Debatte um Links und Linke Der Oskar-Lafontaine-Komplex

3. Teil: Die deutsche Linke ist tot


Äonen entfernt scheint jener linke Antikapitalismus der siebziger und achtziger Jahre, den ein einstiger Spitzenmann der Grünen, der Hamburger Thomas Ebermann noch in den Neunzigern mustergültig auf den Punkt brachte: "Links sein heißt kein Vaterland haben, nicht um einen nationalen Standort in der Welt rangeln, sondern denen, die in diesem System das Sagen haben, die Pest an den Hals zu wünschen."

Einen Vorteil hatte diese unversöhnliche Kampfansage an die Realität: Sie war ehrlich gemeint. Und sie hatte Konsequenzen. Die waren allerdings nicht immer angenehm. Die wichtigste lautete: Die deutsche Linke ist tot. Mausetot. Spätestens seit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 ist sie in eine Existenzkrise geraten, die sie nie bewältigt hat.

Plötzlich war die Revolution da, auf die man so lange gehofft hatte – aber sie kam, ganz anders als erwartet, aus dem Osten. Geradezu hinterrücks, fast heimtückisch, überrollte der östliche "Wind of Change" die westliche Linke, die gerade, wie Sven Regeners "Herr Lehmann", gemütlich am Kneipentresen in Kreuzberg stand und ein Bier bestellte. Schlimmer noch: Dieser Umsturz war antisozialistisch und pro-kapitalistisch, dazu bürgerlich-demokratisch.

Und: Die Revolution kam aus der Kälte, aus einer fremden, geradezu anachronistischen osteuropäischen Vergangenheit, von der man im Westen sowieso nichts wissen wollte. Damit erwischte sie die versammelte Toskana-Linke auf dem falschen Fuß. Denn die konkrete Utopie der antikommunistischen Ost-Revolutionäre war grosso modo der Status quo des Westens, genau das also, was die Westlinke zeitlebens bekämpft hatte. Von diesem Schock hat sie sich nie wieder erholt.

Unterdessen verpasste sie die historische Chance einer grundsätzlichen Revision ihrer ideologischen Überzeugungen – trotz aller heftigen Debatten in den neunziger Jahren, in denen Freundschaften zerbrachen und sich Lebenswege trennten.

Verräter an der Sache

Immer noch blieb jene diffuse Grundeinstellung dominant, der zufolge ein (links-)liberaler, aufgeklärter Realismus im Grunde nichts anderes sei als die feige Kapitulation einer großartigen Idee vor der schlechten Wirklichkeit. So nährten sich alte Mythen und neue Verschwörungstheorien gegenseitig, während die linke Selbstaufklärung überwiegend von jenen betrieben wurde, die man "Renegaten" nannte, also Verräter an der Sache.

Was diese Sache genau sei, wusste man allerdings immer weniger – so wenig, wie ein aufrechter Sozialdemokrat weiß, was eigentlich heute jener "demokratische Sozialismus" sein soll, der immer noch im offiziellen Parteiprogramm der SPD steht.

So wurde aus der einstigen Utopie einer anderen Gesellschaft, wie immer man sie sich vorstellte, ein diffuser Phantomschmerz, ein Ressentiment. Es ist dieses nagende Verlustgefühl, das gefühlte schwarze Loch einer vergangenen Zukunftshoffnung, jenes politisch-ideologische Sinndefizit einer Generation, an das Oskar Lafontaines "Linke" in West und Ost derzeit so erfolgreich appelliert – dies- und jenseits aller unmittelbar materiellen Glücksversprechungen.

Ihr Populismus setzt deshalb ganz unverhohlen auf Placebo-Effekte. Bei dieser Nescafé-Linken sollen alle Wohlmeinenden und Richtigfühlenden mitmachen können, vom sozialdemokratischen Gewerkschaftsboss bis zum gesellschaftskritischen Zahnarzt, vom Busfahrer bis zum Architekten. Die politisch erlösende Instant-Mischung fürs gute linke Bauchgefühl ist pulverförmig und schnell löslich – einfach aufwärmen, umrühren, fertig. Eine Art Red Bull für alle.

Mit der tragischen – und blutigen – Jahrhunderterfahrung des Scheiterns aller sozialistisch-kommunistischen Klein- und Großversuche setzt sich diese ergraute Mitmachbewegung – pro bono contra malum – natürlich erst gar nicht auseinander, und nicht zufällig gehören Lügen, Halbwahrheiten und Geschichtsklitterung zum unverzichtbaren Arsenal seiner Propaganda. Dabei ist das geistige Oberhaupt der Bewegung, Oskar Lafontaine, weder ein Bonsai-Hitler noch ein petit Le Pen, wie Altkanzler Helmut Schmidt jüngst nahelegte – er verfügt ganz einfach über viel demagogische Begabung.

Der weiße Wal Kapitalismus

"What's left?" fragte vor genau 15 Jahren das Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in einer Artikelserie ebenso doppeldeutig wie hintersinnig. Damals hatte diese Frage noch eine durchaus dramatische, historische Bedeutung.

Heute, fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, würde sie nur noch eine Gespensterdebatte auslösen. "Links" ist zum Label geworden, zum beinah austauschbaren Markennamen im politischen Konkurrenzkampf um Macht und Wählerstimmen. Früher hätte man gesagt: Zum Fetisch.

