Debatte um Qualitäts-TV Süßstoff für den Samstagabend

Wollen Sie wissen, was Marcel Reich-Ranicki mit seiner TV-Tirade meinte? Nach der ZDF-Sitzung zur Lage des Qualitätsfernsehens zeigt die ARD am Samstag einen Volksmusikfilm. "Schmankerl" nennt Programmchef Struve das Singspiel - der dreisteste Missbrauch von Gebührengeldern seit langem.

Von Peter Luley


Als Fernsehkritiker, der das Programm tagein, tagaus verfolgt und versucht, im Sinn des interessierten Publikums die Spreu vom Weizen zu trennen (denn beides gibt es natürlich), erlebt man die seit dem Eklat um Marcel Reich-Ranicki tobende TV-Qualitätsdebatte mit gemischten Gefühlen. Nicht, dass es nicht genug zu bemängeln gäbe an der deutschen Fernsehlandschaft – und an der öden Gala, die Reich-Ranicki ja erst in Rage versetzt hatte sowieso.

Die Frage ist nur, ob ausgerechnet ein bald 90-jähriger Literaturpapst a. D., dessen TV-Rezeption sich nach eigenem Bekunden auf gelegentliches Arte- und 3sat-Gucken beschränkt, und der in Kalifornien lebende "Wetten, dass…?"-Moderator Thomas Gottschalk die Richtigen sind, um diese Diskussion zu führen. Ganz zu schweigen von Elke Heidenreich, die ihrem Idol mit wohlfeilen Pauschalurteilen sekundiert, oder vom "SZ"-Granden Joachim Kaiser, der dem gesamten Medium mal eben "Dumpfheit, Grellheit, Dummheit" bescheinigte.

Angesichts solcher Herablassung würde man als Kritiker furchtbar gern zur Versachlichung und Differenzierung des Diskurses beitragen.

Und dann das: Am Samstagabend, keine 24 Stunden nach dem erstaunlich flexibel ins Programm gehobenen ZDF-Showcase mit Gottschalk und Reich-Ranicki, schickt sich die ARD an, das von der Zeit überholte Genre des Operettenfilms wiederzubeleben. "Das Musikhotel am Wolfgangsee – Die Schlagerette aus den Bergen" heißt der 90-Minüter, den das Erste seinem Publikum zur besten Sendezeit kredenzt.

"Das 'Musikhotel' ist luftig, süß und locker wie Salzburger Nockerln", dichtet dazu Programmdirektor Günter Struve im Begleit-Booklet, "ein Schmankerl, wie es jede gute Speisekarte und jedes Fernsehprogramm mit reicher Auswahl unbedingt braucht."

Tatsächlich ist das Singspiel aus dem Salzkammergut, eine Co-Produktion des Hessischen Rundfunks mit ORF und SF, der dreisteste Missbrauch von Gebührengeldern seit langem.

Wollte man von einer Handlung sprechen, müsste man sagen, dass Patrick Lindner einen gutherzigen Hotelerben spielt, der eine marode Pension aus den Klauen eines betrügerischen Geschäftsführers (Sascha Hehn) zu befreien und zum Musikhotel umzubauen versucht.

Doch schon das Wort "spielen" wäre ein Euphemismus angesichts des Gebarens des Schlagersängers, und auch der Begriff "Handlung" trifft nicht zu für diesen Alibi-Plot, der keine andere Funktion hat, als die zahllosen Gesangsnummern zu rechtfertigen.

Schon der Vorspann, bei dem zum Titelsong "Happy Days und Musik" die Akteure in goldenen Bilderrahmen vor malerischer Landschaft eingeblendet werden, ist ein ästhetisch-musikalisches Verbrechen. Wenn dann Patrick Lindner, der der Einfachheit halber wie fast alle Mitwirkenden im Film bei seinem echten Vornamen gerufen wird, von Oberkellner Mike (Krüger) mit dem Motorrad abgeholt wird und im Beiwagen ein Liedchen trällert ("Jeder Tag ist ein Geschenk"), fühlt man sich regelrecht bestraft.

