Ein Jahr Deniz Yücel in Haft Journalismus ist kein Verbrechen

Seit einem Jahr sitzt "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel in der Türkei in Untersuchungshaft. Nun hat er eine Sammlung seiner Texte vorgelegt. Sie ist erhellend, unterhaltsam - und zum Teil todtraurig.

privat

Von , Istanbul


"An erster Stelle kommt das Rauchverbot", schreibt Deniz Yücel. Das sei das Schlimmste an den ersten Hafttagen in Istanbul gewesen. "Gleich dahinter aber, noch vor dem schlechten Essen und allen anderen Schikanen, folgte für mich das Verbot von Stift und Papier."

Zwei Wochen lang befand sich Yücel, Türkei-Korrespondent der Tageszeitung "Welt", in Polizeigewahrsam, ehe er Ende Februar 2017 in das Hochsicherheitsgefängnis in Silivri, bei Istanbul, verlegt wurde, wo er bis heute als eine Art Geisel der türkischen Regierung gefangen gehalten wird.

"Nach ein paar Tagen begann ich zu experimentieren", berichtet Yücel. Er verwendete eine abgebrochene Plastikgabel als Feder und die rote Soße der Essenkonserven als Tinte. Später gelang es ihm, einen Stift aus der Arztpraxis in seine Zelle zu schmuggeln. Auf diese Weise verfasste er den ersten Text aus der Haft, "Wir sind ja nicht zum Spaß hier", der am 26. Februar 2017 in der "Welt am Sonntag" veröffentlicht wurde - und nach dem nun Yücel neues Buch benannt ist.

Yücel hat für dieses Buch gemeinsam mit der Journalistin Doris Akrap seine Reportagen, Glossen, Kommentare aus mehr als einem Jahrzehnt zusammengestellt und durch einen bislang unveröffentlichten Text aus dem Gefängnis in der Türkei ergänzt. Die Korrespondenz sei schwierig gewesen, berichtet Herausgeberin Akrap. Yücel darf im Gefängnis nur seine Anwälte und Familienangehörige sehen. Er habe jedoch, so Akrap, seinen Anwälten einen "Anmerkungsapparat, bestehend aus 400 handgeschriebenen Seiten, mitgegeben".

Alle wichtigen Infos
    Der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel sitzt seit dem 14. Februar 2017 in Haft in der Türkei, ihm werden Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Bis jetzt liegt keine Anklageschrift oder ein Prozesstermin vor.

    Am 14. Februar findet die Bookrelease-Gala zu Deniz Yücels Buchveröffentlichung "Wir sind ja nicht zum Spaß hier" ab 20 Uhr im Festsaal Kreuzberg in Berlin statt. Unter anderem werden Herbert Grönemeyer, Anne Will und Hannah Schygulla lesen. Zudem fährt ein #FreeDeniz-Korso ab 16 Uhr vor dem Festsaal Kreuzberg ab. Alle Infos finden Sie hier.

"Wir sind ja nicht zum Spaß hier" ist kein Buch ausschließlich über die Türkei, auch wenn sich etwa ein Drittel der Texte mit der Türkei beschäftigen. Yücel schreibt über Pegida, Islamismus, Literatur, Fußball, Drogen, die FDP. Die Sammlung verdeutlicht seine Stärken als Journalist: Seine Präzision, seinen Humor, seine Neugier. "In anderen Ländern kriegt man für solche Texte Journalistenpreise", bilanziert Akrap treffend im Vorwort. "In der aktuellen Türkei kriegt man dafür Knast."

Das Buch ist in fünf Kapitel unterteilt: "Scheißefinden und Besserwissen. Texte über Journalismus". "Mathe für Ausländer. Texte über Deutsche und Ausländer". "Biokoks und Vokalmangel. Über Dieses und Jenes." "Ein irres Land. Über die Türkei". "Korrespondent müsste man jetzt sein." Es schließt mit einem Beitrag von Yücels Ehefrau, der Fernsehproduzentin und Lyrikerin Dilek Mayatürk.

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Doris Akrap (Hrsg.), Deniz Yücel:
Wir sind ja nicht zum Spaß hier

Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte

Edition Nautilus; 224 Seiten; 16 Euro

Yücel erklärt, warum er Journalist wurde: "Das ist das Wunderbare an diesem Beruf: Weil man dabei helfen kann, die Dinge zu ordnen und zu verstehen. Weil man immer wieder in fremde Welten eintauchen und seine Leser dorthin mitführen kann. Weil man Dinge formulieren kann, über die andere Menschen sagen: Sie haben meine Gedanken auf den Punkt gebracht. Oder gar: Sie haben Worte für meine Gefühle gefunden."

Yücel hat sich als Autor für die "Jungle World" und die "taz" vor allem als Satiriker einen Namen gemacht. Für "Vuvuzela", eine Kolumne zur Fußball-WM 2010 in Südafrika, wurde er mit dem Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik ausgezeichnet. Mit seinen Texten aus der Türkei beweist er, dass er auch ein großartiger Reporter ist.