Selbst das aktuelle Buch zum Thema mit dem fettgelb gedruckten "Links!" auf dem Cover erweist sich als charmanter Etikettenschwindel. Denn was als sympathisierende Analyse eines allgemeinen Linksrucks annonciert wird, erweist sich bald als kluges Manifest für einen undogmatischen linksliberalen Pragmatismus, der den direkten Gegenpol zu Lafontaines orthodoxem Linkskonservatismus markiert. Man wagt kaum zu zitieren, aber der "linke" Autor Christian Rickens, Jahrgang 1971, schreibt: "Das eigentlich Großartige am Kapitalismus ist ja seine enorme Anpassungsfähigkeit an Knappheiten."

Ob das am Ende auch für die Knappheit an originellen, intelligenten, zukunftsweisenden Ideen gilt? Die schwer gebeutelte SPD weiß ein Lied davon zu singen: Ihr eigentliches Drama ist ihr Erfolg. Statt um Kinderarbeit und Zwölfstundentag geht es jetzt um Kitaplätze und Pendlerpauschale. Und die fordert selbst die CSU von Erwin Huber.

Aber so ist er, der Kapitalismus. Am Ende wird er auch noch den Oskar-Lafontaine-Komplex schlucken wie der weiße Wal den Käpt'n Ahab.



insgesamt 478 Beiträge
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Achim 21.09.2008
1. Tot?
Zitat von sysopAufwärmen, umrühren, fertig: Oskar Lafontaine und die vermeintlich neue, schicke Linke sind genau wie Nescafé, findet Reinhard Mohr. Sie wollen Ideen von gestern aufkochen, um Politik für morgen machen - und leiden doch nur daran, den Schock des Mauerfalls nie verwunden zu haben. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,578929,00.html
Wenn die Linke (kleingeschrieben) so tot wäre, wie Herr Mohr behauptet, dann hätten er und andere SPIEGEL-Schreiberlinge nicht so viel Schaum vor dem Mund und müssten nicht ständig draufhauen. Oder ist das bei denen so eine Art Pawlowscher Reflex? Wie heißt es so schön: Ein Gespenst geht um in Europa. Und dann bitte weiterlesen, wer sich vor 160 Jahren zu einer heiligen Hetzjagd verbündet hat. Dann dürfen sich die SPON-Redakteure raussuchen, wer sich die Rolle von Papst, Metternich und sonstigen Chargen anzieht. Im Augenblick geht die ganze Ideologie des "Neoliberalismus" den Dow Jones runter - und dann predigen seine bisherigen Apologeten das Ende von allem, was nach Alternative aussieht? Seltsam. Schreiben Sie lieber was darüber, dass die USA so ziemlich alle Banken "verstaatlicht", also ungefähr das tut, wofür man früher wegen "unamerikanischer Umtriebe" im Knast gelandet ist.
H. Hipper, 21.09.2008
2. Alternative
Die Verteilung der Attribute "neu" und "alt" unterliegt in der Poltitik keinen objektiven Kriterien, sondern ist in den meisten Fällen von gewissen politischen Überzeugungnen und entsprechenden Interessen geleitet. Diebezüglich möchte ich den Spiegel-Kolumnisten Franz Walter zitieren: "Was sollte am politischen Kotau vor der Dominanz entregulierter Märkte frisch sein?" Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,579418-2,00.html
Shuichi 21.09.2008
3. Haha
Gerade jetzt, wo die Linke immer stärker wird und auf absehbare Zeit immer stärker werden wird, schreiben sie, die deutsche Linke wäre tot? Ganz im Gegenteil - die deutsche Linke wird ihre Blühzeit erst noch erleben.
Zyniker0815 21.09.2008
4. TJa
Ja, die Linke hat Auftrieb und ein diffuser Artikel wie dieser hilft nicht zu verstehen woher das kommt. Dabei ist es so einfach. Der "Raubtierkapitalismus" der letzten Jahre hat seit August 2007 begonnen die haesslichste Seite zu zeigen. Otto Normal sieht, dass die "Eliten" Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren. Das ist also Kapitalismus? Wohl eher Sozialismus fuer Reiche. Dann duerfen Menschen, die den Anforderungen des Debitismus in unserer Gesellschaft nicht mehr gewachsen sind, sich anhoeren, dass es allein ihre Schuld ist, weil sie sich nicht genug angestrengt haetten. Die gleichen Menschen sehen nun, dass die oberen Zehntausend auch nur mit Wasser kochen und sich das Wasser dafuer auch noch vom Staat leihen. Da nimmt man doch lieber die Linke, die genauso viele Schulden macht und die Wohltaten den weniger Begueterten zukommen laesst. Auch weiss man schon, dass Lafontaine selber stinkreich ist. Da weiss man wenigstens, wie man auf's Kreuz gelegt wird. Bei den anderen Parteien wird man nicht nur auf's Kreuz gelegt sondern hat davon noch nicht mal was. Ich kann's echt verstehen.
guertelr 21.09.2008
5. Das-System-hat-Schiss-Komplex...
... wäre doch mal ein ebenso netter Aufmacher für nen Artikel. Leider würde der hier auf SpOn nicht publiziert werden, da der SpiegelOnline mitlerweile ein Propaganaorgan erster Güte ist. Sorry da gibts nichts dran zu rütteln, und das sehen viele andere Leute auch so, die alles eher nüchtern betrachten. Sei es drum, was hier konkret zu bestaunen ist, ist das "fertigmachen" der Linken. Warum die etablierten Kreise so viel Angst vor Oskar&Co haben, dürfte sich mitlerweile jeder selbst ausmalen können...
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