Freundeskreis FreeDeniz "Deniz schafft das"

Sie organisieren Autokorsos, Lesungen, Konzerte: Die Mitglieder des "Freundeskreis FreeDeniz" kämpfen seit einem Jahr für die Freilassung von Deniz Yücel. "Es geht um uns alle", sagt Mitinitiator Imran Ayata.

"Free Deniz"-Autokorso
DPA

"Free Deniz"-Autokorso

Ein Interview von


Herbert Grönemeyer kommt und Hanna Schygulla. Anne Will und Igor Levit. Der "Freundeskreis FreeDeniz" organisiert für Mittwochabend im "Festsaal Kreuzberg" in Berlin die Book Release von Deniz Yücels neuem Buch "Wir sind ja nicht zum Spaß hier", das am gleichen Tag bei Nautilus erscheint. Es wird mehr als nur eine Lesung. Es wird Protest, Konzert, Party für die Pressefreiheit. "Deniz soll wissen, dass es da draußen Leute gibt, die sich seiner Sache annehmen", sagt der Autor und Campaigner Imran Ayata, der die Veranstaltung mitorganisiert.

Zur Person
  • imago/ Müller-Stauffenberg
    Imran Ayata, geboren 1969 in Ulm, ist Autor, DJ und Gesellschafter der Kampagnen-Agentur "Ballhaus West". Er lebt in Berlin. Gemeinsam mit Freunden und Kollegen hat er den "Freundeskreis FreeDeniz" ins Leben gerufen, eine Initiative, die sich für die Freilassung Deniz Yücels engagiert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ayata, Ihr Freund und Kollege Deniz Yücel sitzt seit einem Jahr im Gefängnis. Wissen Sie, wie es ihm geht?

Ayata: Ganz genau natürlich nicht. Wir sind mit seinen Anwälten und seiner Ehefrau im Austausch. Mit ihnen sprechen wir nicht nur darüber, wie es Deniz geht, sondern darüber, was ansteht, was Deniz braucht und wie wir unterstützen können. Außerdem gibt es Texte von Deniz aus der Haft, die Nuancen erkennen lassen. Insgesamt scheint mir, dass Deniz das, was ihn ausmacht, seine Ironie, seine Art zu schreiben, erhalten geblieben ist. Insofern hoffe ich, dass es ihm, den "Umständen entsprechend", okay geht.

SPIEGEL ONLINE: Sie kämpfen mit dem Freundeskreis #FreeDeniz für Yücels Freilassung. Sind Sie in den vergangenen Monaten ein Stück weitergekommen?

Ayata: Niemand in unserer Initiative ist so naiv zu glauben, dass das, was wir tun, einen konkreten Einfluss auf Deniz' Freilassung hätte. Uns treiben zwei Anliegen an: Deniz soll wissen, dass es da draußen Leute gibt, die sich seiner Sache seit einem Jahr annehmen. So profan es klingt: wir machen das für ihn. Dann wollen wir seine Situation in der Öffentlichkeit halten und mit unseren Möglichkeiten darauf hinwirken, dass Politiker in Deutschland nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Wir wollen sie durch unsere Aktivitäten immer wieder mit dem Fall konfrontieren und deutlich machen, dass in einem Land, mit dem Deutschland verbündet ist, die Pressefreiheit zugrunde geht. Und dass uns dabei so viele unterstützen und es uns als Initiative gelungen ist, Menschen aus den verschiedensten Lagern und Milieus hinter einem politischen Anliegen zu versammeln, ist schon sehr besonders.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Sorge, dass die öffentliche Aufmerksamkeit Yücel schaden könnte?

Ayata: Diese Frage beschäftigt uns von Anfang an. Sie wird uns bis zu seiner Freilassung wohl auch begleiten. Wir bewegen uns in einem komplexen Umfeld und müssen mit Ambivalenzen leben. Auch mit dem Risiko, ihm zu schaden. Zeigt man "nur" Solidarität mit einem inhaftierten Kollegen? Oder spricht man auch über Rüstungsexporte? Über Meinungsfreiheit in der Türkei? Letztlich lässt sich der Fall Yücel nicht getrennt von der Politik diskutieren. Deniz sitzt ja nicht als Person in Haft, sondern für seine Arbeit als unbequemer, kritischer Journalist. Für seine Texte, das hat Doris Akrap im Vorwort zu Deniz' neuem Buch geschrieben, würde er in vielen Ländern Preise bekommen. In der Türkei landet er im Knast.

