Debatte um Hillary Clintons Geste: Angstallergie

Es ist das eindrücklichste Bild aus dem Weißen Haus von der Todesnacht Osama Bin Ladens: Hillary Clinton hält sich die Hand vor den Mund. Zeigt sie damit Schwäche? Oder war es nur eine Allergie? Die US-Außenministerin hat Angst vor der eigenen Angst, meint Miriam Meckel.

Es muss wohl tatsächlich eine allergische Reaktion gewesen sein, die Hillary Clinton befallen hat. Auf einem der offiziellen Fotos aus dem Situation Room des Weißen Hauses hält sie sich mit aufgerissenen Augen eine Hand vor den Mund, scheinbar erschrocken vor dem, was sie sieht. Was auch immer das war. Es kann gar nichts anderes gewesen sein. Ein Schnupfen, ein Husten, ein Beinbruch wenn notwendig, nur bloß kein Gefühl.

Frauen, die in Machtpositionen sind oder dort hin wollen, haben das über Jahrzehnte trainiert: sich gegen Gefühle zu immunisieren. Härte und Durchsetzungsfähigkeit sind angesagt. Sie haben es den Männern abgeguckt. Denn Weicheier haben in der Politik nichts zu suchen.

Das Schlimme an diesem nur der Ratio verpflichteten Entwurf politischer Macht liegt nicht nur darin, dass er viele Politiker - Männer wie Frauen - zu Verstellungskünstlern macht. Dass er sie langfristig zu Automaten des Machterhalts degenerieren lässt, die funktionieren - Operation ausgeführt, Ergebnis erzielt. Ihnen ist dann nicht einmal mehr befremdlich, lauthals "Freude" über den Tod eines Menschen zu bekunden.

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Freude ist auch ein Gefühl. Ist sie echt, so ist sie in diesem Fall fehl am Platz. Ist sie nicht echt, handelt es sich um den getarnten Ausdruck einer strategisch-politischen Anpassungsleistung an die Erwartungen eines Verbündeten, den man zuvor mit befremdlichem Abstimmungsverhalten im UN-Sicherheitsrat verprellt hat. Dann ist sie kein Gefühl, sondern eine Spielart der rationalen Aushandlung von politischer Macht. Das Schlimme an diesem Entwurf liegt vielmehr auch in den Folgen für die politische Kultur.

Gefroren im Entsetzen

Tatsächlich sticht Hillary Clinton auf dem Foto aus dem Weißen Hauses heraus. Das mag daran liegen, dass der Fotograf, sicher nicht zufällig, das Bild um sie herum gebaut hat. Sie ist im Fokus eines Geschehens, das die Beobachter nur mit ihrer inneren Vorstellungskraft sehen. Was immer die im Raum Anwesenden in diesem Moment gerade betrachtet haben, wir wissen es nicht. Die Anspannung in den meisten Gesichtern spiegelt einen Moment besonderer Intensität.

Hillary Clintons Gesicht zeigt mehr. Die mediale Kommentierung sieht "Angst" in ihrem Gesicht, eine Schockstarre des Grauens, die sie kaum noch hinsehen lässt. Bei genauerem Hinschauen wirkt Clinton eher, als würde sie in einem Moment äußerster Anspannung den Atem anhalten, gefroren im Entsetzen darüber, was sie gerade zu sehen bekommt, in der Sorge darum, ob es richtig ist und gut gehen wird. Ob das tatsächlich die Tötung Bin Ladens ist, ob es eine Situation ist, die die Männer der Navy Seals in Lebensgefahr bringt, oder ob es einer von Bin Ladens Männern ist, der eine Frau wie einen Schutzschild vor sich hält, wie es zwischenzeitlich hieß - das ist nicht der Punkt. Er entsteht daraus, dass Hillary Clinton stärkere Emotionen zu zeigen scheint, als alle anderen Anwesenden. Es ist ein wunder Punkt.

In den sozialen Netzwerken wird Hohn und Spott über Clinton und ihre erkennbare "Angst" ausgegossen. Mit diesem Foto habe sich die US-Außenministerin für eine verantwortliche Regierungsposition disqualifiziert.

Hillary Clinton hat mit Gefühlen schlechte Erfahrungen gemacht. Im Kampf um die Präsidentschaft ließ sie im Januar 2008 in einem Café in New Hampshire einen Moment wahren Empfindens zu. Sie ließ auch zu, dass dieses Empfinden sichtbar wurde. Tränen stiegen ihr in die Augen, sie musste im Sprechen innehalten. Dieser Moment hat auch damals auf Youtube Karriere gemacht und ist umfassend kritisch kommentiert worden. "Kann sich Hillary ins Weiße Haus zurückheulen?", fragte damals Maureen Dowd, Kolumnistin der "New York Times". Nimmt man die Kommentare auf Twitter zum Maßstab, hat sie sich jetzt offenbar beinahe aus dem Amt geängstigt.

