Theateradaption "Der Hals der Giraffe": Nachts im Museum

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Die Vorlage ist das schönste Buch dieses Jahres. Nun bringt der junge Regisseur Florian Fiedler den Roman "Der Hals der Giraffe" erstmals auf eine Bühne - und das nicht irgendwo: sondern im Frankfurter Senckenbergmuseum, inmitten toter Tiere.

"Der Hals der Giraffe": Heidi Ecks als schrullig zynische Lehrerin Inge Lohmark Zur Großansicht
Schauspiel Frankfurt /Birgit Hupfeld

"Der Hals der Giraffe": Heidi Ecks als schrullig zynische Lehrerin Inge Lohmark

Inge Lohmark ist ein Opfer der natürlichen Auslese: eine Darwinistin, die vom Aussterben bedroht ist. Sie unterrichtet Biologie und Sport in einer schrumpfenden Kleinstadt im hinteren Vorpommern, in einem Landstrich, in dem es fast keine Kinder mehr gibt, zumindest keine, die Chancen aufs Abitur haben. In vier Jahren soll ihr Charles-Darwin-Gymnasium dicht machen. Bis dahin wird Lohmann unterrichten, wie sie immer unterrichtet hat: ungerecht, unerbittlich, unausstehlich. Kumpeltypen mit bunten Tüchern um den Hals haben Paukertypen wie sie eigentlich längst aus dem Lehrerzimmer verdrängt, und so ist Lohmark die letzte ihrer Art. Sie ist eine Naturwissenschaftlerin durch und durch, die an ihrer naturwissenschaftlichen Weltsicht verzweifelt.

Judith Schalansky, 32, hat sich die schrullige Zynikerin ausgedacht, eine große Einsame, die im vergangenen Jahr so gar nicht einsam war - sondern von Tausenden Lesern ins Herz geschlossen wurde: Der Roman mit der Hauptfigur Lohmark, ein 222 Seiten langer innerer Monolog, avancierte zunächst zum Kritikerliebling, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand und schaffte es dann sogar kurz auf die Bestsellerlisten. Nun bringt Regisseur Florian Fiedler, 35, den Roman erstmals auf eine Theaterbühne. Und zwar nicht irgendwo, sondern im Frankfurter Senckenbergmuseum, inmitten toter Tiere.

Der Text wird zu einem Trip

"Ich fand den Text als Prosatext sagenhaft toll", sagt Fiedler, "und wollte ihn daher unbedingt inszenieren." Wie gut der Roman sich fürs Theater eigne, habe er aber erst während der Proben gemerkt: "Das Ding dreht auf eine Weise ab, wie ich es nie erwartet hätte, es wird zu einem Trip." Seine Inszenierung werde sich eng an die Prosavorlage halten, kündigt Fiedler an, sie werde ihr aber nicht eins zu eins hinterherhecheln: "Wir betonen nicht nur das Verbitterte, Verhärmte der Figur, sondern statten ihre Darstellerin Heidi Ecks mit viel Lebendigkeit aus. Das Ergebnis wird sehr berührend sein und auch sehr komisch."

Ein Clou der Inszenierung könnte der Ort werden: der Sauriersaal des Senckenbergmuseums, in den pro Vorstellung nur 60 Zuschauer Einlass finden werden - eine ebenso intime wie irre Abendatmosphäre, vergleichbar vielleicht mit jener im Kino-Blockbuster "Nachts im Museum".

Die Ortswahl hat allerdings auch einen Nachteil: Neun Vorstellungen sind bislang angesetzt, neun Vorstellungen sind ausverkauft. Nur wer früh zu den Vorstellungen fährt, könnte noch Glück haben und an den Abendkassen Restkarten ergattern. Es ist der Weg, den wohl auch Fiedler wählen muss: "Ich wollte mehr Karten besorgen als die wenigen, die für mich als Regisseur geblockt sind. Aber ich war zu spät."

In gewisser Weise setzt sich damit bei der Theateradaption fort, was beim Buch begann: Der "Hals der Giraffe" ist von seinem sich stetig steigernden Erfolg bedroht.

Das Buch, das die Autorin Schalansky auch selbst gestaltete, gewann im September den Preis der Stiftung Buchkunst für das schönste Buch, dotiert mit 10.000 Euro. Allein: Die ursprüngliche Edition (mit einem altmodisch groben Leineneinband aus Bamberger Kaliko Lino auster) war in den Läden gar nicht mehr erhältlich, schon lange nicht mehr. Zu schnell hatten zu viele Leute das Buch gekauft, so dass das Material nicht rechtzeitig nachgeliefert werden konnte. Die Folge: Die verschiedenen Auflagen erschienen in vier verschiedenen Leineneinbänden.

Innen sahen sie freilich alle gleich aus, und das heißt: phantastisch, denn die Kunsthistorikerin und Kommunikationsdesignerin Schalansky hat ihren Text mit fein ziselierten Tiergrafiken illustriert. Sollte Fiedlers Theateradaption nur halb so gut aussehen wie das Buch, kann er die Tickets zum Theatertreffen nach Berlin schon einmal buchen.


Theaterfassung:
"Der Hals der Giraffe".
Uraufführung 8. Dezember, weitere Aufführungen 9., 15. und 16. Dezember, sowie 11., 12., 20., 21. und 25. Januar. Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt/Main, Senckenberganlage 25, für alle genannten Vorstellungen nur noch Restkarten an der Abendkasse.

Buchvorlage:
Judith Schalansky: "Der Hals der Giraffe". Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main; 224 Seiten; 21,90 Euro.

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