Ausstellung "Der Duft der Bilder" Es riecht ein wenig nach Kompost

Erdig, faulig, bonbonsüß - lassen sich Kunstwerke als Geruch beschreiben? Ein spanischer Kunstsammler und Parfümeur erschafft Düfte zu Gemälden. Eine Ausstellung zeigt den Schnüffelparcours.

Carlos Pazos/ ADN Galerie

Der Anfang ist noch einfach zu erraten. Wie mag "Lavanda" riechen, eine zart lila-weiße Malerei auf türkisfarbenem Untergrund? Nach Lavendel, logisch. Links daneben hängt ein leuchtend orangefarbener Fleck. Aus dem zugehörigen Döschen strömt das Aroma reifer Zitrusfrüchte.

So weit, so wenig überraschend. Doch schon der dritte Versuch wird abstrakt: Mit welchem Geruch ist wohl das weiße Gipsrelief der Künstlergruppe Equipo 57 verbunden?

Keine Ahnung.

Fotostrecke

10  Bilder
Fotostrecke: Bilder, die duften

So wie die Quintessenz nicht-gegenständlicher Kunst manchmal schwer greifbar scheint, ist auch ihre Übertragung in eine andere Sinneswahrnehmung unergründlich. Beim Einatmen des Dufts scheint das Gehirn kurz auszusetzen (vielleicht arbeitet es aber auch umso intensiver, während das aktive Sprachzentrum überwältigt kapituliert). Auch der Wandtext verrät nicht, um welche Noten es sich handelt - die Aufschlüsselung gibt es nur auf Nachfrage. Und auch dann keine Garantie auf Erkenntnis, riecht doch jede Essenz nicht einmal für den einzelnen Menschen zu jeder Zeit gleich.

Kunstwerke und zugehörige Duftkreationen werden aktuell in den Rüsselsheimer Opelvillen gezeigt werden. Sie stammen von Ernesto Ventós, spanischer Parfümeur, Synästhet und Kunstsammler. Bilder, Skulpturen und Filme wählt er danach aus, ob sie einen Geruch verströmen. Jetzt ist ein Teil seiner colección olorVISUAL in Deutschland zu sehen.

Duft-Assoziationen des Sammlers

Die Idee mit den Düften war für die Kunststiftung Opelvillen zunächst eine Belastungsprobe. In den Büroräumen sei es zeitweilig gar nicht auszuhalten gewesen, sagt Direktorin Beate Kemfert. Zwar seien die Parfum-Essenzen luftdicht verpackt, aber "das bedeutet eben nicht: absolut molekül-dicht." Und dann musste viel experimentiert werden, um die richtige Intensität in den kleinen Riechstationen, mit Plastik ausgekleidete Holzzylinder, zu erreichen. Jetzt noch überlagert manchmal ein alkoholischer Geruch den eigentlichen Duft.

Kein Sinn ist dem Intellekt so wenig zugänglich wie der Geruchssinn. Selbst wer die Idee eines Riechparcours passend zur Kunst albern finden sollte, kann nicht umhin, sich ihr vorerst einmal hinzugeben. Nach klassischeren Noten folgen erdige, manchmal faulige oder synthetische Düfte, die sich jeglicher Laien-Kategorisierung entziehen. Nicht immer sind die Assoziationen des Sammlers so naheliegend wie etwa bei der verfallenden Gips-Skulptur von Alex Jasch, die den Geruch von Schmutz einfangen soll.

Schon Ventós' Kunstsammlung allein ist abwechslungsreich. Verhüllungskünstler Christo, Fotograf Wolfgang Tillmans oder die spanische Performance-Ikone Esther Perres stehen hier neben unbekannteren Werken, manch eines direkt vom Rundgang der Kunsthochschule erworben. Das sieht dann so aus: An der Zimmerdecke sprießt scheinbar schwerelos ein Spitzwegerich aus Bronze, auf der gegenüberliegenden Wand lässt Wolfgang Tillmans Steine auf einem Gesicht schweben, Ventós hat dazu einen süßlichen Pfeifengeruch kreiert.

"Mexikanische Agave am Straßenrand"

Der katalanische Sammler hat auch ein Faible für Merkwürdiges: Krächzende Metallapparaturen, deren Drahtbeinchen beim Vorbeigehen angeworfen scheinbar Striche auf die Leinwand zeichnen oder Zusammenstellungen wie jene von Carlos Pazos mit totem Hahn, Plattenspieler und Tannennadelraumspraydose.

Doch ausgerechnet diese Arbeit wird ohne zugehörige Duftnote präsentiert, was den Betrachter enttäuscht. Die Düfte wecken Erwartungshaltungen, schon nach wenigen möchte man nicht mehr ohne. Insgesamt 19 Kreationen kommen auf 55 Werke, viel mehr wäre für den Durchschnittsriecher schwer zu verarbeiten. Einige Künstler empfinden ebenfalls synästhetisch: Der Maler James Brown etwa gab zu Protokoll, sein Bild dufte nach süßer mexikanischer Agave am Straßenrand.

"Der Duft der Bilder" bietet eine Ausstellungserfahrung, die kein digitaler Rundgang der Welt je nachvollziehbar machen kann. Nur körperlich lassen sich die Skulpturen, Malereien und Fotografien mit ihren holzigen, blumigen, bonbonsüßen, modrigen oder knalligen Düften erleben.

Das letzte Werk, eine Videoarbeit von Ángel Vergara, wird dank Separee und schwerem Vorhang ganz von Duft umhüllt erfahrbar: Bemalte Glasscheiben, die den dahinter laufenden Filmstreifen mit braunen, gelben, grünlichen Flecken versehen. Oberhalb des Publikums, direkt neben dem Projektor, befindet sich unsichtbar das Reservoir, welches den Projektionsraum fortwährend mit Geruchsmolekülen schwängert. Es riecht ein wenig nach Kompost.


Ausstellung: "Der Duft der Bilder", Opelvillen Rüsselsheim, bis 6.1.2019

Mehr zum Thema


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.