Hamburger Elbphilharmonie: Plädoyer für eine Ruine

Ein Kommentar von Christoph Twickel

Wieder 200 Millionen Euro teurer, wieder ein Jahr Verzögerung - warum wollen die Hamburger ihre Elbphilharmonie eigentlich fertig bauen? Bei einem endgültigen Baustopp wäre die Stadt wieder flüssig und hätte zudem das weltweite erste Mahnmal gegen Image-Idiotie und politische Geltungssucht.

Elbphilharmonie in Hamburg: Baustopp jetzt! Fotos
dapd

Die Alternative zum Weiterbau kam von Hamburgs Bürgermeister selbst: "Wir lassen die Baustelle stehen, wir machen ein Schild, auf dem steht: 'Dies ist ein Mahnmal für...', und dann kommen ein paar Namen mit Bild", erklärte Olaf Scholz während der eilig anberaumten Pressekonferenz am Samstag, auf der Hamburgs Regierungschef gemeinsam mit der Kultursenatorin Barbara Kisseler die jüngste Kostensteigerung der Elbphilharmonie verkündete.

Der Vorschlag war allerdings nicht ernst gemeint. Leider. Dabei wäre er nicht nur das effektivste Mittel, die explodierenden Kosten für den Bau des Konzerthauses in den Griff zu bekommen. Er hätte sich auch auf historische Vorbilder berufen können. Über dreihundert Jahre lebte die Stadt Köln damit, dass in ihrem Zentrum der Torso eines unvollendeten Prunkbaus stand. Hat es ihr geschadet?

Schon klar, Sie werden das für eine Glosse halten. Lustige Idee, provokant-charmant vorgetragen. Nein! Ich meine es ganz ernst: Die Elbphilharmonie sollte eine Ruine bleiben. Als unvollendetes Symbol für gescheiterte urbane Großmannssucht könnte sie um so vieles nützlicher und lehrreicher sein. Zumal das Konzept des "Landmark Building" ohnehin von gestern ist. Jede mittlere Kleinstadt leistet sich mittlerweile ihr Stararchitekten-Ufo, weil das angeblich ihre Internationalität befördert.

Rücksichtslosigkeit als vertrauensbildende Maßnahme

Was für eine Chance: Hamburg könnte vorangehen und öffentlich verkünden, dass man einen Fehler gemacht hat. Dass man sich den Unsinn mit der "Leuchtturmarchitektur" von Imagestrategen hat aufschwatzen lassen. Dass der "Bilbao-Effekt" eine Fata Morgana der neunziger Jahre ist, die längst enttarnt ist. In seinem Buch "Triumph of the City" rechnet der US-Ökonom Edward Glaeser vor, dass der durch den Bau des Guggenheim Museums in Bilbao erhoffte ökonomische Boom weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist - und die geschaffenen 900 Arbeitsplätze die Investitionssumme von 250 Millionen Euro in keiner Weise rechtfertigen.

Scholz soll Glaesers Buch seinen Senatorinnen und Senatoren zur Lektüre nahegelegt haben. Dass die Elbphilharmonie, an der inzwischen ein Preisschild von 575 Millionen Euro klebt, die Investitionssumme wieder einspielt? Für diese Vorstellung hat Hamburgs Bürgermeister nur ein müdes Lächeln übrig. Man könne froh sein, ließ Scholz bei der Pressekonferenz durchblicken, wenn die Vermietung der Konzertsäle die Betriebskosten wieder einspiele. Die Hamburger sollen sich damit trösten, dass sie dafür "ein ganz großartiges Gebäude" erhalten, so Scholz, das "das Musikleben dieser Stadt befördern wird".

De facto ist es aber umgekehrt: Aus der Sorge darum, dieses Monster von Konzerthaus überhaupt mit Zuschauern und einem respektablen musikalischen Betrieb füllen zu können, versucht man in Hamburg seit einigen Jahren eine Klientel für die Elbphilharmonie heranzuzüchten - mit hochsubventionierten Konzerten und musikpädagogischen Programmen. Dafür reichen die bestehenden Veranstaltungshäuser bezeichnenderweise vollkommen aus. Man könnte den Bau an der Elbphilharmonie also getrost einstellen - Hamburgs Kulturinstitutionen würden sich über die freiwerdenden Mittel freuen, und das Musikleben der Stadt könnte um einiges effektiver befördert werden als mit dem Prunkbau.

Um eine Kulturstätte geht es ohnehin gar nicht. Das wusste Hamburger Ex-Bürgermeister Ole von Beust, unter dessen Ägide das Planungs- und Kostendesaster seinen Anfang nahm, auch sehr genau: "Die Elbphilharmonie sorgte als Bekenntnis der Stadt zur Entwicklung der HafenCity für das nötige Zutrauen der privaten Investoren", erklärte Beust ein paar Tage vor dem Richtfest im Mai 2010 der "Süddeutschen Zeitung". Soll heißen: Landmark Buildings wie die Elbphilharmonie sind Monumente der Stärke, die sich Metropolen leisten, um vor einem globalen Anlagekapital zu protzen und die Botschaft auszusenden: Schaut her, hier lohnt sich das Investieren! Die Rücksichtslosigkeit, mit der eine Stadt ihr Gemeinwesen für solche Protzbauten in Haftung nehmen kann, wird zur vertrauensbildenden Maßnahme für den Standort.

