Auseinandersetzung mit Helmut Kohl Attacke auf den Einheitskanzler

"Die Entnazifizierung der Deutschen hat nicht stattgefunden": Das Nationaltheater Mannheim präsentiert das neue Stück des Dramatikers Lukas Bärfuss. "Der Elefantengeist" ist eine zornige Abrechnung mit Helmut Kohl.

Christian Kleiner

Wie werden die Menschen der Zukunft über unsere Mächtigen urteilen? Die Bühnenheldinnen und -helden im neuen Stück des Schweizer Theaterautors Lukas Bärfuss sind Archäologen und leben in einem fernen Jahrhundert, am Rhein stoßen sie auf ein lohnendes Ausgrabungsziel. Es ist ein Haus in der offenbar verschütteten Stadt Bonn, das die Menschen einst "Kanzlerbungalow" nannten.

In den Überresten finden die Forscher Tonbänder, Filmkonserven, Bücher - Hinterlassenschaften des deutschen Staatslenkers Helmut Kohl. Für die Wissenschaftler zeugt der Fund, so heißt es, vom "falschen Denken einer primitiven Kultur".

"Der Elefantengeist" soll am Samstag in Mannheim uraufgeführt werden, wenige Kilometer von Helmut Kohls Heimatstadt Ludwigshafen. Die Regisseurin Sandra Strunz inszeniert, angekündigt ist das Porträt eines Mannes, der auf der Nationaltheater-Website als "schwarzer Riese der alten BRD" bezeichnet wird. Im Auftrag des neuen Schauspielintendanten Christian Holtzhauer hat sich Bärfuss Monate mit Kohl beschäftigt - Kohl sei für ihn, so der 1971 geborene Schweizer Bärfuss, eine prägende Figur gewesen, "obwohl oder gerade weil ich kein deutscher Staatsbürger bin. Das Deutsche ist meine Sprache, meine Kultur. Und deshalb war Kohl auch mein Kanzler."

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Helmut Kohl im Theater: Eine zornige Abrechnung

Das Drama, das Bärfuss geschrieben hat, ist eine bittere Abrechnung: Die Regierungszeit Kohls sei, heißt es im Stück, in die "gewalttätigste und wahnhafteste Ära" der Menschheitsgeschichte gefallen, in "eine ungeheuer freudlose Zeit". Die Karriere des späteren Kanzlers sei erkauft worden mit dem Geld ehemaliger Profiteure des nationalsozialistischen Regimes in Hitlerdeutschland, unter anderem des Flick-Konzerns. Auf der Bühne doziert ein Wissenschaftler: "Der Kanzler nahm das Geld von seinem Freund, der das Geld den ermordeten Juden gestohlen hatte. Dieses Geld gab ihm die Macht." Und: "Kanzler wurde er nur, weil es dieses blutige Geld gab."

Es ist ein erstaunlicher Furor, mit dem sich Bärfuss in "Der Elefantengeist" über die Karriere eines Mannes hermacht, der in seiner Regierungszeit mit dem mild-hämischen Spottnamen "Birne" bedacht wurde. Kohl hat es mit Glück zum Kanzler der Einheit gebracht und in späten Jahren durch seine Rolle in der CDU-Spendenaffäre und ein windiges Ehrenwort den eigenen Ruf schwer beschädigt - aber ist die Demontage, die ihm nun im Theater widerfährt, angemessen? Für ihn, sagt der Dramatiker Bärfuss, sei Kohl eine Symbolfigur für das Fortleben finsterer Traditionen. "Die Entnazifizierung der Deutschen hat nicht stattgefunden." Das sei ihm während der Studier- und Schreibarbeit klar geworden.

Bärfuss weiß, dass er mit dieser Art der Zuspitzung Widerspruch provoziert. "Ich begreife das Theater auch als politische Institution, die dazu da ist, versteinerte Geschichtsbilder aufzubrechen und gesellschaftliche Selbstbilder infrage zu stellen", sagt er. "Ich hoffe, dass das Erschrecken und das Entsetzen, die ich bei meinen Recherchen gespürt habe, auch vom Publikum empfunden werden."

Der Autor beteuert, dass sein Drama nur Fakten wiedergebe. Die meisten dieser Fakten sind bekannt. Etwa Unterstützungszahlungen des einstigen Nazi-Unternehmers Fritz Ries, der sogar in Auschwitz eine Fabrik betrieben haben soll, an den Jungpolitiker aus Ludwigshafen. Oder die Tatsache, dass der junge Kohl, wie SPIEGEL-Recherchen nach seinem Tod ergaben, regelmäßig Geld für das Hilfswerk "Hiag" spendete, das nationalsozialistischen Tätern bei der Flucht vor der Justiz half; den "Hiag"-Leiter Paul Hausser nannte Kohl einen "anständigen Mann".