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Ein Jahr Deniz Yücel in Haft: Wir sind nicht zum Spaß hier

Der erste Beitrag in dem Kapitel über die Türkei beschäftigt sich mit den regierungskritischen Protesten im Istanbuler Gezi-Park 2013: "Dieses Land ist komplett irre", schreibt Yücel. "Menschen, die noch vor ein paar Wochen füreinander Verachtung verspürten, stehen plötzlich Schulter an Schulter: Linksradikale und Liberale, Kurden und Kemalisten, Schwule, Lesben und - ja, auch das - gläubige Muslime und Anhänger der ultrarechten MHP (Graue Wölfe). Sie alle führen, aus teils ähnlichen, teils höchst unterschiedlichen Gründen, einen gemeinsamen Kampf."

"Democracy dies in Darkness", lautet der Slogan der "Washington Post". "Die Demokratie stirbt in der Dunkelheit." Yücel hat versucht, die Dunkelheit auszuleuchten. Er hat dafür Orte bereist, die andere Journalisten eher meiden - vor allem den Südosten der Türkei, wo der türkische Staat seit Jahrzehnten Krieg gegen die Kurden führt.

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Auch nach einem Jahr im Gefängnis ist Yücel ungebrochen

Die türkische Regierung wirft ihm Terrorpropaganda vor - wie so vielen kritischen Journalisten. Zwei der acht Texte (ein Interview mit PKK-Führer Cemil Bayik sowie ein Report über Erdogans Despotismus), mit denen die Justiz die Untersuchungshaft gegen Yücel begründet, sind in dem Buch abgedruckt.

Yücel ist auch nach einem Jahr im Gefängnis ungebrochen. In einem bemerkenswerten Interview mit der Deutschen Presse-Agentur stellte er Anfang des Jahres klar, dass er für einen "schmutzigen Deal", etwa einen Gefangenentausch, nicht zu haben sei. Er zeigt eine Größe, die man etlichen der Politiker, die mit seinem Fall befasst sind, nur wünschen kann.

"Es gibt nur einen Grund, Leute wie Deniz Yücel wegzusperren", schreibt Doris Akrap: "Man will sie zwingen, endlich die Klappe zu halten. Damit klar ist, dass daraus nichts wird, erscheint dieses Buch."

insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
johannes-kh 14.02.2018
1. Yücel ist Türke
und musste wissen, auf was er sich in der Türkei einlässt. Außerdem hält sich mein Mitleid bei diesem Deutschlandhasser in Grenzen. Als Bereicherung für unsere Kultur empfinde ich ihn jedenfalls nicht. Auf sogenannte Journalisten, die Deutschland so abgrundtief hassen kan man gut und gerne verzichten.
mostly_harmless 14.02.2018
2.
Zitat von johannes-khund musste wissen, auf was er sich in der Türkei einlässt. Außerdem hält sich mein Mitleid bei diesem Deutschlandhasser in Grenzen. Als Bereicherung für unsere Kultur empfinde ich ihn jedenfalls nicht. Auf sogenannte Journalisten, die Deutschland so abgrundtief hassen kan man gut und gerne verzichten.
Nun, ich hingegen finde, Deutschland kann auf sogenannte Leute verzichten, die unfähig sind, zu kapieren was der Inhalt einer Glosse ist, vermutlich nicht mal wissen was eine Glosse ist, und bei allem, was kritischer gegenüber Deutschland ist als "unter Adolf war auch nicht alles schlecht" Schnappatmung bekommen.
blabla55 14.02.2018
3.
Zitat von johannes-khund musste wissen, auf was er sich in der Türkei einlässt. Außerdem hält sich mein Mitleid bei diesem Deutschlandhasser in Grenzen. Als Bereicherung für unsere Kultur empfinde ich ihn jedenfalls nicht. Auf sogenannte Journalisten, die Deutschland so abgrundtief hassen kan man gut und gerne verzichten.
Es geht um die Meinungsfreitheit,fertig aus.
miklo.velca 14.02.2018
4. Türkei setzt jetzt den Joker ein
Regierungschef und Kriegsverbrecher Yildirim hat heute schon angedeutet, dass Yücel demnächst frei kommen wird. Sieht so aus, dass die "schmutzigen Deals" schon beschlossen sind. Neben der bereits stattfindenden deutschen millitärischen und ideologischen Hilfe im Hintergrund beim aktuellen Völkermord in Afrin, gibt es jetzt durch Yücel baldige Freilassung offizielle aktivere Unterstützung. Obendrauf gibt es noch besondere Geschenke, wie etwa Visafreiheit und eventuell EU-Beitritt. Merkel und die anderen Lichtwesen in der Politik regen sich über Abgastests an Affen auf. Über "Leoparden-Tests" in Afrin, gibt es nicht mal Kritik - ganz im Gegenteil.
quercusuevus 14.02.2018
5.
Zitat von miklo.velcaRegierungschef und Kriegsverbrecher Yildirim hat heute schon angedeutet, dass Yücel demnächst frei kommen wird. Sieht so aus, dass die "schmutzigen Deals" schon beschlossen sind. Neben der bereits stattfindenden deutschen millitärischen und ideologischen Hilfe im Hintergrund beim aktuellen Völkermord in Afrin, gibt es jetzt durch Yücel baldige Freilassung offizielle aktivere Unterstützung. Obendrauf gibt es noch besondere Geschenke, wie etwa Visafreiheit und eventuell EU-Beitritt. Merkel und die anderen Lichtwesen in der Politik regen sich über Abgastests an Affen auf. Über "Leoparden-Tests" in Afrin, gibt es nicht mal Kritik - ganz im Gegenteil.
Ich glaube, da überschätzen Sie die Bedeutung von Herrn Yücel ein wenig ...
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