Selbst wenn man zugesteht, dass auch die Volksmusik zum öffentlich-rechtlichen Programmauftrag gehört, rechtfertigt das noch keine Unternehmungen wie diese Playback-Parade vor fototapetenartigen Landschaften.

Im Gegenteil: Bei der Schunkelei – unter anderem mit Claudia Jung als Rezeptionistin, Karl Moik als Bürgermeister, Marc Pircher als Bergführer, Melanie Oesch als Jodlerin und Francine Jordi als Stubenmädchen – tritt der oft vernachlässigte Unterschied zwischen Folklore und Volkstümelei erst so richtig zutage.

Mit urwüchsigen Dialekt-Traditionals, wie sie Hubert von Goisern und andere Künstler bewahren wollen, hat die hier gebotene Herzschmerzdudelei nichts zu tun. Gereicht wird Fünfziger-Jahre-Slapstick im Stil von: Ein Hund fällt immer wie tot um, wenn etwas knallt – um dann zur Überraschung aller wieder aufzuspringen.

Nippel und Sprotten

Mike Krüger versäumt es nicht, seinen alten Nippel-Gassenhauer anzustimmen, und wirbt für mehr Verzehr von Kieler Sprotten in Österreich; der Komiker Bodo Bach steuert einen tumben hessischen Hausmeister bei. Und auf dass auch alle Regionen repräsentiert seien, entert auch noch ein berlinernder Makler die Szenerie.

Geradezu rammdösig macht einen der dumpfe "Heimat im Herzen"-Patriotismus, der hier zur Schau gestellt wird. Man möchte den Zivildienstleistenden in den Altenheimen zurufen: Bitte, bitte schaltet euren wehrlosen Pflegebedürftigen etwas anderes ein! Bezeichnenderweise hat sich sogar schon Sascha Hehn, als ehemaliger "Schwarzwaldklinik"-Darsteller nicht gerade ein Protagonist des Anspruchsfernsehens, mit markigen Worten ("Ich mache doch kein Hartz-IV-Programm für den Fernsehnachmittag") von dem Stück distanziert.

Irgendwann hat dann auch noch TV-Koch Johann Lafer einen Gastauftritt – eine jener Reizfiguren, die Reich-Ranicki laut "FAZ"-Interview ("Immer wieder Köche, nichts als Köche!") bei der Fernsehpreis-Verleihung so richtig auf die Palme brachten.

Damit schließt sich ein Kreis: Im Grunde könnte der ARD-Trash von morgen der heute ausgestrahlten Qualitätsdiskussion im ZDF als negatives Anschauungsmaterial dienen. All jenen, die sich in einer Pauschalverurteilung des Mediums Fernsehen gefallen, liefert dieses unsägliche Singspiel jedenfalls beste Munition.

Wer das Thema etwas differenzierter sieht, kann dagegen nur versuchen, "Das Musikhotel" als ungewollt satirischen Abgesang auf die Ära Günter Struve zu begreifen. Der seit 1992 amtierende ARD-Programmchef, der sich im Lauf seiner Regentschaft den Beinamen "Mister Süßstoff" erwarb, die Polit-Magazine kürzte und seinem Haus die Quotenschielerei erst beibrachte, geht Ende Oktober in den verdienten Ruhestand.

An seinen Nachfolger Volker Herres sei schon jetzt die dringende Empfehlung gerichtet, auf "Schmankerl" dieser Art künftig zu verzichten.