"Die Kohls interessieren mich als Symbolfiguren für die politische Struktur"

Bärfuss wertet solche Befunde in radikaler Manier: Die "Elefantengeist"-Archäologen veranstalten ein Seminar am offenen Bungalowgrab. Weder der Name Helmut Kohls noch der seiner ersten Frau Hannelore werden genannt, die Identität der Personen ist trotzdem offensichtlich. Von der Frau wird behauptet: "Als kleines Kind war sie verwöhnt und lebte in einem Puppenhaus. Der Vater ein Nazi, der Bomben baute, mit denen Millionen getötet wurden. Und Menschen versklavte, zur Arbeit zwang bis zum Untergang."

Weder Helmut noch Hannelore Kohl, deren Vater im "Dritten Reich" als "Wehrwirtschaftsführer" Waffen produzierte, wolle er, sagt Bärfuss, willkürlich attackieren. "Die Kohls interessieren mich als Symbolfiguren für die politische Struktur der Bundesrepublik." Er wolle sich nicht über die Erkenntnisse der Historiker erheben, "so arrogant bin ich nicht". Und doch sei er verblüfft über die Scheu vieler Fachleute, die Verstrickungen des Politikers Kohl klar zu benennen. "Warum hat ein Mann mit einer solchen Reputation eine solche Zerstörung erlebt in seinem privaten Leben? Im Zentrum der geistig-moralischen Wende stand die Familie. Ausgerechnet die hat er am gründlichsten zerstört. Das ist eine perfide Pointe."

Das Stück legt nahe, dass die Familienkatastrophe der Kohls nicht nur durch die jahrelange Angst vor Terrorattentaten der Roten Armee Fraktion (RAF), als deren Anschlagsziel Kohl galt, verursacht wurde, sondern auch dadurch, dass er sich mit Demokratiefeinden eingelassen habe: "Das ist die Schande, die er nicht aussprechen kann, die Schande hinter seinem Ehrenwort."

Der Rundfunksender SWR verknüpft die Ankündigung der Mannheimer Uraufführung mit der Warnung, "dass es zu juristischen Interventionen kommen könnte". Im Theater heißt es, bislang hätten sich weder Fans noch Familienmitglieder Kohls zur "Elefantengeist"-Premiere geäußert.


Samstag, 29.09.2018, 20 Uhr, Nationaltheater Mannheim, "Der Elefantengeist"

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
emd 28.09.2018
1. Feige
Ich habe das Stück nicht gesehen und werde es auch nicht tun. Aber ohne das politische Wirken Kohls zu beurteilen: Es ist ja immer leicht, auf jemanden herumzutrampeln und zu diffamieren, der sich nicht mehr wehren kann, da er nicht mehr unter den Lebenden weilt. Das ist schlicht und ergreifen feige. Außerdem: Nur weil deutch seine Sprache ist, war Kohl der Kanzler des Autors? Hat die Schweiz keine eigene Regierung? Ach ja, und die Schweiz hat noch drei weitere Amtssprachen, denen sich der schweizer Bürger Bärfuss bedienen könnte....
klichti 29.09.2018
2.
@ #1: Es ist feige, sich eine Meinung über jemanden zu bilden, der tot ist? Was für ein Quatsch! Feige ist es, jemanden für sakrosankt zu erklären, um die Auseinandersetzung mit seinem Verhalten und seinem Werdegang zu unterdrücken. Es ist eine beliebte Methode Rechter, irgendwas für schandbar zu erklären, sobald es der eigenen Meinung widerspricht, und demjenigen, der was sagt, mit fadenscheinigen Pseudoargumenten den Mund zu verbieten. Man kann nur hoffen, daß das vielköpfige rechte Monster, das zur Zeit Morgenluft wittert, sich über kurz oder lang in seine Höhle zurückzieht und mit seinem Radau und seiner Krawalltätigkeit wieder aufhört. Gott sei Dank sind die Rechtsradikalen ja feige und suchen immer Stärke in gegenseitiger Bestätigung. Aussterben wird diese Gesinnung ja leider nie, aber so viele angeblich deutsche Giftereien wie in den letzten zwei, drei Jahren haben in meinem 56-jährigen Leben noch nie das Zusammenleben in diesem Land vergiftet, und das ist eine schreckliche Erfahrung.
kraus.roland 01.10.2018
3. Kohls Geschwafel vom "Schlussstrich",..
..die schweren Fehler nach der Wende, seine fortgesetzten, politischen Ungenauigkeiten und sein Verrat an Gorbatschow, als die CIA & Nato nach Osten ausuferten, das und seine Gesetzlosigkeit im Spendenskandal machen eine dramatisch, künstlerische Nacharbeit überfällig. Zumal das politische Reinemachen halbwegs stecken geblieben ist. Heuchelei und Selbstgefälligkeit "in diesem unsern Lande" nahmen durch Kohl erst richtig Fahrt auf.
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