Längst ist die HafenCity, in deren Mitte sich die Elbphilharmonie erhebt, für Hamburg ein massives Zuschussgeschäft geworden - wie sich Ende November einmal mehr gezeigt hat, als der Entwickler des südlichen Überseequartiers in der HafenCity in eine Finanzierungsklemme kam und absprang. Will heißen: Das Konzept "Hauptsache es wird teuer, sieht auch so aus und wir bauen es zu Ende" ist mit der anhaltenden Finanzkrise - die ja auch eine Krise der Baufinanzierung ist - noch ein bisschen abstruser geworden.

Audio-Uterus in neoliberaler Trutzburg

Ein Grund mehr, die Frage zu stellen: Muss eigentlich heute immer alles zu Ende gebaut werden? Selbst wenn es aus Geltungssucht völlig übereilt und fehlgeplant wurde? Die Elbphilharmonie ist ein Lehrstück für eine Kostenermittlung, die einzig von politischen Interessen geleitet ist. Hamburgs Politiker - der CDU-Senat übrigens gemeinsam mit der seinerzeit oppositionellen SPD und den Grünen - haben 2006 ein offensichtlich nicht mal halbfertig geplantes Gebäude in Auftrag gegeben. Diese Täuschungsoperation hat bis heute Erfolg - und wird ihn weiterhin haben, wenn die Elbphilharmonie so zu Ende gebaut wird, wie es die Vereinbarung zwischen dem Scholz-Senat und Hochtief derzeit vorsieht.

Er mache sich "größte Sorgen um die Akzeptanz dessen, was die demokratisch verantwortete Politik in Deutschland tut, wenn überall bei Bauvorhaben die gleiche Geschichte erzählt wird", erklärte Scholz am Samstag mit Blick auf Elbphilharmonie, den Berliner Flughafen und S21.

Dabei wäre die einfachste Lösung: Baustopp! Man stelle sich mal den Glaubwürdigkeitsgewinn vor, den die Hamburger SPD einfahren würde, wenn sie sagte: Schluss mit dem Quatsch, für die 200 Millionen bauen wir Sozialwohnungen! Zumal diese 200 Millionen keinesfalls das Ende der Fahnenstange sein müssen. Auch im Beschluss des sogenannten "Nachtrags 4", der Ende 2008 die Baukosten um 137 Millionen Euro hochschnellen ließ, beteuerten die Verantwortlichen unentwegt, jetzt habe man einen finalen "Festpreis" mit "Kostenstopp" erreicht.

Der letzte gute Grund, warum Hamburg die Elbphilharmonie nicht weiterbauen sollte, ist ganz einfach: Es ist ein scheußliches Projekt. Seine Beeindruckungsästhetik nervt, und sein Konzept passt nicht in die Zeit. Ein Konzertsaal als exklusiver Audio-Uterus - gebaut in eine neoliberale Trutzburg aus Luxushotel, sündhaft teuren Eigentumsapartments und zugiger Aussichtsplattform für den Plebs? Was für eine unangenehme, undemokratische Idee. Vielleicht fällt den Hamburgern ja irgendwann etwas Besseres ein. In hundert, zweihundert oder dreihundert Jahren. Bis dahin könnten die Touristenscharen vor der Ruine stehen und staunen: Sieh an! So vermessen war man in den Nullerjahren!

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insgesamt 368 Beiträge
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1. Lösung
rainer_daeschler 16.12.2012
Man sollte dort einfach eine Ausbildungsstätte für Sprengmeister ansiedeln. Mit dem Ausbildungsfortschritt würde sich das Problem wie von selber lösen und 200 Mio. € mehr in der Stadtkasse tun der Hansestadt sicher gut.
2. Nee, dass passiert nicht.
nadennmallos 16.12.2012
Zitat von sysopWieder 200 Millionen Euro teurer, wieder ein Jahr Verzögerung - warum wollen die Hamburger ihre Elbphilharmonie eigentlich fertig bauen? Dabei wäre die Stadt bei einem endgültigen Baustopp wieder flüssig und hätte zudem das weltweite erste Mahnmal gegen Image-Idiotie und politische Geltungssucht. Der Bau der Hamburger Elbphilharmonie sollte endgültig gestoppt werden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-bau-der-hamburger-elbphilharmonie-sollte-endgueltig-gestoppt-werden-a-873232.html)
Dafür is' so'n Hanseate zu stolz. Und es ist ja nicht das eigene Geld :)
3. Huch
verdammteaxt 16.12.2012
Zitat von sysopWieder 200 Millionen Euro teurer, wieder ein Jahr Verzögerung - warum wollen die Hamburger ihre Elbphilharmonie eigentlich fertig bauen? Dabei wäre die Stadt bei einem endgültigen Baustopp wieder flüssig und hätte zudem das weltweite erste Mahnmal gegen Image-Idiotie und politische Geltungssucht. Der Bau der Hamburger Elbphilharmonie sollte endgültig gestoppt werden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-bau-der-hamburger-elbphilharmonie-sollte-endgueltig-gestoppt-werden-a-873232.html)
Ein Hamburg-kritischer Artikel, hier? Interessant! :-)
4. Jetzt fehlt nur noch Klaus Wowereit..
skalare 16.12.2012
.. und das Drama könnte noch einmal deutlich verschlimmert werden, oder? Nein, Diletanten wie der Rheinlandpfälzer Beck reichen in solchen Fällen nicht aus!
5.
d2e4 16.12.2012
Hoffentlich wurde auch schon an den MSA (Meeresspiegelanstieg) gedacht....
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