"Das Musikhotel am Wolfgangsee": 18.10., 20.15 Uhr, ARD

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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xysvenxy 17.10.2008
1. TV 'Qualität'
Ich habe mir das Fernsehen gucken so gut wie abgewöhnt... Allgemein ÖR: Neben dämlichen Soaps und Serien die immer weiter an Qualität verlieren, gegeben den Fall sie hatten je eine, und Ratgebern und Dokumentationen die den effektgeilen, reisserischen Pro7/Sat1 Gegenstücken in Sachen Mist in nichts mehr nachstehen und erbärmlicher Sportberichterstattung bleiben nur noch vereinzelt Filme die das Ansehen lohnen - aber die könnte ich mir auch jederzeit aus der Videothek ausleihen. Allgemein Private: Schlimmer geht's nimmer! Ich habe irgendwie keinerlei Verständnis für das, was da geboten wird - einfach nur noch Müll. Bei Filmen gilt das gleiche wie bei den ÖR - nur kommen hier die ständigen Werbeunterbrechungen hinzu. Also schaue ich nur noch sehr, sehr selektiv in die Glotze. Ich glaube mittlerweile macht Eurosport in Sachen Snooker bei mir mittlerweile mehr als 50% meines gesamten TV Konsums aus.
ernst lubitsch 17.10.2008
2. odi profanum vulgus
Ob nun MRR letztlich bei seinen Fern-Seh-Gewohnheiten letztlich tatsächlich alles beurteilen kann, soll dahingestellt bleiben. Und auch wenn Elke Heidenreich ihm nur willfährig und im Tonfall entgleisend sekundiert: In der Sache haben doch beide recht. Es ist einfach unerträglich, womit die (nicht nur öffentlich-rechtlichen) Fernsehanstalten den Zuschauer malträtieren. Sicherlich haben die volks-dümmlichen Pseudo-Volksmusik-Sendungen ihr Publikum. Ich kann aber einfach nicht glauben, daß eine ganze Nation geschmacklich dermaßen dejustiert ist, daß sie diesen Billig-Medien-Brei zur ersten Wahl macht. Hinter dem ganzen steht meiner Meinung nach eher der Versuch, mit billigsten Mitteln die Sendezeiten zu füllen, da die Gebühren für den immensen Personal- und Verwaltungsaufwand draufgehen. Deshalb auch die ständigen Wiederholungen von solch einfach nur dumm zu nennenden Filmen, die Amazon auch für einen Euro als DVD nicht losbrächte. "You get what you pay for" ? - Ich glaube nicht: Die Öffentlichen haben mehr oder weniger ein Monopol, das sie schamlos ausnutzen. Die Privaten sind vielfach keine echte Alternative. Lösung ? - Ich kenne keine. Alle direktivistischen Maßnahmen würden den Sumpf nur noch größer machen. Der Appell an das Verantwortungsbewußtsein der Fernseh-Verantwortlichen verpufft ebenso. Also doch die Öffentlichen abschaffen ? In anderen Ländern geht´s doch auch.
Justin75 17.10.2008
3. Fernsehen für Alte
ARD und ZDF sind Rentnersender und machen Rentnerprogramm. Insofern ist dieser Volksmusikkitsch Pflicht. Die Quoten werden dementsprechend gut sein. Die Behauptung von ARD und ZDF, auch jüngere Zuschauer ansprechen zu wollen, entbehrt jeder Grundlage, längst ist man überein gekommen, die jungen Leute den Privatsendern zu überlassen, das wird sich auch nach Struve nicht ändern.
bauli2000, 17.10.2008
4. Auch nach Struwe ändert sich sicher nichts
Zitat: "Man möchte den Zivildienstleistenden in den Altenheimen zurufen: Bitte, bitte schaltet euren wehrlosen Pflegebedürftigen etwas anderes ein!" Warum dann nicht gleich weiter gehen, und die GEZ-Gebühren gleich von der bezogenen Rente abziehen. Besonders das ZDF bietet fast nur Spartenfernsehen für die Ü-65, warum sollten dann die Renteneinzahler auch noch solche Produktionen mitfinanzieren? Da kann mich auch die unglaubwürdige Selbstkritik nach MRRs Verweigerung des Fernsehpreises oder die Doping-Berichterstattung aus China zurück zum ZDF-Gucken bewegen.
dosmundos, 17.10.2008
5. Sach ich doch...
Da meckert man über Superstars, frauensuchende Bauern und Dschungelcamps, und wie schlecht das Fernsehen geworden sei, und diese unerträglichen Volks-Dumpfbacken dürfen über Jahrzehnte hinweg ungestraft ihr Programm für die wirkliche geistige Unterschicht der Republik durchziehen! Nein, Fernsehen ist nicht schlechter geworden mit der Ankunft der Privaten, nur der Müll zahlreicher!
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