Die Angst vor dem gefühllosen Politiker

Tatsächlich würde alles, was Hillary gesehen haben könnte, einen Moment des Innehaltens, des Entsetzens und Zweifelns rechtfertigen. Mehr als nur rechtfertigen. Die gezielte Tötung von Menschen verlangt, bei allem Verständnis für den Kampf gegen den Terrorismus, Momente des Zweifels, des Innehaltens, der Bedenken und der Frage danach: Ist es richtig, was wir tun, was wir zu verantworten haben, und wie fühlt sich das eigentlich an?

Wo kommen wir hin in unserem Politikverständnis, wenn nicht mal die gezielte Tötung von Menschen mehr dazu gereicht, auch einem Amtsträger Gefühle zu gestatten? Wir kommen genau dahin, wo wir zum Teil längst sind: in den Zustand der formalen Machtverwaltung.

Sollten die Anwesenden im Situation Room keine Gefühle spüren - egal ob offensichtlich oder versteckt, egal ob Männer oder Frauen - dann müsste sich beim Betrachter bald eines einstellen: die Angst vor dem Politiker, der jede Entscheidung ohne Zweifel und Skrupel trifft.

Befremdlich an dem Foto sind also nicht die Gefühle, die Hillary Clinton zeigt. Befremdlich sind die Reaktionen darauf. Die der Öffentlichkeit und die von Clinton selbst. "Irgendwie fürchte ich, dass mich mein allergischer Husten gepackt hatte. Den bekomme ich im Frühjahr manchmal. Die Geste hat also nicht so viel zu bedeuten", sagte sie zur Erklärung des Fotos. Es muss die Angstallergie darauf sein, ein sichtbarer Moment wahren Empfindens könne die eigene Position gefährden.

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insgesamt 108 Beiträge
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1. Spiegel unterbietet BLÖDzeitungsniveau
syracusa 06.05.2011
Zitat von sysopEs ist das eindrücklichste*Bild aus dem Weißen Haus in der Nacht des Todes Osama Bin Ladens: Hillary Clinton hält sich die Hand vor den Mund. Zeigt sie damit Schwäche? Oder war es nur eine Allergie? Die US-Außenministerin hat Angst vor der eigenen Angst, meint Miriam Meckel. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,761000,00.html
Auf was für ein erschütternd niedriges Niveau der pseudojournalistischen Spökenkiekerei lässt sich der Spiegel denn diesmal ein? Was für eine Rolle spielt es, ob Frau Clinton husten musste, oder ob sie sich die Hand vor Schreck oder Erschütterung vor den Mund gehalten hat?
2. .
rohfleischesser 06.05.2011
Es Reicht Mit Psychologisieren Dieses Fotos, Danke!
3. Ankläger,Richter und Henker in einer Person.
exminer 06.05.2011
Die Aufnahme der Handelnen ist eine Momentaufnahme und läßt viele Interpretationsmöglichkeiten zu. Sollte es sich um Reaktionen auf die Liveübertragung handeln, könnte man vielleicht einen heilsamen Schock erwarten. Der veröffentliche "Bildausfall" während der Tötung läßt tief blicken.The show must go on. Ich liebe Märchen,wenn sie gut erzählt werden.
4. wie bitte?!
Oskar ist der Beste 06.05.2011
Zitat von sysopEs ist das eindrücklichste*Bild aus dem Weißen Haus in der Nacht des Todes Osama Bin Ladens: Hillary Clinton hält sich die Hand vor den Mund. Zeigt sie damit Schwäche? Oder war es nur eine Allergie? Die US-Außenministerin hat Angst vor der eigenen Angst, meint Miriam Meckel. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,761000,00.html
Zunaechst einmal finde ich die Geste von ihr sehr sympathisch, immerhin hat sie eine Toetungsszene ansehen muessen und es ist schoen, dass fuehrende Politiker noch ein Schrecken dabei empfinden, wenn jemand zu Tode kommt. (Das zeigt, dass ihnen menschliches Leben noch nicht egal ist). Hinzu kommt, dass man bei einer Liveuebertragung ja nicht weiss, ob es ein Happy end gibt, wenn einige der US Soldaten dabei zu Tode gekommen waeren, dann ist auch unter diesem Aspekt ein Schrecken sehr wohl berechtigt und auch verstaendlich. Alle weiteren Interpretationen sind bloedeste Kaffeesatzleserei.
5. genau
jgb 06.05.2011
Zitat von syracusaAuf was für ein erschütternd niedriges Niveau der pseudojournalistischen Spökenkiekerei lässt sich der Spiegel denn diesmal ein? Was für eine Rolle spielt es, ob Frau Clinton husten musste, oder ob sie sich die Hand vor Schreck oder Erschütterung vor den Mund gehalten hat?
Das zeigt nur, dass sie noch ganz normale menschliche Regungen hat.
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Miriam Meckel ist Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikations- management an der Universität St. Gallen. 1967 wurde sie im Rheinland geboren. Sie moderierte Sendungen im WDR und bei N-tv. 1999 war sie zur Direktorin des publizistischen Instituts in Münster berufen worden und galt als jüngste Lehrstuhlinhaberin Deutschlands. 2001 wurde sie Staatssekretärin für Medien und Regierungssprecherin beim damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement.

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