Fotograf Lafforgue: "Die Menschen fürchten, ich sauge ihnen das Blut aus"

Afrika, deine Stämme: Der Traurigen Schönheit Fotos
Eric Lafforgue

In armen und entlegenen Regionen Afrikas und Asiens sucht Profi-Fotograf Eric Lafforgue nach Schönheit im Schrecken des Alltags. Manche Menschen sehen sich auf den Fotos zum ersten Mal selbst. Die Vorbehalte überwindet Lafforgue auf einfache Art: mit Witzen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lafforgue, Sie fotografieren im Herzen von Äthiopien und Eritrea Menschen, die sich noch nie weiter als 40 Kilometer von ihren Stämmen wegbewegt haben. Was sagen die zu Ihren fertigen Bildern?

Lafforgue: Viele von ihnen freuen sich darüber, andere reagieren sehr merkwürdig darauf. In Omo Valley in Äthiopien habe ich Stämme getroffen, die geglaubt haben, dass sie zu klein auf den Fotos aussehen. Sie wollten Fotos in Lebensgröße. Aber sie verstehen nicht, dass das nicht geht. Eine Frau des Bodi-Stammes hat mal ein Bild von sich weggeworfen. Ich hatte es mit einem Blitz gemacht und sie sagte: "Meine Haut ist so weiß. Es ist eine Schande." Manche Menschen fürchten, ich sauge ihnen das Blut aus, wenn ich ein Foto von ihnen mache. Auch begreifen sie nicht, wie es sich jemand leisten kann, aus der Ferne nach Afrika zu reisen. Aber ihre Welt verändert sich.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Lafforgue: Die Kinder gehen außerhalb der Stämme in die Schule und erzählen ihren Eltern von den Dingen, die sie kennenlernen, vom technischen Fortschritt, von anderen Ländern. Dann trifft die Tradition auf die Gegenwart.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sieht das dann aus?

Lafforgue: Im Süden von Angola müssen sie in einem bestimmten Gebiet auf einen Hügel gehen, erst von dort können sie telefonieren, erst dort haben sie Handy-Empfang. Die Frauen da tragen riesige runde Lippenplatten, die von ihrer Unterlippe gehalten werden. Das sieht schon sehr merkwürdig aus: Diese Frauen mit den Lippenplatten und dem Handy in der Hand.

SPIEGEL ONLINE: Wie bauen Sie Vertrauen zu den Menschen auf?

Lafforgue: Humor funktioniert immer. Sogar in Nordkorea.

SPIEGEL ONLINE: In dem Land haben Sie Soldaten und Familien fotografiert. Wie sind Sie hineingekommen?

Lafforgue: Ich war sechs Mal mit einem Touristenvisum dort. Natürlich habe ich Aufnahmen gemacht, die nicht unbedingt die positive Seite des Landes zeigen. Aber darauf kam es mir gar nicht an, ich war an den Einwohnern, an ihrem Alltag interessiert. Jetzt darf ich nicht mehr ins Land reisen. Die Behörden sagen, ich zeige Nordkorea in einem schlechten Licht.

SPIEGEL ONLINE: Was genau wollen Sie überhaupt mit Ihren Arbeiten zeigen?

Lafforgue: Wie Menschen leben, was sie ausmacht. Ich will aber keine Kriegsgräuel oder Armut darstellen, sondern die Schönheit und Freude der Menschen in Ländern wie Äthiopien, Eritrea oder Nordkorea.

SPIEGEL ONLINE: Und wie gehen Sie konkret dabei vor?

Lafforgue: Wenn ich in einem Dorf ankomme, um etwa Fotos von einem dort ansässigen Stamm zu machen, versuche ich zuerst einmal jemanden zu finden, der Englisch spricht. Den frage ich, ob er mir hilft und als Stringer für mich arbeiten möchte. Auf meinem iPad zeige ich den Menschen, welche Art von Fotos ich mache. Manchmal nehme ich die Einwohner auch mit meiner Polaroidkamera auf. Die Bilder schenke ich ihnen. Für manche ist die Kamera ein Spiegel. Einige haben sich noch niemals in ihrem Leben selbst gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 15 Jahre lang in einem Unternehmen gearbeitet, das Klingeltöne, Spiele und Logos für Handys verkauft. Wie wechselt man von dort zur Fotografie?

