Ein Jahr Deniz Yücel in Haft 365 ungeheuerliche Tage

Er tat nur seine Arbeit und sitzt seit einem Jahr in Haft: Der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel hält aber auch im Gefängnis nicht still und macht deutlich: Wir beugen uns nicht! Sehr gut.

"Free Deniz"-Demonstration
DPA

"Free Deniz"-Demonstration

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Am 14. Februar 2017 meldete Deniz Yücel sich bei einer Polizeidienststelle in Istanbul, weil, wie ihm schon Monate zuvor zu Ohren gekommen war, die türkische Justiz ihm Vorwürfe machte. Man hätte erwarten können, dass die Beamten ihm die Anschuldigungen erläutern und dass Yücel sie dann als Missverständnis aus der Welt räumt.

Denn natürlich gab es nichts, was man Yücel aus strafrechtlicher Sicht hätte ankreiden können. Er hatte seine Arbeit als Journalist gemacht und, wie andere Journalisten auch, über Missstände in der Türkei berichtet. Aber das gefiel der türkischen Regierung nicht, man hatte sich über seine kritischen - natürlich kritischen, was denn sonst, er ist ja Journalist, nicht PR-Fuzzi der Türkei - Berichte geärgert. Die türkische Justiz konstruierte daraus "Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation", "Datenmissbrauch" und "Terrorpropaganda". Sie und, vor allem, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan halten Journalismus für Terrorismus.

Seit einem Jahr ist Deniz Yücel an diesem Dienstag durch den türkischen Staat seiner Freiheit beraubt, ungeheuerliche 365 Tage, ohne Anklage, ohne Grund, die meiste Zeit in Isolation, was nichts anderes als Folter ist. Bis heute ist es bei fadenscheinigen Vorwürfen gegen ihn geblieben. Er ist eine politische Geisel, die Erdogan dazu benutzt, Forderungen gegenüber Deutschland durchzusetzen. Dass ihm dieses Unrecht von einem EU-Beitrittskandidaten, einem Nato-Partnerstaat, einem eigentlich befreundeten Staat angetan wird, macht die Sache nicht besser.

Alle wichtigen Infos
    Der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel sitzt seit dem 14. Februar 2017 in Haft in der Türkei, ihm werden Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Bis jetzt liegt keine Anklageschrift oder ein Prozesstermin vor.

    Am 14. Februar findet die Bookrelease-Gala zu Deniz Yücels Buchveröffentlichung "Wir sind ja nicht zum Spaß hier" ab 20 Uhr im Festsaal Kreuzberg in Berlin statt. Unter anderem werden Herbert Grönemeyer, Anne Will und Hannah Schygulla lesen. Zudem fährt ein #FreeDeniz-Korso ab 16 Uhr vor dem Festsaal Kreuzberg ab. Alle Infos finden Sie hier.

Aber Deniz Yücel schreibt weiter. Er nutzte, wie er berichtet, zunächst Plastikgabeln und Tomatensoße zum Schreiben, später einen eingeschmuggelten Kugelschreiber, auf den weißen Rändern von Büchern. Seine Notizen schickte er heimlich nach draußen und verhalf dem Genre des Kassibers wieder zu Ehren. Später, als er sich Papier und Stifte kaufen durfte, schrieb er Hunderte Seiten voll, verschickte Material an seine Redaktion und gab der Deutschen Presse-Agentur ein schriftlich geführtes Interview. Demnächst veröffentlicht er ein Buch aus alten und neuen Texten.

