Der Fall Relotius in den Medien "Weitgehende Folgen für den Journalismus generell"

Der Skandal um gefälschte Reportagen im SPIEGEL erschüttert die Medienwelt. Manche Kommentatoren fürchten um die Glaubwürdigkeit der Branche. Andere loben den transparenten Umgang mit dem Fall - die Presseschau.

ALEXANDER BECHER/EPA-EFE/REX


"Die branchenübliche Häme ist dem Nachrichtenmagazin sicher, doch wäre es wohl klüger, wenn sich zumindest Journalisten ihre Schadenfreude verkneifen würden: Ein dreister, ja krimineller Lügner beim SPIEGEL, das ist, worauf zahllose Verschwörungstheoretiker in Zeiten der Debatten um Fake-News nur gewartet haben. So gesehen, trifft der Fall die gesamte Branche."
"Neue Zürcher Zeitung"

"Das Ausmaß des Falles ist beachtlich. (...) Wie schmerzlich der Fall für den SPIEGEL und wie bedeutend er für das Selbstverständnis der Redaktion ist, merkt man der umfangreichen und detaillierten Darstellung in eigener Sache an. Der SPIEGEL bittet sogar um Hinweise auf mögliche Fälschungen in den Texten von Relotius."
"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

"Der Fall weckt Erinnerungen an den Skandal um den Schweizer Journalisten Tom Kummer, der jahrelang neu zusammengesetzte oder gleich komplett erfundene Interviews mit Hollywoodstars in deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichte, auch im 'SZ-Magazin', dessen damaliges Chefredakteurs-Duo nach der Enthüllung durch den 'Focus' im Jahr 2000 entlassen wurde. (...…) Der Journalismus steht unter immensem Druck, seine Glaubwürdigkeit zu beweisen und zu verteidigen, was die schnelle, entschiedene und schonungslose Aufarbeitung der SPIEGEL-Redaktion erklärt."
"Süddeutsche Zeitung"

"Das Nachrichtenmagazin begreift sich als Avantgarde des Journalismus. Entsprechend groß soll das Entsetzen gewesen sein, als der künftige Chefredakteur Steffen Klusmann am Mittwochmittag in ebendieser Eingangshalle den versammelten Journalisten eine Story enthüllte, die ein schwerer Schlag ist - für das Nachrichtenmagazin sowieso, aber auch für den Rest der deutschen Medienbranche."
"Handelsblatt"

"Die Geschichte von Relotius, dem Betrüger, ist nur die halbe Geschichte. Zur Wahrheit gehört auch, dass die Jurys und Redaktionen von Relotius nicht einfach betrogen wurden, sondern seine Storys hören wollten. Ein bisschen betrogen werden wollten, wie im Hollywood-Kino.

Natürlich, Relotius hat die Grenze in die Fiktion überschritten, aber die Illusion fängt in Reportagen schon weit vor der Lüge an. Nämlich in der Story. Und die kann Relotius gut. Er sprach zu uns, er sang zu uns, da war's um uns geschehen: Halb zog er uns, halb sanken wir hin."
"Der Freitag"

"Bei allen großen Enthüllungsgeschichten der vergangenen Jahrzehnte hat sich der SPIEGEL nie damit zufriedengegeben, den Einzeltäter zu entlarven. Immer wurde nach dem System gefragt. Nach den Paten im Hintergrund. Nach den löchrigen Kontrollinstanzen. Nach einer Kultur des Betrügens."
Der ehemalige "Handelsblatt"-Chef Gabor Steingart in seinem "Morning Briefing"

"Der Fall Relotius beim Spiegel sollte Anlass für die Branche sein, etwas über sich selbst nachzudenken. Seit vielen Jahren beobachte ich in vielen Medien eine Verschiebung weg von der harten Recherche und hin zur Inszenierung. (...…) Viele deutsche Reportagen, die gleich sackweise Journalistenpreise kassieren, lesen sich irgendwie wie eine Novelle: Viel zu schön, um wahr zu sein."
Wirtschaftsjournalist Bernd Ziesemer im Branchendienst "Meedia"

"Fichtner (der designierte Co-Chefredakteur Ullrich Fichtner - Anmerkung der Redaktion) schreibt, das stelle 'Fragen an die interne Organisation, die unverzüglich anzugehen sind', und das stimmt. Aber es stellt auch Fragen an die interne Kultur und an die Kultur einer ganzen Branche. 'Claas Relotius hat alle geblendet', schreibt Ullrich Fichtner. Das stimmt. Aber wie gern sich alle von ihm blenden ließen!"
Medienjournalist Stefan Niggemeier im Branchenportal "Übermedien"