Lafforgue: Eine große japanische Firma hatte das Unternehmen aufgekauft und mir wurde gekündigt. Und da stand ich nun ohne etwas da und musste einen neuen Job finden. Also habe ich versucht, Fotograf zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Heute werden Ihre Bilder von renommierten Blättern wie "Geo", "National Geographic" und "The Times" veröffentlicht. Wie haben Sie das geschafft?

Lafforgue: 2006 habe ich meine Bilder auf dem Fotoportal flickr hochgeladen. Das deutsche Magazin "Geo" hat dort Fotos von mir aus Papua-Neuguinea entdeckt. Zehn Stück wollten sie kaufen. Für mich war das ein Wunder. In diesem Moment habe ich verstanden: Es ist ein richtiger Job, den du da jetzt hast. Ohne das Internet würde ich jetzt vielleicht immer noch eine Arbeit suchen.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten keine Ausbildung oder Erfahrung. Wo haben Sie gelernt, auf professionellem Niveau zu fotografieren?

Lafforgue: Am Anfang habe ich viele Fehler gemacht. Ich hätte mir sicher viel Zeit gespart, wenn ich Unterricht genommen hätte. Als ich mir meine Bilder auf dem Computer angeschaut habe, habe ich verstanden, was ich falsch gemacht hatte: Die Bilder waren unscharf, und die Tiefenschärfe hat nicht gestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Sie fotografieren viele arme Menschen. Helfen Sie denen auch?

Lafforgue: Ich versuche, die Hälfte des Geldes, das ich mit den Fotos verdiene, an die Hilfsorganisation zu spenden, mit der ich im jeweiligen Land arbeite. Und wenn ich die Stämme besuche, die ich schon kenne, gebe ich ihnen Geld. Aber es gibt so viele traurige Schicksale, gegen die man mit Geld nicht ankommt.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Lafforgue: In Tansania wollte ich ein Foto von einem kleinen Albino-Mädchen und ihren Freunden machen. Doch dann sagte das Mädchen zu mir, es hätte nicht einen einzigen Freund. Die Kleine war so süß und die Mutter so nett. Aber Albinos werden dort oft von der Gesellschaft ausgestoßen.

