Denkmalstreit in der Türkei Mahnen? Versöhnen? Dynamit!

Macht Premierminister Erdogan wirklich Ernst? Er will das Beton-Monument des Künstlers Mehmet Aksoy sprengen lassen, das die Türkei an ihre dunkelste Stunde erinnert: den Völkermord an den Armeniern.

AP/ Mehmet Aksoy

Von Jürgen Gottschlich, Istanbul


Es ist ein weithin sichtbares Zeichen: Knapp 35 Meter hoch, auf einem großen Sockel, steht ein in der Mitte durchtrennter Körper, dessen beiden Hälften sich scheinbar aufeinander zubewegen. Die Skulptur symbolisiert das armenische und das türkische Volk, die sich nach der großen Katastrophe, dem Völkermord von 1915, wieder annähern. Entworfen hat das Denkmal der bekannteste türkische Bildhauer, Mehmet Aksoy. Im Jahr 2006, als zwischen der Türkei und ihren armenischen Nachbarn Aufbruchstimmung herrschte, gab die Stadtverwaltung von Kars, einer Provinzstadt im äußersten Nordosten des Landes, die nur 30 Kilometer von der armenischen Grenze entfernt liegt, das Denkmal bei Aksoy in Auftrag. "Ich habe mich damals sehr darüber gefreut und mich mit großem Engagement in die Arbeit gestürzt", sagt der Künstler im Rückblick.

Seit Jahrzehnten fordern die Armenier von der Türkei, als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches die damaligen Massaker und tödlichen Deportationen in die syrische Wüste als Genozid anzuerkennen - bislang vergeblich. Trotzdem hatte sich in den letzten Jahren viel verändert. In der türkischen Öffentlichkeit sind die Ereignisse kein Tabu mehr, und auch auf politischer Ebene gab es eine bemerkenswerte Annäherung. Das Vorhaben, endlich diplomatische Beziehungen aufzunehmen und die Grenze zu öffnen, stockt allerdings seit zwei Jahren.

Zwischen militärischem Schrein und Genozid-Mahnmal

Nun droht, zum Gedenktag an den Völkermord am 24. April, ein neuer Streit zwischen Türken und Armeniern: Aksoys Monumental-Skulptur im Osten des Landes nahe der armenischen Grenze erregte Anfang des Jahres das Missfallen des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan. Bei einem Besuch in der nordöstlichen Provinz nannte er das Denkmal "monströs", es solle weg, befahl Erdogan. Allen rechtlichen Einwänden über Vertragstreue und der Freiheit der Kunst zum Trotz: Anfang der Woche hat der Abriss in Kars begonnen.

Kars ist ein geschichtsträchtiger Ort, der jahrhundertelang zwischen Türken und Russen umkämpft war. Viele deutsche Leser kennen ihn als Schauplatz des Romans "Schnee" von Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Für die meisten Türken ist Kars der Platz, in dessen Nähe eine der für die osmanische Armee verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkrieges stattfand. Die damalige Niederlage gegen die Russen, die fast hunderttausend Soldaten das Leben kostete, war einer der Gründe für die Massendeportation der Armenier, weil damals auch armenische Soldaten in den russischen Reihen kämpften und damit das ganze Volk der Kollaboration verdächtigt wurden.

In Erinnerung an die Schlacht haben türkische Nationalisten schon vor Jahren in Igdir, einer Nachbarstadt von Kars, ein unsäglich militaristisches Denkmal zur Erinnerung der "türkischen Opfer der Armenier" gebaut. "Mein Denkmal", so Aksoy, "steht deshalb im Spannungsfeld zwischen dem Nationalistenschrein und dem Denkmal für die Opfer des Völkermordes in Eriwan, auf der anderen Seite der Grenze. Das war die Herausforderung für mich".

Erdogan macht Ernst

Der Platz, den Mehmet Aksoy im völligen Einverständnis mit dem Bürgermeister von Kars und der zuständigen Landschafts- und Denkmalschutzbehörde aussuchte, liegt auf einem Hügel direkt gegenüber dem alten Fort von Kars. Damit wollte er - für jeden deutlich - die Versöhnung dem Krieg auch optisch gegenüberstellen.

Als Erdogan im Januar seine Tirade vom Stapel ließ, glaubten die Medien zunächst an einen spontanen Ausbruch des als impulsiv bekannten Regierungschefs, den er wieder korrigieren würde. Schließlich könne ja die Freiheit der Kunst in einem Rechtsstaat nicht am Geschmack des Premiers ihre Grenze finden. Doch Erdogan machte klar, dass es ihm mit dem Abriss bitter Ernst ist. Als offizieller Grund wurde nachgeschoben, dass die Skulptur die Begräbnisstätte eines Sufi-Heiligen und eine Moschee "verschatten" würde.

In seltener Einmütigkeit solidarisierte sich daraufhin die gesamte Kunst - und Intellektuellen-Szene des Landes mit Aksoy. Und das, obwohl der Künstler, der nach dem Putsch 1980 lange in Deutschland im Exil war und in Berlin-Kreuzberg eine neunteilige Skulptur "Arbeitsemigranten" hinterlassen hat, schon mehrfach mit seiner Kunst angeeckt war. Auch international bekam der Künstler Unterstützung, der armenische Präsident Serge Sarkisyan bat, den Abriss zu überdenken.