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Doris Akrap (Hrsg.), Deniz Yücel:
Wir sind ja nicht zum Spaß hier

Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte

Edition Nautilus; 224 Seiten; 16 Euro

Mit anderen Worten: Er hält nicht die Klappe, und das ist gut so. Denn genau darum geht es der türkischen Regierung: kritische Geister zum Schweigen zu bringen. Yücel schreibt Sätze wie: "Aber es ist eine Lüge, dass die türkische Regierung in meinem Fall und im Fall vieler türkischer Kollegen bloß interessierter Beobachter sei." Oder: "Ich für meinen Teil möchte meine Freiheit weder mit Panzergeschäften von Rheinmetall oder dem Treiben irgendwelcher anderen Waffenbrüder befleckt wissen, noch mit der Auslieferung von gülenistischen Ex-Staatsanwälten oder putschistischen Ex-Offizieren. Also Erdogans früheren Komplizen, denen man meines Erachtens tatsächlich einen - natürlich fairen - Prozess machen müsste, anstatt ihnen politisches Asyl zu gewähren. Kurz: Für schmutzige Deals stehe ich nicht zur Verfügung."

Rechtsstaatliche Prinzipien sind keine Basarware

Yücel macht mit seiner unbeugsamen Haltung und seinen mutigen Aussagen, die seine Haftzeit nicht unbedingt verkürzen dürften, eines ganz deutlich: Rechtsstaatliche Prinzipien sind keine Basarware, über die man beim Tee verhandeln könnte. Wir beugen uns nicht! Kritik an der türkischen Regierungspolitik darf nicht verstummen. Nicht an der Art und Weise, wie Kritiker - Journalisten, aber auch harmlose Internetnutzer, die auf Facebook und Twitter Erdogan-Karikaturen verbreiten - behandelt werden. Nicht an der Korruption, von der selbst die Familie Erdogan befallen ist. Nicht an dem seit zweieinhalb Jahren andauernden Bürgerkrieg, mit dem das türkische Militär die eigene Bevölkerung im Südosten des Landes zermürbt. Nicht am Ausspähen und Verfolgen türkischer Oppositioneller, selbst im Ausland. Und schon gar nicht am Angriffskrieg im Norden Syriens.

Erdogan sagt mit Blick auf den deutschen Koalitionsvertrag: "Wir hoffen, dass die Annäherung [an Deutschland; Anm. d. Red.] jetzt weitergeht. Wir erwarten, dass die Koalition, die neu gebildet wird, einen Beitrag dazu leistet."

Die Bundesregierung sollte sich ein Beispiel an Yücel nehmen und Erdogan antworten: Für schmutzige Deals stehen wir nicht zur Verfügung. Annäherung gern, aber zuerst: #FreeDeniz, #FreeAllJournalists, #FreeThemAll.

