200 Tage Deniz Yücel in Haft Demokratie stirbt in der Dunkelheit

Seit 200 Tagen sitzt Deniz Yücel, Istanbul-Korrespondent der "Welt", in der Türkei in Haft. Diese Ungerechtigkeit darf nicht zur Routine werden.

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"Ich bin ein Nachrichtenmann. Es ist mein Job, über das Geschehen in der Welt zu berichten", sagte Aykut Kücükkaya, der kommissarische Chefredakteur der türkischen Tageszeitung "Cumhuriyet", vor einigen Monaten im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Leider werden in meinem Land Journalisten immer öfter selbst zur Nachricht."

Besser lässt sich das Dilemma, in dem Journalisten in der Türkei stecken, nicht zusammenfassen. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die Pressefreiheit in seinem Land abgeschafft. Er hat dafür gesorgt, dass Journalismus in der Türkei zu einem Wagnis geworden ist.

Kücükkaya wurde auch deshalb Chefredakteur, weil seine Vorgänger bei der "Cumhuriyet", Can Dündar und Murat Sabuncu, verhaftet wurden. Dündar lebt inzwischen in Berlin im Exil. Gegen Sabuncu und mehr als ein Dutzend seiner Kollegen läuft ein Verfahren in Istanbul.

Bei Dramen, die sich über einen langen Zeitraum erstrecken, besteht die Gefahr, dass die Menschen abstumpfen, dass selbst die größte Ungerechtigkeit irgendwann zur Routine wird. So ist das auch beim Niedergang der türkischen Demokratie.

Erdogan hat in seinem Feldzug gegen die Opposition derart viele Tabus gebrochen, dass neuerliche Verhaftungen von Journalisten oder Menschenrechtsaktivisten europäischen Medien heute kaum noch eine Meldung wert sind. "Democracy dies in Darkness", lautet der Slogan der "Washington Post". "Die Demokratie stirbt in der Dunkelheit."

Hohen Preis bezahlt

Deniz Yücel, Türkei-Korrespondent der "Welt", hat versucht, die Dunkelheit auszuleuchten. Er hat dafür Orte bereist, die andere Journalisten eher meiden - vor allem den Südosten der Türkei, wo der türkische Staat seit Jahrzehnten Krieg gegen die Kurden führt.

Yücel hat für seine Arbeit einen hohen Preis bezahlt: Er sitzt seit 200 Tagen in der Türkei in Untersuchungshaft. Die Behörden werfen ihm, wie so vielen kritischen Journalisten vor, Terrorpropaganda betrieben zu haben.

In der Türkei sind die Maßstäbe, was Recht und Unrecht ist, lange verrutscht. Für Erdogan sind all jene, die gegen ihn sind, Terroristen oder Putschisten. So war das schon während der Proteste im Istanbuler Gezi-Park 2013. Und so ist es jetzt umso mehr.

Es ist wichtig, dass sich die deutsche Öffentlichkeit nicht an diesen Wahnsinn gewöhnt. Es ist wichtig, dass die Menschen in Deutschland weiter dagegen protestieren, dass Deniz Yücel, sowie seine Kollegin, die Journalistin Mesale Tolu, der Menschenrechtstrainer Peter Steudtner und Tausende türkische Oppositionelle, schuldlos in der Türkei im Gefängnis sitzen.

Solidaritätskundgebungen mit Tolu, Yücel und Steudtner, Autokorsos und Lesungen sind mehr als Folklore. Sie sind ein Appell an die Bundesregierung, sich für die Freilassung der Gefangenen einzusetzen.

Die Verfahren gegen Yücel, Tolu und Steudtner sind keine rechtsstaatlichen Verfahren. Sie sind politisch. Erdogan hat die Deutschen als Geiseln genommen. Und deshalb hilft am Ende nur politischer Druck.

Alle wichtigen Infos
Der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel sitzt seit dem 14. Februar 2017 in Haft in der Türkei, ihm werden Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Bis jetzt liegt keine Anklageschrift oder ein Prozesstermin vor.

Am 10. September findet zum Geburtstag Yücels ein Auto- und Fahrrad-Korso mit Kundgebung in Berlin statt, um für die Freilassung der in der Türkei inhaftierten Journalisten zu demonstrieren. Informationen dazu finden Sie hier. Wenn Sie Yücel schreiben wollen, finden Sie alle Infos dazu hier.

Derzeit sind rund 170 Journalistinnen und Journalisten in der Türkei in Haft oder Gewahrsam. Zuletzt begann im Juli der Prozess gegen Mitarbeiter der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet".