Messerattacke bei Protesten gegen den Abriss

Doch Erdogan hat derzeit vor allem die Parlamentswahlen im Juni im Auge. Für seine religiös-konservative Klientel und vor allem für die türkischen Nationalisten, die das Denkmal von Aksoy schon lange bekämpfen, wäre ein Abriss eine Genugtuung. Der Bürgermeister, der in Kars zwischenzeitlich gewechselt hat und nun auch Erdogans AKP angehört, beeilte sich, dem Wunsch seines Herrn möglichst schnell nachzukommen. Eine einstweilige Anordnung, die Mehmet Aksoy vor dem Bezirksgericht in Erzerum erstritt, wurde sogleich angefochten. Ein Richter, den man dazu extra aus der zentralanatolischen Stadt Kayseri heranschaffte, gab dann die gewünschte Abrissgenehmigung.

Mittlerweile ist das Denkmal vom Symbol der Aussöhnung längst zu einem Symbol der Auseinandersetzung zwischen dem liberalen säkularen Lager auf der einen und dem religiös-nationalistischem Lager auf der anderen Seite geworden. Im Anschluss an eine Protestveranstaltung, die am vergangenen Montag in Istanbul stattfand, wurde der Maler Bedri Baykam, der sich an der Mobilisierung gegen den Abriss beteiligt hatte, von einem Mann niedergestochen und lebensgefährlich verletzt. Begründung des Täters: Er hasse Leute wie Baykam.

Mehmet Aksoy ist inzwischen nach Kars gefahren, um vor Ort zu schauen, ob seine Skulptur noch zu retten ist. Die Abrissfirma hat bislang um das 1500 Tonnen schwere Denkmal ein Gerüst gebaut und begonnen, Löcher in die Skulptur zu bohren. Am Donnerstag, so Aksoy zu SPIEGEL ONLINE, seien die Arbeiten eingestellt worden. "Ich weiß nicht warum, aber vielleicht wollen sie wirklich den 24. April abwarten, bevor sie wie die Taliban die Buddha-Statuen mein Denkmal in die Luft sprengen", kommentierte der Bildhauer. Noch hofft er, das Denkmal retten zu können: "Ja natürlich, die Hoffnung ist das Essen der Armen."



insgesamt 153 Beiträge
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Eutighofer 23.04.2011
1. Geschichtsblindheit
Aggressiver Nationalismus und Erinnerung an dunkle Stunden der türkischen Nation vertragen sich nicht. Geschichtsblindheit als Programm. Ob eine von Erdogan geführte Türkei die EU wirklich voranbringt ?
the_abyss 23.04.2011
2. Kann er ruhig tun...
...damit zeigt er doch, dass er nichts in der EU verloren hat wenn er nicht sachlich mit der Vergangenheit seines Landes umgehen kann. An dem Tag, an dem es gesprengt wird, sollten im Europaparlament saemtliche Dokumente die den Beitritt der Tuerkei zur EU behandeln geschreddert werden.
trimalchio 23.04.2011
3. nicht abwenden!
Die Regierung Erdogan verlässt den Pfad eines säkularen Rechtsstaates immer weiter. Es erscheint immer befremdlicher, dieses Land in die EU aufzunehmen. Wenn Europa sich abwendet, wird diese Tendenz aber noch verstärkt. Wird man uns in 20 Jahren vorwerfen, mit diesem Regime kooperiert zu haben? Ich finde, wir müssen den Türken weiterhin die Hand reichen! Es ist in diesem Zusammenhang auch an UNS, einen guten Umgang mit den Türken in unserem Land zu finden. Wenn wir nicht ständig reflexhaft die eigene Identität verstecken/verleugnen würden, wäre das für ALLE Beteiligten einfacher!
Roßtäuscher 23.04.2011
4.
Zitat von sysopMacht Premierminister Erdogan wirklich ernst? Er will das Beton-Monument des Künstlers Mehmet Aksoy sprengen lassen, das die Türkei an ihre dunkelste Stunde erinnert: den Völkermord an den Armeniern. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,758564,00.html
Dann wird ein Geschichts-Nachhilfeunterricht fällig. Wir sind dabei, unsere düstere Vergangenheit aufzuarbeiten und haben es ein Stück bewältigt. Aber wie sich die Türken mit dem Völkermord an den Armeniern verhalten grenzt irgenwie an blasierte Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. Mehr Bescheidenheit haben die gerade nötig.
marcus1011 23.04.2011
5. Tja!!!!
Zitat von sysopMacht Premierminister Erdogan wirklich ernst? Er will das Beton-Monument des Künstlers Mehmet Aksoy sprengen lassen, das die Türkei an ihre dunkelste Stunde erinnert: den Völkermord an den Armeniern. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,758564,00.html
Tja, Erdogan scheint den Taliban näher als Europazu sein . Die Buddha-Statuen von Bamiyan lassen grüßen. Ob man nun aus nationalistischen oder religiösen Gründen unliebsame Erzeugnisse sprengen lässt....Demokratie, Verständnis und Versöhnung sehen anders aus!!!
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