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S.P.O.N. - Der Kritiker: Stadt macht frei

Eine Kolumne von

Rein in die Stadt! Sie ist der Schauplatz, um die Widersprüche unserer Zeit offen und friedlich auszutragen. Nur in ihr können auch zukünftig die Werte von Humanität und Demokratie bestehen.

Die Gegenwart trägt die Signatur der Zukunft; und wenn man sie lesen kann, erkennt man: Die Frage, was nach dem Nationalstaat kommt, ist längst entschieden - die Stadt ist die angemessene Form, das Miteinander der Menschen zu regeln und sich den Problemen zu stellen, die auf uns zukommen.

Mit anderen Worten: Die Moderne kehrt zu ihren Ursprüngen zurück. Die Stadt bildet die Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit, sie war schon in der Antike der Ort, an dem sich Wissen, Identität, Bürgerstolz bildeten, sie war immer Miteinander und Durcheinander und Aufklärung, sie war Emanzipation und Toleranz, sie war ein Labor für die Konflikte ihrer Zeit, und sie trug ein Versprechen im Namen, das hieß: "Stadtluft macht frei".

Die Nation dagegen ist eine Idee ohne Humanität, sie war eine Waffe, von Anfang an, ein Kind des Krieges, zugleich statisch und expansiv, hungrig, künstlich, aggressiv, eine Fehlentwicklung der Moderne, nicht notwendig, nicht unausweichlich, vor allem nicht praktikabel - sie hat zu Hass und immer neuen Kriegen geführt, sie hat Identität durch Ideologie ersetzt, sie gehört ins Museum der gescheiterten Politik, weil sie keine Lösungen für die global gefährdete Zukunft anbietet, nicht für Klimaerwärmung, nicht für Flüchtlingsfragen, nicht für schrumpfende Wirtschaften, alternde Bevölkerungen oder die Frage, wie der Mensch frei leben kann.

Die Nation ist fest, die Stadt dagegen ist flexibel - sie trägt die Signatur der Zukunft in sich, die Vermischung, die Veränderung, das Hybride, sie funktioniert für sich im Kleinen, wie die Welt als Ganzes heute schon funktioniert: Das Netzwerk ist die Struktur unserer Zeit, das Internet ist nur die offensichtlichste und technologische Variante davon. Auch im Privaten ist es das Netzwerk, das Stabilität und Selbstständigkeit ermöglicht angesichts der Krise der staatlichen Institutionen. Auch im Zusammenleben, Wohnen und Bauen ist das Netzwerk eine Möglichkeit, aus dem Solipsismus und Nomadentum der Falschmoderne auszubrechen.

Die Furcht der Reichen kommt vor der Wut der Armen

Die Vereinten Nationen, eine harmlose Schlechte-Laune-Institution der Symbolpolitik und kein Hoffnungs-Haus der konkreten Lösungen, sollte deshalb auch abgelöst werden durch ein Parlament der Städte: In der Stadt ist man näher an den Problemen, in der Stadt ist man effektiver beim Nachdenken, wie man es anders und besser machen könnte, in der Stadt findet man über das Trennende ein gemeinsames Gespräch, weil die Muster des urbanen Lebens über die Kontinente hinweg viel ähnlicher sind als die Unterschiede von Geschichte oder Kultur.

In den Städten sieht man auch schon, wie sich die Menschen für die Konflikte der Zukunft rüsten: Die Gated Communities und die Townhäuser mit ihren spitzenbewehrten Eisenzäunen zeugen davon, dass die Bewohner dort durchaus wissen, wie prekär ihre Situation ist, wie bedroht sie sind - wobei diese Zurüstungen selbst einen Teil jener Bedrohung und Angst konstruieren und vorwegnehmen, die erst im Kommen ist: Die Furcht der Reichen kommt meistens vor der Wut der Armen.

Die Stadt jedenfalls ist der Schauplatz, um die Widersprüche unserer Zeit offen und friedlich auszutragen - hier sollten die Regeln jener Zivilisiertheit gelten, die sich in den Städten selbst gegründet hat.

Und auch deshalb ist es so eine Schande, was sich etwa in den vergangenen Tagen rund um die besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg abspielt: Neunhundert Polizisten aus dem ganzen Bundesgebiet in Schlachtmontur und mit Schnellfeuerwaffe, vierzig Flüchtlinge, die drohen, sich vom Dach zu stürzen, und eine Bezirksverwaltung ausgerechnet unter Führung der Grünen, die Härte demonstriert und die Pressefreiheit der berichtenden Journalisten einschränkt.

