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Debatte um Links und Linke: Der Oskar-Lafontaine-Komplex

Aufwärmen, umrühren, fertig: Oskar Lafontaine und die vermeintlich neue, schicke Linke sind genau wie Nescafé, findet Reinhard Mohr. Sie wollen Ideen von gestern aufkochen, um Politik für morgen zu machen - und leiden doch nur daran, den Schock des Mauerfalls nie verwunden zu haben.

Es ist ganz großes Theater, das den Deutschen nun schon seit Monaten geboten wird. Wie gebannt verfolgt die Republik die spannendste Inszenierung seit langem – den Oskar-Lafontaine-Komplex. Untertitel: Ein Mann sieht rot. Keine Bühne ist groß genug für ihn.

Linkspartei-Chef Lafontaine: Binnen Minuten in Rage geredet
Getty Images

Linkspartei-Chef Lafontaine: Binnen Minuten in Rage geredet

Wo immer er auftritt, redet er sich binnen Minuten in Rage wie einst Robin Hood, der Rächer der Enterbten. Sein neuester Coup: Jetzt will er das Milliardenvermögen der Familie Schaeffler enteignen, weil es "grundgesetzwidrig" sei. Bald müssen sich womöglich die Quandts, die Aldi-Brüder und andere Familienunternehmer warm anziehen.

Die frohe Botschaft ist einfach: Mit uns zieht die neue Zeit ein. Links, zwo, drei, vier. Da, wo das Herz schlägt. So wie damals in den guten alten Siebzigern, als es noch Vollbeschäftigung gab, soziale Gerechtigkeit, gleiche Bildungschancen für alle und schwarze Telefone mit Schnur und Wählscheibe.

Was es damals nicht gab: Globalisierung, Internet, RTL, Hedgefonds, Paris Hilton, iPhone und den Euro. China war noch ein Entwicklungsland und die Berliner Mauer stand fest für alle Ewigkeit. Wladimir Putin war ein kleiner KGB-Agent und Gerhard Schröder Juso. Wunderbare Zeiten.

Aus dieser glanzvollen Epoche kommt der Mann. Und dahin will er zurück.

Die Sensation aber ist: Er ist nicht allein. Millionen andere wollen den Weg mitgehen. Hier und jetzt. Die Linke ist zurück – im doppelten Wortsinn. Wieder da, doch mit dem Blick in die Vergangenheit. Als Partei "Die Linke" eilt sie von Wahlerfolg zu Wahlerfolg, dezimiert die SPD und treibt Hohn und Spott mit der einst so stolzen Volkspartei Willy Brandts und Helmut Schmidts. Jetzt versucht sie, Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering als "Agenda"-Übeltäter zu brandmarken.

"Links! Comeback eines Lebensgefühls" lautet der Titel eines gerade erschienenen Buches, das einen "Linksruck der Deutschen" und zugleich das "Ende des neoliberalen Zeitalters" konstatiert. Nebenbei wird gleich noch eine neue "linke Bohème" entdeckt. In einem Wort: Pünktlich zum 40-jährigen Jubiläum der Revolte von 1968 ist links wieder schick.

Was eben noch als vermufft, abgestanden und vorgestrig galt, scheint wieder in. Gerade noch belächelte die "Generation Golf" jeden, der "die Gesellschaft verändern" wollte – und plötzlich kommt die Botschaft von den ungerechten Verhältnissen, von Ausbeutung, Hungerlöhnen und Millionengehältern der Top-Manager auf jedem Marktplatz in der Provinz an. Sogar in Bayern, wo auf Plakaten dafür geworben wird, "echte Rote" in den Landtag zu schicken.

Das Virus ergreift selbst bislang politisch eher unauffällige Berufsgruppen. Busfahrer gelten gemeinhin nicht gerade als potentiell revolutionäre Gruppe. Der tägliche Weg zur Endhaltestelle ist jedenfalls nicht mit sozialistischen Utopien gepflastert. Früher waren sie in der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) mit seinem schwergewichtigen Chef Heinz Kluncker organisiert, heute sind sie bei Ver.di.

