Deniz Yücel 200 Tage in Haft "Solidarität macht Deniz stärker"

Strenge Isolation. Alle zwei Wochen ein Telefonat, zehn Minuten. Dilek Mayatürk-Yücel, Ehefrau des Journalisten Deniz Yücel, spricht im Interview über die Einzelhaft ihres Mannes.

Dilek Mayatürk-Yücel
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Dilek Mayatürk-Yücel

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Mayatürk-Yücel, seit 200 Tagen ist Ihr Mann Deniz Yücel in Untersuchungshaft. Wie geht es ihm?

Dilek Mayatürk-Yücel: Ich habe ihn diesen Montag gesehen. Immer wenn ich ihn treffe, versuche ich, in der einen Stunde Besuchszeit so viel wie möglich aus seinen Worten und seinem Verhalten zu lesen, Liebesbekundungen kommen später. Meinem Eindruck nach geht es ihm gut. Deniz ist ein Mensch, der immer die positive Seite sieht, eine Eigenschaft, die ihm in dieser Situation bestimmt Stärke gibt.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Isolationshaft gelockert worden?

Mayatürk-Yücel: Nein, und das macht mir am meisten Sorgen. Ich muss das immer wieder unterstreichen: Deniz ist abgeschirmt. Wissen Sie, was die langfristigen Auswirkungen der Isolationshaft sind, können Sie beurteilen, was das mit einem Menschen macht? Isolationshaft verletzt Menschenrechte. Er wird eines Tages frei sein, das wissen wir beide, Deniz und ich. Aber glauben Sie ernsthaft, dass wir unser Leben so weiterführen können wie vor der Haft? Wir werden versuchen, den Effekt dieser Monate aus unserem Leben auszuradieren. Aber alles hinterlässt Spuren.

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    Dilek Mayatürk-Yücel, 30, ist TV-Produzentin, sie arbeitete unter anderem in Istanbul und München. Im April heiratete sie Deniz Yücel im Gefängnis.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht sein Alltag aus?

Mayatürk-Yücel: Er versucht, sich zu beschäftigen, liest - wir beide schreiben uns häufig Briefe, über die alltäglichen Dinge, lesen die gleichen Bücher, um später darüber zu diskutieren. Er macht ein bisschen Sport in seiner Zelle. Einmal in der Woche darf er für eine Stunde auf den Sportplatz des Gefängnisses, alle zwei Wochen für zehn Minuten telefonieren.

SPIEGEL ONLINE: Seit 200 Tagen kreist auch Ihr Leben um die Verhaftung Ihres Mannes. Was macht das mit Ihnen?

Mayatürk-Yücel: Wenn Sie mich fragen, wie es mir geht, sage ich: "Es sind 200 Tage. Und jeder Tag ist zu viel." Aber ich wusste, dass es ein Marathon wird, und ich weiß, dass Deniz und ich die Ziellinie Hand in Hand erreichen werden. Weder die guten oder die schlechten Entwicklungen überraschen mich - das ist halt die Türkei. Solange Deniz lächelt, geht es mir gut. Vielleicht ändere ich mich, aber merke es nicht. Wenn ich ihn in Silivri (Red.: die Strafvollzugsanstalt, in der Deniz Yücel in Einzelhaft sitzt) besuche, denke ich natürlich: 200 Tage sind zu lang. Und dann gibt es wieder Tage, an denen ich schlicht nicht glauben kann, dass wir noch für diese Dinge kämpfen müssen, für Meinungsfreiheit, Menschenrechte. Weil Deniz seinen Job gemacht hat, ist er im Gefängnis, wegen seiner Artikel, seiner Interviews. Das kommt mir sogar manchmal albern vor, weil es doch noch so viel Wichtigeres gibt: Klimawandel, Hunger.

Meinungskompass

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst, dass das öffentliche Interesse geringer wird?

Mayatürk-Yücel: Nein. Warum sollte ich? Ja, es sind 200 Tage. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass das Interesse kleiner wird. Natürlich aber gilt die Aufforderung immer noch: Solidarität ist wichtig für Deniz und macht ihn stärker. Seine Freunde organisieren Veranstaltungen, Lesungen, das macht ihn froh. Schreiben Sie ihm. Der Kampf um die Briefe ist mein großer Kampf im Gefängnis. Bisher bekommt er nicht alle Post. Schreibt weiter. Je mehr da ist, desto bessere Argumente habe ich.

SPIEGEL ONLINE: Der Verlag WeltN24, für den Yücel als Türkei-Korrespondent arbeitet, hat Anfang des Monats wegen der fortdauernden Inhaftierung Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht. Gibt es neue Entwicklungen? Wie werden Sie weiter vorgehen?

Mayatürk-Yücel: Es gibt noch immer keine Anklage und keinen Verhandlungstermin, darauf warten wir. Deniz hat zudem ja selbst auch bereits im Frühjahr eine Beschwerde gegen seine Inhaftierung in Straßburg eingelegt. Der EGMR hat der türkischen Regierung Fragen zu Deniz' Fall zukommen lassen, die diese bis zum 24. Oktober beantworten soll. Auch die Bundesregierung hat zugesagt, in dem Fall Stellung zu beziehen.

Alle wichtigen Infos
Der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel sitzt seit dem 14. Februar 2017 in Haft in der Türkei, ihm werden Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Bis jetzt liegt keine Anklageschrift oder ein Prozesstermin vor.

Am 10. September findet zum Geburtstag Yücels ein Auto- und Fahrrad-Korso mit Kundgebung in Berlin statt, um für die Freilassung der in der Türkei inhaftierten Journalisten zu demonstrieren. Informationen dazu finden Sie hier. Wenn Sie Yücel schreiben wollen, finden Sie alle Infos dazu hier.

Derzeit sind rund 170 Journalistinnen und Journalisten in der Türkei in Haft oder Gewahrsam. Zuletzt begann im Juli der Prozess gegen Mitarbeiter der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet".

Weitere Fälle:
Ayse Nazli Ilicak, Bügün, Yarina Bakis, seit 26.7.2016, Prozessbeginn unklar.
Mesale Tolu, seit April 2017, geplanter Prozessbeginn am 11.10.2017.
Peter Steudtner, Menschenrechtler, seit 7.7.2017, Prozessbeginn unklar. Loup Bureau, seit 26.7.2017, Prozessbeginn unklar.
Zehra Dogan, seit 23.7.2016, verurteilt im März 2017.
Gabriele del Grande, festgenommen am 9.4.2017, am 24.4.2017 freigelassen.
Mathias Depardon, festgenommen am 8.5.2017, am 9.6.2017 freigelassen.


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