Alle wichtigen Infos
    Der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel sitzt seit dem 14. Februar 2017 in Haft in der Türkei, ihm werden Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Bis jetzt liegt keine Anklageschrift oder ein Prozesstermin vor.

    Am 14. Februar findet die Bookrelease-Gala zu Deniz Yücels Buchveröffentlichung "Wir sind ja nicht zum Spaß hier" ab 20 Uhr im Festsaal Kreuzberg in Berlin statt. Unter anderem werden Herbert Grönemeyer, Anne Will und Hannah Schygulla lesen. Zudem fährt ein #FreeDeniz-Korso ab 16 Uhr vor dem Festsaal Kreuzberg ab. Alle Infos finden Sie hier.

SPIEGEL ONLINE: Unternimmt die Bundesregierung genug, um Yücel freizubekommen?

Ayata: Natürlich setzt sich die Bundesregierung sehr für Deniz Yücel ein. Aber die deutsche Politik steckt in einem Dilemma: Sie hält an ihrem Partner Türkei und an den eigenen - politischen und wirtschaftlichen - Interessen fest. Schon die Infragestellung der Hermes-Bürgschaften hat die Türkei bewegt. Wenn die Bundesregierung über Drohkulissen hinaus mit konkreten Schritten und Handlungen den Druck spürbar erhöhen würde, würden wir uns wundern, zu welchen Kehrtwenden die türkische Regierung binnen weniger Wochen in der Lage ist.

SPIEGEL ONLINE: Der türkische Premier Binali Yildirim hat sich in einem Interview mit der ARD für die Freilassung Yücels ausgesprochen. Wie schätzen Sie diesen Vorstoß ein?

Ayata: In einem türkischen Sprichwort heißt es sinngemäß, dass jede Abkehr vom Irrweg ein richtiger Schritt ist. In diesem Sinne bin ich doch sehr gespannt, was in den nächsten Wochen dem Statement folgt.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Eltern sind aus der Türkei nach Deutschland eingewandert. Hat Yücels Verhaftung Ihren Blick auf die Türkei verändert?

Ayata: Nicht der Fall Yücel alleine, aber die Entwicklungen in der Türkei in den vergangenen Jahren. Wenn Sie so wollen, hat Recep Tayyip Erdogan für meine Integration in Deutschland mehr getan als jeder deutsche Politiker. Ich merke, wie ich mich emotional von der Türkei entferne, auch wenn es noch so viel gibt, was mich mit diesem Land verbindet. Aber ich bin wütend und traurig, welche Richtung das Land und die Gesellschaft nehmen, auch wenn es noch immer Widerstand und Hoffnung gibt. Aber ganz klar: Deniz' Verhaftung hat mein Verhältnis zur Türkei verändert.

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Doris Akrap (Hrsg.), Deniz Yücel:
Wir sind ja nicht zum Spaß hier

Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte

Edition Nautilus; 224 Seiten; 16 Euro

SPIEGEL ONLINE: Reisen Sie selbst noch in die Türkei?

Ayata: Nein. In meinem Umfeld gibt es viele, die davon abgeraten haben und mich sehr rührend davon abhalten. Selbst Familienmitglieder in der Türkei, die von meinem Engagement für Deniz wissen, sagen: Komm nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was können Menschen in Deutschland tun, um Yücel zu helfen?

Ayata: Der kurdische Kolumnist Irfan Aktan hat auf einer Veranstaltung in Berlin kürzlich pointiert gesagt: Kümmert euch um euch selbst, kümmert euch darum, dass Europa ein besseres Europa wird. Damit ist uns in der Türkei am meisten geholfen. Das ist die allgemeine Antwort. Konkret auf Deniz' Fall bezogen: Die Solidarität seiner Familie, Kollegen und Freunde ist ungebrochen. Er hat einen Arbeitgeber, der ihn unterstützt. Ich mache mir weniger Sorgen um Deniz. Er ist eine starke Persönlichkeit. Er schafft das. Wissen Sie, es geht um weit mehr als um Deniz. Es geht um uns. Denn wir müssen uns fragen, wie wir uns in Deutschland zur Türkei verhalten. Wie wir mit jenen solidarisch sind und den Dialog mit jenen intensivieren, die dort für eine demokratische und gerechte Türkei kämpfen. Diese Fragen werden über Deniz hinaus bleiben.

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