Der Fall Relotius Kommission aus erfahrenen Journalisten soll Routinen beim SPIEGEL hinterfragen

Als Reaktion auf den Fall Relotius berufen Chefredaktion und Geschäftsführung des SPIEGEL eine Kommission aus drei erfahrenen Journalisten, die die Routinen im Haus und das Versagen der Sicherungssysteme untersuchen sollen. Brigitte Fehrle, Stefan Weigel und Clemens Hoeges werden mindestens ein halbes Jahr lang wie eine interne Revision die Vorgänge untersuchen und öffentlich dokumentieren.


Ein SPIEGEL-Redakteur hat in großem Umfang seine eigenen Geschichten gefälscht und Protagonisten erfunden: Claas Relotius hat die Leser und seine Kollegen getäuscht. Entdeckt wurden die Fälschungen nach internen Hinweisen, eigenen Recherchen und schließlich einem umfassenden Geständnis (hier die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Fall). Der Fall erschüttert das Selbstverständnis des SPIEGEL. Chefredaktion und Geschäftsführung werden deshalb eine unabhängige Kommission einsetzen, die die Vorgänge untersuchen und das Ausmaß eines systematischen Versagens analysieren wird.

Der SPIEGEL ist den Worten Rudolf Augsteins verpflichtet: Sagen, was ist. Das muss auch unser Anspruch bei der Aufklärung im Fall Relotius sein. Bei allem, was wir veröffentlichen, streben wir Verlässlichkeit und Genauigkeit an, in der Analyse wie in der Reportage, in der Nachricht wie im Kommentar. Glaubwürdigkeit ist unser höchstes Gut. Der Fall Relotius legt offen, dass wir unseren Ansprüchen nicht gerecht geworden sind. Der Fall konfrontiert uns mit unseren eigenen Schwächen. Er ist für das gesamte Haus eine Zäsur.

Viele Verdachtsmomente gegen Claas Relotius werden nur schwer überprüfbar sein, das steht nach den ersten Recherchen der vergangenen Tage fest. Fest steht aber auch: Die Aufarbeitung beginnt erst. Es gibt viele konkrete Fragen für die künftige Arbeit und die Verantwortlichkeiten beim SPIEGEL.

Ausgehend vom Fall Claas Relotius werden wir überprüfen, welche Arbeitsabläufe, welche Dokumentationspflichten, welche organisatorischen Rahmenbedingungen wir verändern müssen, um unter anderem die Verlässlichkeit von Recherche und Verifikation zu erneuern und das Vertrauen in die journalistische Schlagkraft des Hauses wiederherzustellen.

Die unabhängige Kommission wird aus drei erfahrenen internen und externen Personen bestehen, die aus den redaktionellen Strukturen weitgehend herausgelöst allen Hinweisen auf Manipulation nachgehen soll. Sie wird Prozesse und Routinen an den entsprechenden Stellen prüfen und Vorschläge zur Verbesserung erarbeiten. Wir gehen davon aus, dass die Kommission mindestens ein halbes Jahr lang tätig sein wird. Die Erkenntnisse und Empfehlungen der Kommission sollen öffentlich dokumentiert werden.

Verlag und Chefredaktion werden den Prozess nach allen Kräften unterstützen und mit der Kommission entscheiden, wie mit den Erkenntnissen und Empfehlungen umzugehen ist. Dafür bekommt die Kommission Zugang zu allen relevanten Materialien und Informationen, die nach journalistischen und rechtlichen Maßstäben zur Verfügung zu stellen sind.

Der Kommission werden angehören:

  • Clemens Hoeges, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des SPIEGEL, langjähriger Ressortleiter, Reporter und Autor.
  • Stefan Weigel, ab 1.1.2019 Nachrichtenchef der integrierten SPIEGEL-Redaktion, zuvor stellvertretender Chefredakteur der "Rheinischen Post" und der "Financial Times Deutschland".
  • Brigitte Fehrle, 2012 bis 2016 Chefredakteurin der Berliner Zeitung, zuvor in leitenden Positionen bei verschiedenen deutschen Zeitungen ("taz", "Berliner Zeitung", "Frankfurter Rundschau", "Die Zeit") und unter anderem in der Jury des Nannen-Preises.

Aufklärung und Transparenz stehen für uns jetzt im Vordergrund. Die von Relotius verfassten Artikel bleiben deshalb auch bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwurfe unverändert, aber mit einem Hinweis versehen im Archiv, das online zugänglich ist, auch um Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an hinweise@spiegel.de.

red



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