Inhaftierter Türkei-Korrespondent Deniz Yücel bekommt Theodor-Wolff-Preis

Seit mehr als 50 Tagen sitzt er in der Türkei in Haft. Jetzt wurde dem Journalisten Deniz Yücel der renommierteste Preis zugesprochen, den die deutsche Zeitungsbranche zu vergeben hat.

Deniz Yücel
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Deniz Yücel


Der Theodor-Wolff-Preis, der Journalistenpreis der deutschen Zeitungen, wird erst am 2. Juni vergeben. Schon jetzt wurde bekannt, dass Jury und Kuratorium einstimmig beschlossen haben, den Türkei-Korrespondenten der "Welt", Deniz Yücel, mit einem Sonderpreis auszuzeichnen.

Gleichzeitig fordern die Gremien auf der Homepage des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) die Freilassung des Journalisten. Mit dem Sonderpreis für den Autor solle im Geist von Theodor Wolff ein Zeichen für die Pressefreiheit gesetzt werden, die in der Türkei und an vielen anderen Orten der Welt mit Füßen getreten werde.

Deniz Yücel sitzt seit sechs Wochen in Istanbul im Gefängnis. Ihm werden Terrorismus im Namen verschiedener Organisationen und Spionage für Deutschland vorgeworfen. Erst am Dienstagvormittag konnten ihn Vertreter des deutschen Konsulats erstmals sprechen. Allerdings handelte es sich dabei um eine einmalige Erlaubnis.

Yücel wird in Isolationshaft gehalten, er darf keine Post erhalten und keine Briefe schreiben.

Der Theodor-Wolff-Preis erinnert an den Chefredakteur des "Berliner Tageblatts", Theodor Wolff (1868 - 1943). Er musste 1933 vor den Nazis ins französische Exil fliehen, wurde dort verhaftet, an die Gestapo ausgeliefert und starb 1943 im Jüdischen Krankenhaus in Berlin.