Weitere Fälle:
Ayse Nazli Ilicak, Bügün, Yarina Bakis, seit 26.7.2016, Prozessbeginn unklar.
Mesale Tolu, seit April 2017, geplanter Prozessbeginn am 11.10.2017.
Peter Steudtner, Menschenrechtler, seit 7.7.2017, Prozessbeginn unklar. Loup Bureau, seit 26.7.2017, Prozessbeginn unklar.
Zehra Dogan, seit 23.7.2016, verurteilt im März 2017.
Gabriele del Grande, festgenommen am 9.4.2017, am 24.4.2017 freigelassen.
Mathias Depardon, festgenommen am 8.5.2017, am 9.6.2017 freigelassen.
insgesamt 34 Beiträge
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peter-11 01.09.2017
1. Selbstdarsteller
Ich halte Herrn Yücel für einen Selbstdarsteller der genau diese Situation in voller Absicht herbeigeführt hat. Dann kann er sich so schön als Märtyrer inszenieren. Trotzdem wünsche ich ihm eine baldige Freilassung.
Spiegulant 01.09.2017
2. Entführung und Geiselnahme
Das ist es, was der türkische Schurkenstaat macht: Menschen entführen und in Geiselhaft nehmen. Um Deutschland zu erpressen. Deutschland hat sich viel zu zögerlich gezeigt. Gleich nach der Geiselnahme von Yücel hätte Deutschland alle Botschaften, Konsulate der Türkei umstellen sollen, sodass kein türkischer Offizieller mehr rein oder raus kann. Verhandeln missversteht dieser Irre als Schwäche.
m.gu 01.09.2017
3. Herr Popp, Sie haben diesem Beitrag gut und richtig beschrieben.
Doch warum denken wir heute und jetzt nur an die deutsche Staatsbürger die unschuldig in den Gefängnissen in der Türkei sitzen? Warum denken wir nicht an die 1 000den wehrlosen Opfer, die allein in den vergangenen 2 Jahren ihr Hab und Gut sowie ihr Leben in der Türkei verloren haben? Ein Beispiel von vielen, Mitte 2015 hatte die Stadt Sirnak in der Türkei ca. 69 000 Einwohner. Heute nur noch ca. 4 000 Einwohner, der große Rest von ca. 65 000 Zivilisten wurden nachweisbar getötet oder vertrieben. Siehe Beweis Quelle. "Kurdengebiet - Türkei: 80 Prozent der Stadt Sirnak dem Erdboden gleichgemacht." Meiner Meinung nach müssen auch die deutschen Medien endlich diese Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit mehr aufgreifen zu Themen im Internet bringen. Ich verurteile wie Sie die Inhaftierungen unserer deutschen Landsleute in den türkischen Gefängnissen. Doch zu leben noch und wir können gemeinsam für ihre Freilassung kämpfen. Doch zur gleichen Zeit sind 10 000de Menschen in der Türkei betroffen von Folter, Verstümmelungen und Tötungen, wie z.B. in der Stadt Sirnak.
Lisa_can_do 01.09.2017
4. Was tun?
Es ist eine Katastrophe, dass deutsche Staatsbürger in der Türkei willkürlich verhaftet werden. Die Türken haben diesem Präsidenten das Mandat gegeben, also kann er das machen und macht es. Ich habe mich heute erwischt und habe die Pflaumen und Aprikosen, immer die süssesten, aus der Türkei nicht mehr gekauft. Der Obst- und Gemüsehändler meinte, dass es auch Pflaumen aus Ungarn gäbe. Aha. Pflaumen aus Polen gabs nicht. Ein Kurz-Urlaub in Istanbul über unseren Nationalfeiertag - entfällt, wäre toll gewesen. Mal abgesehen davon, dass besonders Journalisten gerade gegen solche Systeme und Diktatoren geschützt werden müssen und sofort frei gelassen gehören, muss hier -nach meiner Meinung- mehr Kante gezeigt werden. Sowohl der Staat, die Berufsorganisationen, der Arbeitgeber und als auch jeder Deutsche - alle müssen etwas tun, müssen die Fälle medial präsent halten. Und was kann ich Otto-Normalo machen? Ich möchte dem Türkischen Obstanbauer und dem Touristen-Schmuck-Verkäufer nicht schaden. Und Frau Merkel muss endlich Eier zeigen. Die hat sie nämlich. Politisch. Aber nur im Hintergrund agieren und alles versuchen - diese Sprache versteht der Typ in Ankara nicht.
bengel771 01.09.2017
5.
Warum Yücel stets als Aufhänger dient bleibt das Geheimnis der Presse. Ich bestreite nicht das Unrecht, welches ihm angetan wird, aber er besitzt neben der deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft, damit kommt nicht allein das picken der Rosinen aus zwei Tüten, diesen Fall wie "Einstaatler" zu behandeln, da bin ich dagegen. Mesale Tolu oder auch der Unternehmer Özel Sögüt und deren Geschichten bewegen mich da deutlich mehr. ---Zitat--- Solidaritätskundgebungen mit Tolu, Yücel und Steudtner, Autokorsos und Lesungen sind mehr als Folklore. ---Zitatende--- Folklore sind sie nicht, aber recht nutzlos. Gefragt ist hier der Staat und die Regierung, mit ihren gewählten Vertretern, mit dem Auftrag zur Wahrung und Schutz der Interessen des Volkes. Von dieser Seite aus muß der Druck und Protest kommen, sonst kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als unschuldiger Staatsbürger, doch nur schutzlose Verhandlungsmasse übergeordneter Interessen zu sein. Am Ende sind die Inhaftierten genau das, Geiseln als Hebel gegen die Bundesregierung.
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