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16. März 2006, 12:35 Uhr

Debatte um Necla Kelek

Importbräute für verlorene Söhne

Von Henryk M. Broder

Necla Kelek sorgte mit ihrem Buch "Die fremde Braut" für erbitterte Diskussionen unter deutschen Migrationsforschern. In Berlin stellte die Soziologin gestern ihr neues Werk vor - ein Plädoyer für die "Befreiung des deutsch-türkischen Mannes". Neuer Streit ist programmiert.

Ein Wort sagt mehr als tausend Bilder. Am Anfang waren es "Fremdarbeiter", die in das Deutsche Reich verschleppt wurden, um in der Rüstungsindustrie und anderen kriegswichtigen Bereichen der deutschen Wirtschaft auszuhelfen. Das Wort ist inzwischen vollkommen out, nur Oskar Lafontaine greift gelegentlich darauf zurück, meint es aber nicht so. Dann kamen die "Gastarbeiter", die beim Aufbau des zerstörten Landes gebraucht wurden, aber nicht zum Bleiben animiert
werden sollten.

Soziologin Kelek: Vorreiterin eines kulturellen Dammbruchs
DPA

Soziologin Kelek: Vorreiterin eines kulturellen Dammbruchs

Und nun, da sich die Einsicht langsam durchgesetzt hat, dass Deutschland entgegen allen Beteuerungen doch ein Einwanderungsland ist, reden alle von "Menschen mit Migrationshintergrund". Gemeint sind natürlich nicht Friesen, die nach Bayern umziehen, sondern vor allem Türken, die nach Deutschland gekommen und hier geblieben sind.

"Menschen mit Migrationshintergrund", das klingt einerseits wertneutral, signalisiert zugleich einen erheblichen Beschäftigungs- und Subventionsbedarf. Und so ist rund um die "Menschen mit Migrationshintergrund" eine ganze Industrie von "Migrationsforschern" entstanden, die sowohl die objektiven Lebensumstände wie die subjektive Befindlichkeit der "Migranten" untersuchen, ohne die Worte "Ausländer", "Inländer" oder "Einwanderer" zu gebrauchen.

Besonders günstig ist die Situation für Kultur-Ethnologen.
Mussten sie früher in ferne Länder reisen, brauchen sie heute nur um die Ecke zu gehen, in eine Gegend, die von "Menschen mit Migrationshintergrund" bewohnt wird, um den Gegenstand ihres Interesses zu finden. Die Feldforschung findet vor der eigenen Haustür statt.

Wie absurd die Situation ist, konnte man vor kurzem erleben, als 60 überwiegend deutschstämmige Migrationsforscher ohne eigenen Migrationshintergrund über die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek hergefallen sind. Sie hatte es
gewagt, in ihrem Buch "Die fremde Braut" auf die Situation der türkischen Frauen in Deutschland aufmerksam zu machen, ohne pauschal "die Gesellschaft" für deren Nöte verantwortlich zu machen. Allein schon Keleks Verweis auf patriarchale
Strukturen in den "Migranten"-Familien wurde von der Berufsgenossenschaft der "Migrationsforscher" als diskriminierend, wenn nicht gar als rassistisch bewertet.

Nun liefert Necla Kelek den Rohstoff für die Fortsetzung der Debatte. Ihr neues Buch heißt "Die verlorenen Söhne" und will ein "Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes" sein. Gestern stellte sie es im Berliner Maxim-Gorki-Theater vor. Es sei, sagte "Zeit"-Redakteur und Moderator Jörg Lau, "eine Streitschrift, eine Ethnografie, ein Bildungsroman", geschrieben von einer Frau, die sich selbst "unter Mühen von der Herrschaft des Vaters befreit hat".

Kelek, 1957 in der Türkei geboren, schreibe über "seelische, geistige und kulturelle Obdachlosigkeit", über junge Männer, die ein "Leben zwischen Freibad, Koran und Herumhängen in der Clique" leben und es nicht wagen, gegen die Autorität der Väter zu rebellieren, die vor allem eines wollen: "Dass ihre Kinder genauso werden wie sie." Denn die Familien "sind Kontrollsysteme, in denen das Wort der Väter Gesetz ist". Die jungen Männer lassen sich mit "Importbräuten" zwangsverheiraten, sie lernen es nicht, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Die Eltern schaffen es nicht, "ihre Kinder in die Moderne zu entlassen". Die Folgen sind katastrophal, das Elend wird in den Familien reproduziert.

Die anschließende Diskussion litt unter zwei Handicaps. Erstens waren diejenigen, über die gesprochen wurde, nicht da, zweitens wussten diejenigen, die da waren, alles besser. "Sie bestätigen die Vorurteile und tragen dazu bei, dass die Migranten noch weniger Chancen haben", empörte sich ein Mann. "In der Türkei gibt es mehr C-3-Professsorinnen als in Deutschland", behauptete eine Frau, worauf Necla Kelek erwiderte: "In der ganzen Türkei gibt es so viele
Professoren wie in Hamburg."

Eine "deutsch-deutsche Mutter" berichtete von einer "irritierenden Erfahrung", die sie bei einem Elternabend gemacht habe, nämlich, dass sich die türkischen Mütter und Väter nicht an der Diskussion beteiligten. Wie üblich wurde nach den "Ursachen für die Integrationsprobleme" gefragt und die eine oder andere Lösung angeboten. Eine Frau schlug die Bildung von "Männergruppen" vor. "Die Söhne sollten mit den Vätern reden."

Und da sich diesmal alles um "die verlorenen Söhne" drehte, wurde ein wichtiger Punkt nicht einmal angesprochen: dass es muslimische Frauen sind, die derzeit die heftigsten Debatten auslösen, weil sie einen klaren Blick für die Situation und keine Angst haben, ausgegrenzt zu werden, da sie es schon sind. Frauen wie die Niederländerin Ayaan Hirsi Ali, die Kanadierin Irshad Manji, die Amerikanerin Wafa Sultan und die Deutsche Necla Kelek, eine Hand voll Dissidentinnen und Ketzerinnen, die sich nicht nur gegen ihre Familien behaupten mussten, sondern auch gegen eine große Koalition aus Ignoranten und Gutmenschen, die den Diskurs bestimmen wollen. Freilich: Jeder soziale und kulturelle Dammbruch fängt mit winzigen Haarrissen an. Es geht nicht anders.

Alles ist nur eine Frage der Zeit. Und deswegen irrte sich die nette Berlinerin, die von der Diskussion mehr erwartet hatte: "Man regt sich uff und hat nischt davon."

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