Denkmal für Sinti und Roma Notfalls ohne Inschrift

Der Streit um die Inschrift des geplanten Mahnmals für die von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma geht weiter. Vor allem ein von Kulturstaatsministerin Christina Weiss eingebrachter Vorschlag sorgt für Aufregung. Der Zentralrat spricht von "Beleidigung".


Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats deutscher Sinti und Roma: "Beleidigung und Demütigung"
DDP

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats deutscher Sinti und Roma: "Beleidigung und Demütigung"

Berlin - Auch heute konnten sich Vertreter von Bund und Ländern bei einem Gespräch im Bundeskanzleramt nicht mit dem Zentralrat deutscher Sinti und Roma auf einen gemeinsamen Text für die Mahnmalsinschrift einigen. Bund und Länder schlugen dem Zentralrat vor, mit den Vertretern der Sinti-Allianz einen Konsens zu erarbeiten.

Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) schloss nach dem Treffen nicht aus, dass das Denkmal in Berlin gegebenenfalls ohne Inschrift gebaut und der Streit darum als Dokumentation dem Denkmal hinzugefügt werde. Mit dem Bau südlich vom Reichstag in Berlin soll in diesem Jahr begonnen werden, die Fertigstellung ist im kommenden Jahr vorgesehen. Der Bund hat dafür zwei Millionen Euro vorgesehen. Nach einem Entwurf des israelischen Künstlers Dani Karavan soll ein künstlicher See mit einer versenkbaren schwarzen Stele entstehen.

Weiss hatte bei dem Treffen zusammen mit dem amtierenden Bundesratspräsidenten, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), sowie dem SPD-Kulturexperten Eckhardt Barthel als Vertreter des Bundestags einen neuen Kompromissvorschlag vorgelegt, der den Begriff "Kinder, Frauen und Männer" durch "Sinti und Roma" ersetzt. Allerdings heißt es dort unverändert, dass diese "als Zigeuner" von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Barthel erläuterte, dies sei lediglich eine historische Einordnung.

Der Vorsitzende des Zentralrats, Romani Rose, sagte, der Begriff bleibe eine "Beleidigung und Demütigung". Er verdeutlichte: In den USA komme niemand auf die Idee, auf ein Denkmal für den Bürgerrechtler Martin Luther King das Wort "Nigger" zu schreiben, weil dieser früher so beschimpft worden sei.

Der Zentralrat sprach sich erneut für ein Zitat des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog aus. Darin heißt es, der Mord an den Sinti und Roma sei "mit dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt worden wie der an den Juden". Rose vermutete, dass dieser Satz nicht gewollt sei, da man dann ein Problem "im Sinne der Einmaligkeit" hätte. Schließlich solle das künftige Denkmal für die Sinti und Roma in Nähe des Holocaust-Mahnmals stehen.

Rose kritisierte weiter, dass die Bundesregierung den Zentralrat nicht als alleinigen Repräsentanten der Sinti und Roma anerkenne, obwohl er 90 Prozent von ihnen vertrete. Die Sinti-Allianz sei hingegen ein "Phantom", das "nicht greifbar" sei. Dennoch zeigte sich Rose bereit, mit der Sinti-Allianz das Gespräch zu suchen. Er wolle die Gruppe davon überzeugen, ebenfalls das Herzog-Zitat zu favorisieren. Von den noch 1800 lebenden Sinti und Roma, die den Holocaust überlebt haben, hätten sich 1500 für das Herzog-Zitat ausgesprochen.

Vor dem Gespräch hatte Rose in einem Interview mit einem Boykott der Einweihungsfeier gedroht, wenn der Bau des Denkmals ohne eine Einigung über die Inschrift begonnen werde. Ein Denkmal ohne Inschrift erfülle nicht den gewünschten Sinn, betonte Rose. Platzeck räumte ein, man sei sich einig, dass eine fehlende Inschrift dem Denkmal abträglich wäre.

Michael Beumer, ddp



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