch wurde diese hitzig geführte Debatte ausgelöst? Die Buchkritiker deuten Briefe, die Lelyveld veröffentlicht, als Beleg für Gandhis sexuelle Orientierung. Gandhi schrieb an Kallenbach, "wie vollständig du von meinem Körper Besitz ergriffen hast. Es ist wie Sklaverei, gegen die ich wehrlos bin". Kallenbach, ein deutscher Architekt jüdischen Glaubens, war nach Südafrika ausgewandert und 1904 auf Gandhi getroffen. Zwei Jahre lang lebten die beiden Männer im selben Haus. Der Deutsche machte ein Vermögen in Südafrika, begeisterte sich für die Ideen Gandhis und unterstützte ihn großzügig.

In einem weiteren Brief schrieb Gandhi: "Dein Porträt (das einzige) steht auf meinem Kaminsims in meinem Schlafzimmer." Ein anderes Mal verlangte er von Kallenbach, der solle "keine Frau lustvoll ansehen". Der Biografie zufolge haben sich Gandhi und Kallenbach "Liebe und noch mehr Liebe" geschworen. 1914 zog Gandhi zurück nach Indien, Kallenbach blieb in Südafrika.

Die "Times of India" mutmaßt nun, die Kritiker von Lelyvelds Buch hätten zu viel in die Briefe hineininterpretiert. Die Briefe seien verfasst worden in einem "überbordenden Englisch", im Stil des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Das habe also nichts zu bedeuten.

Aber dann ist da noch der Rassismus-Vorwurf. Lelyveld sagt, er habe das Wort "rassistisch" nur einmal benutzt, und zwar als Gandhi in Südafrika verhaftet wird und sich darüber beschwert, dass er nicht mit Weißen, sondern mit Schwarzen inhaftiert werde, die "in der Regel unzivilisiert" seien. Auf keinen Fall habe er aber daraus den Schluss gezogen, dass Gandhi grundsätzlich rassistisch war, sagt Lelyveld.

Und die Liebesbriefe? Die seien von den Kritikern aus dem Zusammenhang gerissen und "entstellt" wiedergegeben worden. Gandhi habe lediglich eine enge Freundschaft zu Kallenbach gepflegt. Im Übrigen seien die Briefe schon lange bekannt.



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Seite 1
davyjones 06.04.2011
1. .
Nichts wirklich Neues. Gandhi war Mensch, und vor allem Politiker. Aber kein Heiliger.
Hubert Rudnick, 06.04.2011
2. Ein Mensch
Zitat von davyjonesNichts wirklich Neues. Gandhi war Mensch, und vor allem Politiker. Aber kein Heiliger.
Zu vieles wird immer nur glorifiziert und Personen versucht man dann als einen Gott darzustellen, wobei es aber auch nie Götter gegeben hatte, sie waren und sind nur die Erfindung von uns Menschen. Warum können wir einige Personen nicht einfach nur als einen Mensch darstellen? Aber selbst ein Blender und Hochstapler, so wie es der KTG war und ist wird ja schon zu einen herausragenden Mann hochstelisiert und dann ist man enttäuscht, wenn er genau so schnell wieder ins Nichts verschwindet. Personen, die in ihrem Leben was geleistet haben sind auch nur Menschen und sie kochen auch nur mit Wasser, sie haben wie jeder andere auch ihr guten und weniger guten Seiten. Und ob einer bi, oder homosexuell ist, was interessiert uns das, es geht uns nichts an.
singularität 06.04.2011
3. naja
So ein Ge-eier schon wieder. Die Textpassagen sind ja wohl eindeutig. Wenn das den Indern nicht passt, müssen sie eben umlernen, was schmälert das Gandhis Leistungen insgesamt? Wahrscheinlich haben sie aber gut vom Westen gelernt, wie man sich erst die Wahrheit zurechtbiegt und hernach mit schwülstigen Formulierungen von "Demokratie" schwafelt. Der hier genannte mit großen Worten schwadronierende Autor ist sicher auch sehr stolz auf die us-amerikanische Rechtsstaatlichkeit, die er den Indern nun so dringend ans Herz legt.
sir.viver 06.04.2011
4. Bho
Zitat von Hubert RudnickZu vieles wird immer nur glorifiziert und Personen versucht man dann als einen Gott darzustellen, wobei es aber auch nie Götter gegeben hatte, sie waren und sind nur die Erfindung von uns Menschen. Warum können wir einige Personen nicht einfach nur als einen Mensch darstellen? Aber selbst ein Blender und Hochstapler, so wie es der KTG war und ist wird ja schon zu einen herausragenden Mann hochstelisiert und dann ist man enttäuscht, wenn er genau so schnell wieder ins Nichts verschwindet. Personen, die in ihrem Leben was geleistet haben sind auch nur Menschen und sie kochen auch nur mit Wasser, sie haben wie jeder andere auch ihr guten und weniger guten Seiten. Und ob einer bi, oder homosexuell ist, was interessiert uns das, es geht uns nichts an.
Und am Anfang Ihres zweiten Absatz dachte ich schon, Sie spielen auf Obama an... Leider kam dann aber doch wieder nur die olle Gutti-Keule aus dem linken Giftschrank.
Joachim Baum 06.04.2011
5. ...
Zitat von davyjonesNichts wirklich Neues. Gandhi war Mensch, und vor allem Politiker. Aber kein Heiliger.
Genau. Und er hatte die Fähigkeit Massen zu bewegen und einer gebeutelten Nation eine Identifikation zu geben. Die Helden vorher und nachher hatten/haben auch keine weiße Weste, wenn man ihr Leben seziert.
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