Vergewaltigungen in Indien: "Entwurzelte Männer sehen Frauen als Freiwild"

Indien: Arrangierte Ehen, glühende Fantasie Fotos
AP

Mehrere brutale Sexualstraftaten in Indien haben die Welt schockiert. Der Psychoanalytiker Sudhir Kakar wirft seinen Landsleuten ein gestörtes Verhältnis zu Frauen vor. Ein Interview über Minderwertigkeitskomplexe und Bollywood-Stars, die als Vergewaltiger berühmt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kakar, im März wurde in Indien ein Antivergewaltigungsgesetz erlassen. Es ermöglicht zwar höhere Strafen für Vergewaltiger, aber sexuelle Straftaten innerhalb der Ehe können weiterhin nicht angezeigt werden. Wie kommt so was zustande?

Kakar: Dass das Gesetz zur innerehelichen Vergewaltigung keine Mehrheit gefunden hat, liegt an der Bedeutung der Großfamilie. Sie ist es, was Indien zusammenhält. Ihr wird viel mehr Vertrauen entgegengebracht als dem Staat und seinen Institutionen. Der Gedanke, dass eine indische Frau zu einem Gericht gehen kann, um ihren eigenen Mann anzuzeigen, unterläuft in der Vorstellung vieler den Glauben an die Familie.

SPIEGEL ONLINE: Im Dezember kam es in Neu-Delhi zu einer Gruppenvergewaltigung, in deren Folge eine 23-jährige Frau starb. Warum löste gerade dieser Fall so großen Protest aus?

Kakar: Weil er so bestialisch war. Der Schock darüber hat sich im ganzen Land verbreitet und die Inder daran erinnert, dass ihnen ein moralischer Kompass verlorengegangen ist. Diese Proteste richten sich nicht gegen sechs Täter, sondern gegen eine ganze Gesellschaft, die nicht weiß, wo sie steht.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt diese Orientierungslosigkeit?

Kakar: Während des rasanten Aufstiegs der Mittelschicht haben viele Frauen Karriere gemacht. Diese Frauen sind die treibende Kraft aller Modernisierungsschritte unserer Kultur. Aber so eine Turboemanzipation löst Ängste und Abwehrreaktionen aus, die das gemeinsame Fundament zerstören.

SPIEGEL ONLINE: Welche Hoffnung haben Sie für die Frauenbewegung?

Kakar: Der Kampf für bessere Frauenrechte ist jetzt viel zu stark, um ihn stoppen zu können. Die Traditionalisten behaupten, dieser Prozess sei nicht indisch, sondern eine vom Westen importierte Emanzipation. Und ein großer Teil der Inder assoziiert den Westen mit Profitgier und Freizügigkeit, sieht ihn als ein einziges Bordell, in dem jeder mit jedem schläft.

SPIEGEL ONLINE: Welche Gründe sehen Sie für den Anstieg sexueller Übergriffe?

Kakar: Die große Landflucht spült Männer in die Städte, die ihrer familiären Dorfstruktur entwurzelt sind und somit keine mahnende Instanz verspüren. Dadurch betrachten sie Frauen nicht respektvoll als Schwester, Mutter oder Nachbarin, sondern als Objekt. Als Freiwild.

SPIEGEL ONLINE: Der Typus des angry young man ist ein fester Bestandteil von Bollywood-Filmen und liefert zahlreiche Vergewaltigungsszenen. Gibt es einen Zusammenhang?

Kakar: Ja, in den Siebzigern und Achtzigern waren Vergewaltigungen fest verankert im Film. Es gab sogar Bollywood-Stars, die als Vergewaltiger berühmt wurden. Allerdings handelt es sich dabei um phantasierte Taten von vollkommen überzeichneten Figuren. Das ist Kompensation. Filme verhandeln Träume und Alpträume. Alle Menschen haben mit Machtphantasien zu kämpfen. Mit der Vorstellung, Gewalt zu erfahren, aber auch auszuüben.

SPIEGEL ONLINE: Was kann ein Antivergewaltigungsgesetz ausrichten in einer Gesellschaft, in der sexuelle Gewalt so tief verankert ist?

Kakar: Es sind gute Gesetze, aber Indien hat viele gute Gesetze. An ihrer Anwendung hapert es. Täter und Unterdrücker sind Teil einer Gesellschaft, die sich noch nicht entschieden hat, wie sie grundsätzlich mit Frauen umgehen will.

SPIEGEL ONLINE: Was aus deutscher Perspektive wie schlechter Umgang wirkt, ist die arrangierte Ehe…

Kakar: …die sich unter indischen Jugendlichen immer größerer Beliebtheit erfreut und nach wie vor in allen Schichten unserer Gesellschaft praktiziert wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie erinnert an einen Gebrauchtwagenhandel. Geburtsjahr, Mitgift, Krankheiten gehören zur Verhandlungsmasse.

Kakar: Die Vorteile der arrangierten Ehe überwiegen. Junge Menschen leiden nicht unter dem Druck, attraktiv sein zu müssen. Und sie tragen auch nicht die Verantwortung, den richtigen Partner zu finden. Das tun die Eltern.

SPIEGEL ONLINE: Aber wo findet da die Liebe ihren Platz?

Kakar: Aus traditioneller Perspektive wird die Liebe eher als Gefahr angesehen und systematisch verhindert.

SPIEGEL ONLINE: Warum das?