SPIEGEL TV: Deutschtürken über den Fall Deniz Yücel

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Papazaca 14.02.2018
1. Genau: Keine schmutzigen Deals. Und Haltung!
Das Yücel - ob man seinen Journalismus mag oder nicht - seit einem Jahr ohne Anklage grundlos in einem türkischen Knast schmort, ist ein Verbrechen. Und es ist offensichtlich, das er eine politische Geisel ist. Für Panzer, was auch immer. Und klar ist auch geworden, das die deutsche Außenpolitik, wie auch die EU, inkonsequent sind. Letztlich kann nur helfen, das Erdogan zu weit geht und das Gummi reißt: Schlechte Beziehungen zu sehr vielen Ländern, Krieg in Syrien, Unterdrückung im Innern, Krach mit den USA, wirtschaftliche Probleme: Irgend wann ist es zu viel und die Realität holt Erdogan ein. Das ist natürlich nur eine vage Hoffnung für Yücel. Vielleicht hilft ihm ja der Europäische Gerichtshof, wegen offensichtlicher Verletzung der Menschenrechte. Aber sicher ist das nicht. Deutschland und Europa müssen endlich Zivilcourage zeigen.
Knacker54 14.02.2018
2. Vielen Dank auch!
"Die Bundesregierung sollte sich ein Beispiel an Yücel nehmen und Erdogan antworten: Für schmutzige Deals stehen wir nicht zur Verfügung. Annäherung gern, aber zuerst: #FreeDeniz, #FreeAllJournalists, #FreeThemAll." Wir sollten für überhaupt gar keine Deals mehr mit der Türkei zur Verfügung stehen! Der Türkei ist ein Ultimatum zu stellen: Ein Kurzfristiger Zeitpunkt, bis zu dem alle Deutschen Staatsbürger, die aus fadenscheinigen Gründen in der Türkei festsitzen, in Deutschland zu sein haben. Sollte dieses Ultimatum nicht eingehalten werden, Abbruch aller Beziehungen, auch der diplomatischen uns genaues Augenmerk auf die türkischen Staatsbürger, die sich in der BRD aufhalten. Da gibt es mit Sicherheit einige, die man MIT Grund anklagen und einsperren kann. Auch sollte man sich Gedanken über eine generelle Einreisesperre für Türken machen usw. DEN Haufen an Inkompetenz, der sich GroKo bzw. Kabinett oder Deutsche Bundesregierung nennt, nimmt Erdogan zu Recht nicht ernst. Es ist eine Schande Bürger eines Landes zu sein, das von solchen Weicheiern regiert wird.
redsilkinvest 14.02.2018
3. Journalist
Ich habe diesen Artikel gelesen, bin erschüttert, dass hier so massiv gegen die Pressefreiheit eingegriffen von Seiten der türkischen Machthaber, wenn ein Journalist seine Arbeit gewissenhaft macht. Diese Türkei ist Mitglied der Nato, die sich verpflichtet hat, die Freiheit zu verteidigen. Freiheit bedeutet auch das Meinungs- schreibe Freiheit geduldet werden muss. Nicht, wenn es einem Machthabender nicht gefällt, diesen Journallisten als Terrorist bezeichnet, ihn ohne Rechtsprechung in Untersuchungshaft hält. Es sieht so aus als ob der Terrorist auf der anderen Seite sich befindet. Hier erleben wir das, was wir Deutschen vor langer Zeit erlebt haben neu. Derjenige der seine Macht missbraucht und das ist die türkische Regierung, die zur jetzigen Zeit dieses tut. Willkürlich und ohne genügend Beweise Journalisten festhält und versucht damit zu pressen was auch immer es bezwecken soll. Türken in Europa und in der Welt und in der Türkei schämt Euch! Das ihr es zulässt das einer von eurer Regierung euch Missbraucht, eurer Land ruiniert, sozial und Marktwirtschaftlich und ihn dabei noch unterstützt. Ich hatte immer Hochachtung vor den Türken auch viele Deutsche, haben euch im stillen bewundert für euren Fleiß und Ehrlichkeit. Nun steht Ihr am Scheideweg Euch zu entscheiden, was aus Euch werden wird. Mitglied in der EU irgendwann oder Partner der Russen oder Vasall der verschiedenen Terror Milizen oder andere Fanatiker. Man kann mit dem einen oder anderen Liebäugeln, nur die Demokratie beschert Frieden, nicht die totalitären Staaten. Dankt darüber nach. Der Einmarsch in Syrien, um mit der USA die ISIS zu vertreiben ist nur ein Vorwand, man erkennt es an der verbalen sprache der Regierung. Denkt daran, nicht immer haben andere die Schuld,es ist immer einfach, verbal anderen die Schuld zuzuweisen. "Schuld immer Eigen"
schofseggel 14.02.2018
4. mein höchster Respekt für...
Deniz Yücel, 1 Jahr türkischer Knast ist sicher kein Zuckerschlecken. Wenn nur mal die EU und auch Deutschland endlich mal diesen, ich mag den Namen schon nicht mehr schreiben, Er....n in seine Schranken weisen. Der zieht doch mit Allem und Jedem einen massiven Streit vom Zaun. Mit USA, mit der EU, mit Zypern mit Holland und im Dauerklinch mit Unserer Regierung. Die Türkei ist durch den verlängerten Ausnahmezustands, touristisch bis auf weiteres nicht mehr bereisbar.
mhuz 14.02.2018
5.
Die Türkei wird Yücel begnadigen und alle werden von einem guten Zeichen sprechen und als Zeichen für die Demokratie in der Türkei . Gleichzeitig wird Erdogan für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen und als Bundeskanzler für Deutschland eingesetzt.
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