Dennis Hopper als Fotograf Kult-Star kurz vor dem Absturz

Was für ein Schatz! Im Nachlass des Hollywood-Schauspielers Dennis Hopper fanden sich Hunderte Fotos, die der "Easy Rider"-Star in den Sechzigern selbst gemacht hat - bevor er für Jahre im Drogensumpf versank. In Berlin sind die intimen Bilder des talentierten Fotografen jetzt zu bestaunen.


Im Frühjahr 1961 spazierten Dennis Hopper und seine spätere Frau Brooke Hayward durch die Straßen New Yorks. Plötzlich blieb Hopper stehen. Er zeigte auf das Trottoir und sagte zu seiner Freundin: "Ich werde jetzt mit meinen Händen ein Viereck machen, und ich möchte, dass du da durchschaust, genau auf das, worauf ich mit dem Viereck hindeute, denn das wäre ein großartiges Foto."

Hopper hatte damals bereits neben James Dean in "...denn sie wissen nicht, was sie tun" und in "Giganten" gespielt. Er hatte sich durch seine aufsässige Art in Hollywood unbeliebt gemacht. Er war nach New York gegangen und hatte bei dem berühmten Schauspiellehrer Lee Strasberg gelernt. Und er hatte, angeblich angeregt durch Dean, ein wenig fotografiert.

Zum ernsthaften Fotografen aber wurde er erst, als ihm Brooke Hayward wenige Wochen nach seiner Gehweg-Vision eine Nikon zum Geburtstag schenkte. Von da an trug er die Kamera an einem Band um den Hals und legte sie praktisch nicht mehr ab, bis er 1967 am Drehbuch für "Easy Rider" zu arbeiten begann.

Wenn jetzt die fotografische Ausbeute jener Jahre im Berliner Martin-Gropius-Bau ausgestellt wird, ist daran zweierlei spannend. Einerseits scheint - etwa bei Hoppers Porträts von Andy Warhol, Martin Luther King oder Timothy Leary - die kulturelle und politische Essenz dieser Zeit durch das Fotopapier hindurch; zumal man ständig meint, von Hoppers Hand verursachte Gebrauchsspuren auf den Bildern zu entdecken. Was gar nicht mal unwahrscheinlich ist. Denn es sind die Abzüge ausgestellt, die er selbst für eine Fotoschau 1970 im texanischen Fort Worth ausgewählt hatte. Und die erst 2010, nach Hoppers Tod, in einem Keller seines Anwesens im kalifornischen Venice wiederentdeckt worden sind.

Und anderseits war das Jahr 1970 ein ganz besonderes Jahr im Leben Hoppers. Ein Jahr zuvor war ihm mit "Easy Rider" ein gigantischer künstlerischer und kommerzieller Erfolg gelungen. Hopper galt jetzt als Genie, war zum kultisch verehrten Star und zur Symbolfigur rebellischen Freiheitsdrangs geworden. Sein Nachfolgeprojekt aber, "The Last Movie", war ein verschlungener, irre anspruchsvoller Film, der schon bei den Dreharbeiten chaotisch verlief und ihm, der weder Alkohol noch Drogen verschmähte, beim monatelangen Schneiden zu misslingen drohte.

Den Hopper dieser Jahre zeigt ein Porträt des Fotografen Walter Chappell: ein Hippie mit Vollbart und Jesusmähne. Dazu ein billiger Drahtkleiderbügel auf dem Kopf, die Assoziation Dornenkrone liegt da nicht fern. Kann aber genauso gut sein, dass Hopper im Rausch den in seinem Wallehaar verfangenen "hanger" gar nicht bemerkte. Oder er hat ihn sich über den Kopf gezogen, um einen "Hang-over" (Kater) zu bebildern. Zuzutrauen war ihm damals alles.

In seinem chaotischen Leben strudelte in dieser Zeit so ziemlich alles davon. Er lebte in Taos in Neumexiko und ließ seine Tage und Launen von Bier, Cuba Libres und Koks bestimmen. Einmal jagte er sogar während einer Auseinandersetzung mit einer Freundin eine Gewehrsalve in die Wände seines Hauses.

Vintage-Abzüge, inszeniert wie ein Film

In eben jener Nacht war auch der Kunstexperte Walter Hopps zu Gast, und die Zustände im Haus Hoppers alarmierten ihn so sehr, dass er bei seinem nächsten Besuch die achtlos herumliegenden Negative der Fotos einsammelte und in einem Museum sicherstellte. So konnte Hopper, als er sich Jahre später von den Drogen verabschiedet hatte und sich wieder für das Fotografieren zu interessieren begann, für Ausstellungen und Publikationen darauf zurückgreifen.

Gegenüber den späteren, recht großen Abzügen wirken die in Berlin gezeigten Vintage-Abzüge von 1970 fast winzig. In einem umlaufenden Band aus weißen Vitrinen gezeigt, sind sie ein wenig wie ein Film inszeniert. Der Eindruck wird dadurch verstärkt, weil sie - ob bei Bürgerrechts-Demonstrationen, Love-Ins, Hippie-Mama-Meetings, Bikertreffen oder Rodeoturnieren aufgenommen - oft ganze Handlungssequenzen einfangen. Auch die Flucht der Ausstellungssäle lässt die Fotos wie einen "Vorfilm" wirken, an dessen Ende "Easy Rider" gezeigt wird: Der Film, der die Summe zieht aus den Foto-Erkundungen der rebellischen, revolutionären und selbstzerstörerischen Prozesse der Sechziger.

"The Last Movie" hätte man sich hier ebenso gut vorstellen können. Schließlich hat sich Hopper, gerade als ihm das Werk zu entgleiten drohte, auf das überschaubarere Medium der Fotografie besonnen und die Schau von 1970 vorangetrieben (und teilweise sogar selbst gehängt). Seinen Fotos traute er offenbar zu, was er einmal so beschrieben hat: "die Leere füllen, die ich fühlte."

Wirklich geholfen hat ihm das nicht. "The Last Movie" bekam 1971 in Venedig einen Kritikerpreis. Als der Film aber in den USA anlief, wurde er nach wenigen Tagen aus dem Programm genommen. Und für Hopper begann ein Lebensabschnitt, an den er sich im Jahr 2000 im "Zeit"-Magazin so erinnerte: "Schluss, aus und vorbei. Zwölf Jahre kam nichts mehr. Ich war einfach von der Bildfläche verschwunden, versunken in einem Meer von Drogen."


Dennis Hopper - The Lost Album. Vintage-Fotografie aus den 1960er Jahren. Berlin. Martin-Gropius-Bau, 20.9.-17.12.



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Seite 1
gracie 20.09.2012
1.
kann mir die austellung nicht anshen, aber ich habe den katalog bereits bestellt. ich hab vor sehr langer zeit davon gehört und war mir sicher die photos wären auf nimmer wiedersehen verschwunden. eine tolle überraschung !
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