"Wo es (…...) um persönlich Erlebtes von Reportern geht, und darauf beruhten die Werke von Relotius in großen Teilen, kommt das Vertrauen ins Spiel. Denn Beobachtungen und Eindrücke sind nicht nachprüfbar. Hier kommt es auf das Ethos des Journalisten an. Relotius hatte kein Ethos, er war zerfressen von dem Ehrgeiz, die bestmögliche Reportage zu liefern. An solchen Kollegen versagt das System."
"Der Tagesspiegel"

"Dem SPIEGEL ist das Schlimmste widerfahren, was einem journalistischen Grundsätzen verpflichteten Medium widerfahren kann. (...…) Auch für 'Welt' und 'Welt am Sonntag' hatte der junge Mann (Relotius - Anmerkung der Redaktion) 2010, 2011, 2012 und 2014 einzelne Artikel geschrieben. Wir nehmen sie vorsorglich vom Netz und werden sie einer Prüfung unterziehen.

Für den SPIEGEL ist die Enthüllung ein Schock. (...…) Beim SPIEGEL gibt es eine Abteilung, die sich Dokumentation nennt und jeden Artikel überprüft. Sie ist so etwas wie das Rückgrat des Nachrichtenmagazins. Doch wird hier auch deutlich, wo die Überprüfung von Fakten aufhört und ab wann sich ein Medium auf seine Reporter verlassen, ihnen vertrauen muss."
"Die Welt"

"Niemandem fielen die Lügen auf. Auch nicht der sogenannten 'Dokumentation'. Der SPIEGEL rühmt sich für diese Abteilung, deren Aufgabe es ist, jeden Fakt, der in den Texten der Reporter geschildert wird, auf Korrektheit zu überprüfen. Doch im Fall Relotius ist diese journalistische Sicherheitsvorkehrung des SPIEGEL implodiert."
"Bild"

"Seine (Relotius' - Anmerkung der Redaktion) Methode, mit dem System zu spielen, war eine Nase für das Unkonventionelle und ein Auge für die genauen - oft banalen - Details, für die sich der SPIEGEL rühmt. Als Beweis dafür, dass seine Journalisten näher an der Geschichte sind."
"Irish Times"

Im Video: In eigener Sache - Reporter Juan Moreno über den Fall Relotius

DER SPIEGEL

"Da enden die Möglichkeiten einer Dokumentation. Wenn eine Reportage von der mexikanisch-amerikanischen Grenze aus irgendeinem Nest geschrieben wird und da Menschen auftauchen, die noch nie an anderer Stelle erwähnt worden sind, kann eine Dokumentation nicht aufgrund von anderen Veröffentlichungen oder anderen Hinweisen nachprüfen, ob das alles stimmt.

Die Menschen könnten frei erfunden sein und sie waren es auch. Oder Kinder in Syrien, völlig unmöglich das nachzuprüfen. Das ist ein sehr ernster Fall, der wird weitgehende Folgen für den Journalismus generell haben."
"Stern"-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges im ZDF-"Morgenmagazin"

"Man kennt sich, man schätzt sich, es ist in der Zusammenarbeit ein Vertrauensverhältnis aufgebaut worden, und da ist natürlich die Versuchung groß, an vielleicht notwendigen Stellen mal nicht so ganz genau nachzufragen.

Für den SPIEGEL ist das der größte anzunehmende Unfall. Aber es geht ja weiter, es sind andere Medien betroffen, die 'Neue Zürcher Zeitung' hat jetzt angefangen, Artikel zu überprüfen, die Relotius als freier Autor früher dort zugeliefert hat. Und es ist ein Flurschaden für die Glaubwürdigkeit der Medien insgesamt."
Journalistikprofessor Volker Lilienthal im NDR

Der SPIEGEL hat eine Kommission eingesetzt, die den ganzen Fall Relotius untersuchen soll. (Mehr dazu lesen Sie hier)

Die von Relotius verfassten Artikel bleiben bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwürfe unverändert, aber mit einem Hinweis versehen im Archiv, das online zugänglich ist, auch um Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an hinweise@spiegel.de.

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