Von Ingeborg Wiensowski
Die Moderne der zwanziger Jahre trägt in Hamburg für gewöhnlich Sprossenfenster und Backstein. Nur das Landhaus Michaelsen ist ganz anders: weiß geschlämmt, kubische Grundformen, gebogene Panoramascheiben, gerundete Terrassen. Die Villa ist das früheste Beispiel für die Neue Sachlichkeit in Deutschland. 1923 hat der Architekt Karl Schneider das Landhaus für das Ehepaar Michaelsen gebaut. Seit der Zeit wurde das Haus von den Nationalsozialisten als entartet erklärt, wäre nach dem Krieg beinahe abgerissen worden, verfiel und wurde schließlich wiederhergestellt.
25 Jahre ist die Wiederherstellung der "Weißen Villa" nun her und zu diesem Jubiläum hat die heutige Besitzerin Elke Dröscher eine Ausstellung über die wechselvolle Geschichte des Landhauses eingerichtet, deren Besuch für jeden Architektur-Interessierten ein Muss ist. "Jahresringe" heißt die Ausstellung mit gutem Grund: An Karl Schneiders Landhaus ließen sich "politische, gesellschaftliche, ästhetische Einflüsse und Entwicklungen in Spuren ablesen", so Dröscher. Spuren der Macht, der Politik und des Ämter-Gehorsams.
Urkunden des Dramas
In zwei Vitrinen zeigt die Ausstellung Bücher aus den zwanziger Jahren mit Berichten und Abbildungen über die Villa, darunter auch das erste Bauhaus-Buch, welches das Haus des jungen Schneider in Bezug zu den Fagus-Werken von Walter Gropius setzt. Daneben Planungen und Entwürfe. Es folgen Zeichnungen und Fotoreihen des gerade fertiggestellten Ensembles, begleitet von Zitaten, in denen die Villa Michaelsen zum Beispiel mit den "Prairiehäusern" Frank Lloyd Wrights verglichen wird.
Dann kommen die Urkunden eines Dramas: Es beginnt mit dem Kaufvertrag über das 28.058 qm große Grundstück mit Haus zwischen Ite Michaelsen und Axel Cäsar Springer vom 17.3.1955, gleich danach folgt ein Antrag von Springer auf Abriss des "Stallgebäudes mit Atelier", das "durch Nutzung als Pferdestall baufällig infolge Schwamm und Insekten" sei. Trotz der kurzen, lächerlichen Begründung bekommt Springer am 2.1.1957 von der Bauabteilung Altona die Genehmigung und reißt das zum Ensemble gehörende Haus ab. Am 23.7.1970 stellt er den nächsten Antrag auf Abriss der Villa. Begründung: "Baufälligkeit, schlechter Zustand des Fundamentmauerwerks sowie der sanitären Anlagen". Am 21.8.1970 wird die Genehmigung erteilt, der Abriss erfolgt nicht, und die Genehmigung verfällt nach einem Jahr. Ein Denkmalpfleger war nie in die Entscheidungen involviert worden, so wurde auch der nächste Antrag 1973 auf Abriss des Daches ohne Probleme genehmigt. Aber auch das geschieht nicht, weil Springer das Interesse an der Villa Michaelsen verloren und sich einer anderen Immobilie gewidmet hatte.
Schwarz auf weiß auf Senats-Papier
Schneiders Haus stand nun leer und verfiel zusehends - kein schönes Image für den Zeitungszaren. Also schenkte Springer 1980 der Hamburger Bürgerschaft die "verrottete Villa", wie es damals in den Zeitungen hieß. Hingen Senats-Papiere mit den Bedingungen für die "Schenkung" nicht schwarz auf weiß an der Wand, man glaubte sie nicht: Für die Dauer von zehn Jahren bekam Springer jährlich eine Spendenbescheinigung über je 560.000 Mark für das Finanzamt. Der Park um die Villa sollte nach Springers Sohn "Sven Simon Park" heißen, und die Stadt war sofort für die Villa und eine Restaurierung zuständig. Das Haus verfiel immer mehr, wurde vernagelt und das Gelände abgeriegelt.
In diesem Zustand hatte Elke Dröscher das Gebäude entdeckt. Gleich am Eingang zur Ausstellung zeigt ein großes Foto das völlig verwahrloste Gebäude mit zugenagelten Fenstern aus dem Jahr 1985. Sie verhandelte mit der Stadt und schloss einen Nutzungsvertrag auf 75 Jahre ab. Dafür übernahm sie die gesamten Kosten der Renovierung, die in Millionenhöhe gingen. 1988 wurde das Haus endlich unter Denkmalschutz gestellt, was aber das Bezirksamt Altona nicht daran hindert, nur 30 Meter neben dem Landhaus eine Baugenehmigung für einen dreigeschossigen Neubau zu erteilen - ohne Verantwortung für die Risse zu tragen, die das Landhaus durch die Bauarbeiten davon trug. Neue Spuren der Geschichte im Mauerwerk.
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