Da geht es um bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn, nicht um Globalisierung, Klimakatastrophe und Dritte Welt. Schon gar nicht um Krieg und Frieden. Wenn also 221 Busfahrer aus dem Saarland, wie unlängst geschehen, geschlossen in Oskar Lafontaines Partei Die Linke eintreten, muss etwas Außergewöhnliches passiert sein.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 478 Beiträge
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1. Tot?
Achim 21.09.2008
Zitat von sysopAufwärmen, umrühren, fertig: Oskar Lafontaine und die vermeintlich neue, schicke Linke sind genau wie Nescafé, findet Reinhard Mohr. Sie wollen Ideen von gestern aufkochen, um Politik für morgen machen - und leiden doch nur daran, den Schock des Mauerfalls nie verwunden zu haben. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,578929,00.html
Wenn die Linke (kleingeschrieben) so tot wäre, wie Herr Mohr behauptet, dann hätten er und andere SPIEGEL-Schreiberlinge nicht so viel Schaum vor dem Mund und müssten nicht ständig draufhauen. Oder ist das bei denen so eine Art Pawlowscher Reflex? Wie heißt es so schön: Ein Gespenst geht um in Europa. Und dann bitte weiterlesen, wer sich vor 160 Jahren zu einer heiligen Hetzjagd verbündet hat. Dann dürfen sich die SPON-Redakteure raussuchen, wer sich die Rolle von Papst, Metternich und sonstigen Chargen anzieht. Im Augenblick geht die ganze Ideologie des "Neoliberalismus" den Dow Jones runter - und dann predigen seine bisherigen Apologeten das Ende von allem, was nach Alternative aussieht? Seltsam. Schreiben Sie lieber was darüber, dass die USA so ziemlich alle Banken "verstaatlicht", also ungefähr das tut, wofür man früher wegen "unamerikanischer Umtriebe" im Knast gelandet ist.
2. Alternative
H. Hipper, 21.09.2008
Die Verteilung der Attribute "neu" und "alt" unterliegt in der Poltitik keinen objektiven Kriterien, sondern ist in den meisten Fällen von gewissen politischen Überzeugungnen und entsprechenden Interessen geleitet. Diebezüglich möchte ich den Spiegel-Kolumnisten Franz Walter zitieren: "Was sollte am politischen Kotau vor der Dominanz entregulierter Märkte frisch sein?" Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,579418-2,00.html
3. Haha
Shuichi 21.09.2008
Gerade jetzt, wo die Linke immer stärker wird und auf absehbare Zeit immer stärker werden wird, schreiben sie, die deutsche Linke wäre tot? Ganz im Gegenteil - die deutsche Linke wird ihre Blühzeit erst noch erleben.
4. TJa
Zyniker0815 21.09.2008
Ja, die Linke hat Auftrieb und ein diffuser Artikel wie dieser hilft nicht zu verstehen woher das kommt. Dabei ist es so einfach. Der "Raubtierkapitalismus" der letzten Jahre hat seit August 2007 begonnen die haesslichste Seite zu zeigen. Otto Normal sieht, dass die "Eliten" Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren. Das ist also Kapitalismus? Wohl eher Sozialismus fuer Reiche. Dann duerfen Menschen, die den Anforderungen des Debitismus in unserer Gesellschaft nicht mehr gewachsen sind, sich anhoeren, dass es allein ihre Schuld ist, weil sie sich nicht genug angestrengt haetten. Die gleichen Menschen sehen nun, dass die oberen Zehntausend auch nur mit Wasser kochen und sich das Wasser dafuer auch noch vom Staat leihen. Da nimmt man doch lieber die Linke, die genauso viele Schulden macht und die Wohltaten den weniger Begueterten zukommen laesst. Auch weiss man schon, dass Lafontaine selber stinkreich ist. Da weiss man wenigstens, wie man auf's Kreuz gelegt wird. Bei den anderen Parteien wird man nicht nur auf's Kreuz gelegt sondern hat davon noch nicht mal was. Ich kann's echt verstehen.
5. Das-System-hat-Schiss-Komplex...
guertelr 21.09.2008
... wäre doch mal ein ebenso netter Aufmacher für nen Artikel. Leider würde der hier auf SpOn nicht publiziert werden, da der SpiegelOnline mitlerweile ein Propaganaorgan erster Güte ist. Sorry da gibts nichts dran zu rütteln, und das sehen viele andere Leute auch so, die alles eher nüchtern betrachten. Sei es drum, was hier konkret zu bestaunen ist, ist das "fertigmachen" der Linken. Warum die etablierten Kreise so viel Angst vor Oskar&Co haben, dürfte sich mitlerweile jeder selbst ausmalen können...
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