Das Interview führte Kristin Haug für das Fotoportal seen.by

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1. Licht und "Seele"
Layer_8 08.07.2013
Zitat von sysopIn armen und entlegenen Regionen Afrikas und Asiens sucht Profi-Fotograf Eric Lafforgue nach Schönheit im Schrecken des Alltags. Manche Menschen sehen sich auf den Fotos zum ersten Mal selbst. Die Vorbehalte überwindet Lafforgue auf einfache Art: mit Witzen. Der französische Fotograf Eric Lafforgue - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-franzoesische-fotograf-eric-lafforgue-a-908905.html)
Da kann man noch sehen, wie sowas wie "Religionen" entstanden ist. Wäre wohl wirklich mal ein Evolutionssprung, kleine Kinder von Anfang an an die Ratio zu gewöhnen. Das sind wir wohl diesen Völkern schuldig. Viel Leid bliebe uns allen erspart. BTW: "In Omo Valley in Äthiopien habe ich Stämme getroffen, die geglaubt haben, dass sie zu klein auf den Fotos aussehen. Sie wollten Fotos in Lebensgröße. Aber sie verstehen nicht, dass das nicht geht." Natürlich geht das ;-)
2.
glen13 08.07.2013
Zitat von sysopIn armen und entlegenen Regionen Afrikas und Asiens sucht Profi-Fotograf Eric Lafforgue nach Schönheit im Schrecken des Alltags. Manche Menschen sehen sich auf den Fotos zum ersten Mal selbst. Die Vorbehalte überwindet Lafforgue auf einfache Art: mit Witzen. Der französische Fotograf Eric Lafforgue - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-franzoesische-fotograf-eric-lafforgue-a-908905.html)
Die Fotos sind beeindruckend, weil sie die Menschen respektvoll in ihrem Umfeld zeigen. Kein Drama, kein Effekt, sondern das Leben.
3.
HaioForler 08.07.2013
Zitat von Layer_8Natürlich geht das ;-)
Klar, mit einem DIN A -Drucker ;) Aber witzig fand ich Lippenplatte und Handy. Ich fühlte mich an Apple erinnert.
4. Da sind ein paar knaller Aufnahmen dabei...
kartenleser13 08.07.2013
...da kann man ja fast von Glück reden, dass der Gute damals gefeuert wurde ;)
5. Purer Voyeurismus
osos1009 08.07.2013
Man soll mit Fotos zeigen können, "wie Menschen leben, (und sogar) was sie ausmacht"? Und wieso sollte man dies zeigen? Weil wir das Leben und was es ausmacht nicht mehr kennen? Damit wir uns mit unserer iPads, Porsches und Wolkenkratzern überlegen fühlen können, obwohl die meisten von uns mit diesen "Errungenschaften" so wenig zu tun haben wie der Zootiger mit der Gestaltung seines Geheges? Lafforgue will "Schönheit" und "Freude" fotografieren, da wo "Kriegsgräuel", "Armut", kulturelle Zerstörung herrscht, da, wo die Menschen aus einer oft jahrtausende alten Harmonie gejagt werden und dafür so essentielle Dinge wie Handies oder Fotoapparate ankucken dürfen. Darauf haben sie schon so viele Jahrhunderte gewartet! Die Menschen dort werden wie Schweine in den Dreck gejagt und der gute Mann macht dabei Bilder von ihnen. Ekelhaft. Na ja, er spendet ja als Ausgleich für "Hilfeorganisationen". Lafforgue, ein "Entlassener", der wohl nicht einmal weiß wie man einen Salat anpflanzt oder eine Kuh melkt, der als "Arbeitsloser" für seine eigene Gesellschaft in ihrer Unkultur im Grunde vollkommen überflüssig ist und der die Ungeheuerlichkeit dieses Faktums wohl nicht 'mal gemerkt hat, geht in Länder, wo die Menschen sich noch ein bisschen authentischen Lebenssinn bewahrt haben und sich noch selbstbestimmt erhalten können, um dort Bilder zu machen, für die er in seiner entfremdeten Heimat Geld bekommt. Wieso bekommt er für diese Bilder Geld? Was ist der Nutzen dieser Bilder für die Entfremdeten in BRD oder USA, die dafür bezahlen? Es ist die gleiche Art von "Volksbelustigung", wie jene als man im 19. Jahrhundert "Neger" und "Indianer" in ihrer "Bemalung" in den großen westlichen Städten "ausgestellt" hat. Es ist das gleiche Gaffen des Jahrmarkts, das gleiche idiotische Amüsement, mit der die unfreien, fremdbestimmten Zooeuropäer Geschöpfe, Menschen des wirklichen Lebens anschauen, aber nichts verstehen, weil sie eigentlich schon tot, Zombies sind. Es ist purer Voyeurismus. Gar nicht schön und für ALLE Beteiligten sehr sehr traurig!
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  • Eric Lafforgue
    Eric Lafforgue studierte in Toulouse ein paar Semester Wirtschaft. Einige Jahre arbeitete er beim französischen Radio und bei Fernsehkanälen. 15 Jahre hat er Spiele und Klingeltöne für Handys entwickelt. Im Jahr 2006 wurde Lafforgue Fotograf. Jetzt lebt er in Toulouse, ist aber 20 Wochen im Jahr in Ländern wie Äthiopien, Indien, Eritrea, Somalia und Saudi-Arabien unterwegs.