S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Häme statt Humor

Die Zeiten des Dialogs sind passé: An seine Stelle ist der belehrende Textlächerlichmachversuch gerückt. Eine Anleitung.

Eine Kolumne von


Die wunderbare menschliche Errungenschaft von Rede und Gegenrede, kurz: Das, was wir unter dem Begriff Dialog kennen, hat irgendwann eine seltsame Verformung erfahren: Vor ein paar Jahren breitete sich vor allem in den Medien ein Instrument der Verweigerung aus. Nenne wir es "BT". Das ist kurz für: belehrender Textlächerlichmachversuch.

Die Technik ist verführerisch einfach. Der Erfolg steht in keinem Verhältnis zu dem minimalen Aufwand, jeden Satz auf Schwachsinn zu prüfen, und wird sehr oft von Gegnern angewendet. Von Homo-, Frauen-, Ausländer-, Linken-, Intellektuellen-Gegnern. Hauptsache dagegen.

Früher lieferten sich schlaue Menschen argumentativ aufgeladene, für den Konsumenten unterhaltsame Debatten. Aber das ist vorbei. Die Welt teilt sich heute in Schwarz und Weiß. Für elegante Grautöne fehlt die Geduld. Brüllen statt flüstern, Häme statt Humor. Vielleicht gab es die BT-Technik früher nicht, weil die Copy/Paste-Funktion noch nicht existierte, die als Grundlage des BT gilt.

Novalis und Peter Maffay

Lassen Sie mich veranschaulichen, was ich meine: Wir nehmen irgendeinen Text irgendeines Autors. Von Novalis, zum Beispiel.

Wichtig ist immer eine Einleitung, in der der Verfasser des Basistextes unter Zuhilfenahme einiger Wiki-Angaben diffamiert wird. So in etwa:

Wenn der Adelsspross Novalis mit ungefähr 22 seiner damals 13-jährigen Geliebten schreibt, dann klingt das, als wenn Peter Maffay die intellektuellen Fähigkeiten seiner 38 Jahre jüngeren Partnerin betont.

Wichtig ist auch, dass der Einleitungstext nichts mit der zu besprechenden Textgrundlage zu tun hat - also mit Novalis, bei dem es heißt:

"O, Tierchen, das mit Munterkeit
Vor meines Mädchens Fenster springet"

Sehr clever von dem späteren Fichte-Schüler, sein Genital als Tierchen zu bezeichnen. Hallo, kleines Mädchen, kann ich dir mal mein Tierchen zeigen? Das klingt allemal vertrauenerweckender als: Fass diese Wurzel an.

Eine Mischung aus Schopenhauer und John Cleese

Wichtig bei der Technik der Verächtlichmachung des Ausgangstextes ist es, vollkommen ohne Zusammenhang auf sein Thema zu bestehen:

"Und dem sie selbst voll Sorgsamkeit
Im weißen Händchen Futter bringet,
Das Sprünge macht wie Pantalon"

Typisch für den sozusagen typischen Maskulisten, sein Sperma als Futter für die Welt zu bezeichnen. Der Penis ein Leuchtturm, der die Erde befruchtet; der Kirchturm, das Minarett. Ungebrochen zeigt Novalis uns in dieser Zeile sein Weltbild, das von der eigenen Dominanz und der Entmenschlichung der Frau ausgeht.

BT ist einfach. Es verwandelt jeden mittelmäßigen Geist in Handumdrehen in eine geistreiche Mischung aus Schopenhauer und John Cleese. Sie müssen dafür keinen eignen Gedanken haben. Nicht einmal schreiben müssen sie können. Gehen Sie einfach mit der unverhohlenen Anmaßung des Mittelmäßigen vor. Sie werden viele Lacher ernten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
schlipsmuffel 30.01.2016
1. Nun ja...
...Bergsche Kolumnen provozieren geradezu das Lächerlichmachen! Was auch sonst? Soll man die etwa ernst nehmen?
WwdW 30.01.2016
2. habe viele gute Kolumnen gelesen
Bis auf ein paar Kolumnisten hier beim SPIEGEl schätze ich alle. Sie gehören dazu Fr. Berg. Nur heute gefällt mir die Kolumne gar nicht. Ich weiß auf was sie hinauswollen, aber das war schwer verständlich und ich glaube sie haben das schon eingänglicher hinbekommen.
freekmason 30.01.2016
3.
Zitat von WwdWBis auf ein paar Kolumnisten hier beim SPIEGEl schätze ich alle. Sie gehören dazu Fr. Berg. Nur heute gefällt mir die Kolumne gar nicht. Ich weiß auf was sie hinauswollen, aber das war schwer verständlich und ich glaube sie haben das schon eingänglicher hinbekommen.
ja, es ist eine der schwächeren, aber immerhin direkt volle unterstützung und bestätigung der these gleich im ersten forenbeitrag.
nickleby 30.01.2016
4. (Un)sinn ?!
Wenn Frau Berg meint, das Wesentliche des Menschen auf dessen Reproduktionsfähigkeit zu begrenzen (s. Sallust ), ist das zwar schwerlich nachzuvollziehen, aber es sei ihr nachgesehen. Erstaunlich ist aber, dass sie dann den Bogen zu den Verfechtern der Linken, Homosexuellen ,Ausländer, sogenannten Intellektuellen schlägt Frau Bergs Ausführungen werden kryptisch und damit in ein intellektuelles Nirwana gerückt, oder um mit Andersch zu sprechen : 'totaliter aliter '
blitzunddonner 30.01.2016
5. ich find das eben KEINE schwache kolumne ...
sie besticht besonders darin, dass sie sich genau nicht direkt zu einem der aktuellen dauerlutscher geäußert hat (muslime, flüchtlinge, köln, afd). stattdessen begibt sie sich an intellektuelle wurzeln - klar, dass da nicht jeder folgen will. der nächste ausflug sollte ins hochgebirge des gundgesetzes gehen.
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