kae/dpa



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rechtsanwalthh 05.04.2017
1. Warum?
Eine freie Presse ist wichtig, allein schon zur Information der Bevölkerung, aber auch, um auf den einen oder anderen Brennpunkt zu fokussieren. Andererseits gibt es immer wieder und auch vermehrt Beispiele für schlicht schlechte Recherche, aber auch eine Verselbstständigung des Journalismus von objektiver und auch impressiver Berichterstattung und Kommentierung hin zu einer wie auch immer gestalteten aktiven medialen Beeinflussung, die teilweise immer weniger mit dem Informationsbedürfnis von Bürgern zu tun hat, sondern eher einer aktiven Rolle in Politik entspricht. Entsprechend wandelt die so immer noch propagierte Berichterstattung Yücel´s auf einem schmalen Grat zwischen (noch) kommentierter Information und Indoktrination. Gerade das, wie SPON in einem anderen Artikel schreibt, Laute und Unangepasste von Yücel, das selbst bei wohlwollender Betrachtungsweise Nervende, kann hierbei nicht nur stören, sondern diesen schmalen Grat auch überschreiten – zumal einseitige Sichtweisen heutigem Journalismus nur zu oft immanent sind. Warum also der Preis für jemanden, der die Grenzen des Journalismus derart auszureizen versucht? Oder gerade deswegen? Der Preis wäre dann eine Ehrung für die Auslotung von Pressefreiheit, ein Beispiel für eine weitere Ausweitung ihrer Grenzen. Ist das denn richtig? Die in der heutigen allgegenwärtigen medialen Verfügbarkeit liegende Macht zur Beeinflussung von Menschen stellt nicht nur eine Freiheit per se dar, die immer weiter auszuweiten ist, sondern beinhaltet zugleich auch die Verpflichtung zu einer gewissen Selbstbeschränkung – und sei es nur zwecks Erhalts der Pressefreiheit. Es ist eben nicht Aufgabe der Presse, immer und in jeder Sekunde das auszuspeien, was einem gerade in den Sinn kommen mag, und das immer mehr und mehr. Pressefreiheit bedeutet ob ihrer Möglichkeiten auch Verantwortung und Voraussicht, nicht nur eine Spielwiese. Böhmermann zB oder auch Yücel sind gewiss Beispiele für ein bewusstes Ausloten dieser Grenzen, interessant vielleicht, aber wo Grenzen gesetzt sind, gibt es immer auch Grenzbegegnungen. Die Frage, die ich in diesem Zusammenhang (auch) stelle, ist, warum sich Yücel gestellt hat, statt sofort das Land zu verlassen – die Türkei ist meines Erachtens derzeit eher ein Kriegsgebiet – und niemand käme als Jounalist etwa in Syrien auf die Idee, sich freiwillig dem IS zu stellen. Die Ehrung ist also zugleich auch eine Ehrung der Dummheit und Naivität, verständlich aus Solidarität zu Yücel, aber mehr als kurzsichtig für den Erhalt der Pressefreiheit und als Zeichen für andere.
vera gehlkiel 05.04.2017
2.
Wie wichtig es ist, dass wir mutige und selbstlose Journalisten wie Deniz Yücel haben, ist kaum zu ermessen. Damit meine ich auch ausdrücklich die Art, wie Yücels nachgerade waghalsiger Versuch, noch mehr Aufmerksamkeit auf das, was in der Türkei geschieht, zu lenken, zugleich dialektisch auf uns alle hier in Deutschland zurückwirkt. Gerade die Empörung über ihn, die nicht nachlässt (während dem die gleichen Empörten vor ein paar Monaten Böhmermann noch alle fest ans Herz drückten) zeigt, wie richtig Yücel stets gelegen hat. Was nun die Freiheit selbst betrifft: Wir sollten uns nicht beschämt fühlen, dass wir frei sind, sondern genau diese Freiheit, deren rein körperliche Gegebenheit uns Yücels Beispiel extrem klar verdeutlichen helfen müsste, in besonders vollen Zügen geniessen. Wie herrlich ist Freiheit, wie sehr ist sie die Essenz, ohne die sonst alles nichts ist! Und wie sehr ist sie verknüpft mit dem Verantwortungsgefühl, unserer Sorge um die anderen! Aber Freiheit gibt es nicht zum Nulltarif, auch nicht per Rabattmarkensystem an der Supermarktkasse. Man muss eben auch für sie kämpfen, ganz aufmerksam bleiben, in jedem Augenblick. Denn sie kann schneller verschwinden, als wir gucken können, so wie Yücel selbst jetzt in einem Kerker verschwunden ist. Dass er, als Doppelstaatler mit zwei Pässen, ganz besonders über diesen Mut verfügt, sollte uns gerade darin bestärken, weiter auf die Kraft dieses Verfahrens zu vertrauen. Darüber hinaus können wir sehen, dass es kein Fehler ist, wenn jemand zwei Heimaten in seiner Brust hat. Im Gegenteil, es ihn gerade zu einem besonders engagierten Menschen machen kann. Diesen Preis braucht er, und wir brauchen ihn auch, denn Yücel darf nicht vergessen werden, nachdem wir seinen fast verrückten Mut über den grünen Klee gelobt haben. Dieser Preis sollte nur der erste in einer unaufhörlichen Reihe von Ehrungen sein, die sich bis zu dem Tag hin erstreckt, an dem er freigelassen wird. Sprich: sollten wir Yücel vergessen, können wir uns selbst auch gleich mit vergessen!
steueragent 05.04.2017
3. Na ja, Frau Gehlkiel, jetzt übertreiben Sie mal nicht.
Der Herr Yücel ist nicht Che Guevara, sondern ein ganz passabler Journalist, der anscheinend den falschen Interview Partner ausgewählt hat. Darüber hinaus hat er natürlich darauf vertraut, dass ihn sein deutscher Pass im Zweifel raushaut, was sehr wahrscheinlich auch passieren wird. Ich bin auch dafür, ihm zu helfen. Zum Säulenheiligen braucht man ihn deshalb aber nicht zu verklären.
subduction 05.04.2017
4. andere auch
Wie im ersten Beitrag schon erwähnt, lotet Herr Yücel mit seinen Beiträgen die Systemgrenzen aus. Das kann er gerne machen, dafür haben wir (noch) eine freiheitlich demokratische Grundordnung. In dem Zusammenhang verstehe ich aber nicht, warum man z.B. nicht auch Herrn Böhmermann diese Ehre zukommen lässt. OK, er hat keine 2 Staatsangehörigkeiten und sitzt auch nicht gerade im Gefängnis eines seiner "Heimatländer", aber trotzdem, mir geht's ums Prinzip und nicht einfach weil es gerade opportun ist.
mostly_harmless 05.04.2017
5. Ich weiss nicht ...
.... ob so viel Publicity eine gute Idee ist. Wenn man Yücel aus dem Gefängnis frei bekommen will, dann dürfte das ziemlich sicher nur ohne Öffentlichkeit gehen, und dabei muss man sich vermutlich noch einige Mühe geben damit beim Erdgan-Regime nicht das Gefühl aufkommt, das "Gesicht zu verlieren"
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