Es ist ein Debakel und ein Skandal: Hier kulminiert das, was schief gehen kann in den urbanen Konfliktzonen - hier ist aber auch der Ort, um diese Konflikte publik zu machen, sie auszutragen und Lösungen zu finden. Und hier zeigt sich ganz konkret, was passiert, wenn Bundesgesetz auf Stadtrealität prallt: Eine nationale Ordnung, die zu lokalem Chaos führt, das ist die Konsequenz aus der alten Art, mit solchen Problemen umzugehen.

Aber die Werte von Humanität und Demokratie entscheiden sich an Orten wie der Gerhart-Hauptmann-Schule - auch die Flüchtlinge kamen ja, weil sie wussten, ahnten, hofften, dass immer noch gilt: Stadtluft macht frei.

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 86 Beiträge
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    Seite 1    
1. Städter
schicksal_00 27.06.2014
Danke für die geniale Kolumne! In den Städten ist das Leben einfach interessanter: Offen, bunt, abwechslungsreich, viele Geschäfte, Infrastruktur usw. Auf dem Land zu leben - ich würde eingehen vor Langeweile!
2. Oder auch nicht
dauersinnkrise 27.06.2014
Zitat von sysopRein in die Stadt! Sie ist der Schauplatz, um die Widersprüche unserer Zeit offen und friedlich auszutragen. Nur in ihr können auch zukünftig die Werte von Humanität und Demokratie bestehen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/demokratie-georg-diez-ueber-die-stadt-als-ort-der-zukunft-a-977866.html
Eine Streitschrift, in der es wieder einmal kein Für und Wider gibt. Hängen also die Stadtstaaten deshalb am Tropf, weil Land und Nationalstaat sie aussaugen? Soll es dann in Zukunft (wieder) anders herum sein, das Land unter der Knute von Residenzstädten, oder so ähnlich? Es gibt auch weniger schöne Eigenschaften der Städte: Eine sich verselbständige (aristokratische) Verwaltung, Filz, Diktatur/Terror des Mobs, Gettobildung, Gentrifizierung einhergehend mit Armutsverdrängung... "Friedlich austragen"? Immerhin findet sich Herr Diez mit seinem (so scheint es wenigstens hier) Hass auf den Nationalstaat Seite an Seite mit dem Bundespräsidenten. Dessen neuester Angriff auf den Gesellschaftsfrieden ja gerade auf SPON und anderern "Qualitätsmedien" veröffentlicht wurde.
3. ... ich denke, Sie liegen falsch, Herr Dietz
marzattak 27.06.2014
eine wirklich interessante These, aber das wird nicht funktionieren. Städte können sich nicht ernähren, sie sind auf die Lebensmittelproduktion der Landbevölkerung angewiesen. Also nix mit: alle(s) in die Stadt. Und Nationen sind keine Fehl- sondern eine logische Entwicklung, weil Städte für manche Probleme zu klein sind. Daran ändert auch der häufige Missbrauch des Nationalbegriffs nichts. Und zur Gerhard-Hauptmann-Schule gibt es mehr als eine Meinung (auch wenn sich gerade in Städten oft Fundamentalisten jeglicher Religion und politischer Couleur sammeln. Seltsamerweise ist Landbevölkerung seltener etrem(istisch)). Nicht jeder findet es gut, wenn Einzelne sich ihre vermeintlichen Rechte erpressen wollen. Ich kenne eine ganze Reihe aufrechter Demokraten, die in diesem Fall für eine sofortige Ausweisung sind.
4.
acitapple 27.06.2014
Zitat von schicksal_00Danke für die geniale Kolumne! In den Städten ist das Leben einfach interessanter: Offen, bunt, abwechslungsreich, viele Geschäfte, Infrastruktur usw. Auf dem Land zu leben - ich würde eingehen vor Langeweile!
stimmt. landeier sind totale langweiler, meist sogar mit noch langweiligeren sprößlingen. in der stadt da steppt der bär, da tanzt die szene und da wird besetzt was bei drei nicht abgeschlossen ist. frau berg hat uns ja auch in der letzten woche beigebracht, dass es auf dem land nur so strotzt vor fahnenschwenkenden, schlagermusik hörenden nazis. in der stadt sind alle nett zu einander und helfen sich wo sie nur können. offenbar gibts in der stadt auch echt guten stoff zu kaufen. also bitte alle in die stadt flüchten, da kann man sich alles so bunt malen wie man möchte und muss die farben nicht dieser dämlichen natur überlassen.
5. Die Gesellschaft der Zukunft
uwe comicfan 27.06.2014
Ich bin sicher dass sich der Autor hier irrt uns droht eher eine Amerikanisierung der Städte mit all der Gewalt die man von dort kennt. Wir können nur hoffen dass es es uns in Europa nicht ganz so schlimm erwischt.
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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