Kakar: Weil die Befürchtung besteht, ein verliebtes Ehepaar könnte sich abkapseln und so die Interessen der Großfamilie unterlaufen. Die Paare leben häufig mit den Eltern des Mannes und weiteren Verwandten unter einem Dach. Da muss jeder funktionieren. Egoismus kann ein Inder sich nicht leisten.

SPIEGEL ONLINE: Da wundert es nicht, dass Ehebruch in Indien fast selbstverständlich ist.

Kakar: Weil in der arrangierten Ehe die kleinen Brüche nicht so schwer wiegen wie in einer Liebesehe. Die hat eine größere Fallhöhe. Der kleinste Bruch ist dann die größte Katastrophe.

SPIEGEL ONLINE: Wirkt der Glaube an die große romantische Liebe auf Sie lächerlich?

Kakar: Nein, dieser Wunsch ist universell. Nach indischer Auffassung muss große Liebe jedoch nicht als Ehe manifest werden. Es kommt zum Beispiel häufig zu einer engen Bindung zwischen einer Ehefrau und ihrem Schwager.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig zur Ehe?

Kakar: Ja, genau. Die Deutschen hingegen versuchen es immer wieder aufs Neue, also nicht gleichzeitig, sondern nacheinander. Heiraten. Scheiden lassen. Heiraten. (lacht) Am Ende ist die Form bedeutungslos. Aus einer arrangierten Ehe kann eine große Liebe wachsen, und eine wahre Liebe kann als arrangierte Ehe enden.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich die indische Sexualität von der westlichen?

Kakar: Die gegenwärtige indische Sexualität ist grundsätzlich verklemmter, allein schon durch die beengten Wohnverhältnisse. Aber auch das Küssen in der Öffentlichkeit gilt bis heute als unsittlich.

SPIEGEL ONLINE: Wo schaffen die Liebenden sich ihre Freiräume?

Kakar: In einer glühenden Phantasie. Da könnten die Deutschen wiederum von Indern lernen. In westlichen Industrienationen ist Sex etwas phantasieloser. Jeder Fetisch ist spezialisiert und professionalisiert. Viel Sex, aber wenig Erotik.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, der Westen projiziere sein verdrängtes Unbewusstes auf Indien.

Kakar: Richtig. Alles, was in Deutschland als politisch inkorrekt durchfällt, existiert in Indien. Zum Beispiel Hierarchie. Das Kastensystem übt eine gewisse Faszination aus. Was schlimm ist, ist oft auch interessant.

SPIEGEL ONLINE: Und warum gönnen die Deutschen sich nicht mehr Widersprüche?

Kakar: Das ist nicht deutsch, sondern christlich. Du sollst dies und du sollst nicht das. Der Entweder-oder-Gedanke ist viel stärker. Bei uns hingegen ist das, was in dem einen Kontext verboten ist, im anderen Kontext erlaubt. Da sind Inder äußerst kreativ.

SPIEGEL ONLINE: Was man auch noch in anderer Hinsicht merkt: Im Land der heiligen Kühe eröffnen immer mehr Steak-Restaurants...

Kakar: In Indien ein Steak zu essen, ist wirklich ein krasser Widerspruch. Aber Inder sind trainiert auf Widersprüche. Neureiche springen auf solche Trends an, reden sich dann aber ein, das Steak sei nicht von der Kuh, sondern vom Büffel. Am nächsten Tag sitzen die trotzdem wieder bei ihrem Guru oder im Tempel.

Das Interview führte Ulf Pape

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Vergewaltigung...
caligirl 31.05.2013
... hat wenig mit Sex und viel mit Macht zu tun. Außerdem frage ich mich immer warum dieser dämliche Satz mit "Frauen als Schwestern, Mütter etc. zu sehen" herbeigeholt wird, ein Mensch, Mann oder Frau, sollte schlichtweg respektiert werden und sich nicht vor derartigen Gewalttaten fürchten müssen. Nein ist nein, bei der Zufallsbekanntschaft ebenso wie im ehelichen Bett. Aber was soll man von einer Gesellschaft erwarten die Frauen und Mädchen generell als weniger Wert einstuft, aber Indien steht ja nicht allein damit.
2. Im Norden oder ehr Nordwesten
ofelas 31.05.2013
Zitat von caligirl... hat wenig mit Sex und viel mit Macht zu tun.
Absolut richtig, das Problem hat auch wenig mit der "neuen" Entwicklung zu tun. In Indien werden seit alters her Frauen aus niedrigsten Kaesten von Maenner der oberen Kaesten so behandelt. Dieses Verhalten ist in erster Linie ein Problem von Nord-Indien (inkl. Pakistan) und sehr viel weniger in Sued-Indien. Da in Pakistan (durch Pakistani) das gleiche Verhalten gerade mal wieder in GB deutlich wird, sieht man das es kein religoeses Problem ist. Auch das hat mit Machtanspruch zu tun, und muss im Zusammenhang mit der Gesellschafts(un)ordnung gesehen werden. Der gleiche Machtanspruch oder Intoleranz wird dann deutlich ob es sich um Unberuehrbare oder Muslime handelt die Christen werden, oder um andere Minderheiten der Gesellschaft.
3.
Atheist_Crusader 31.05.2013
Zitat von sysopDass das Gesetz zur innerehelichen Vergewaltigung keine Mehrheit gefunden hat, liegt an der Bedeutung der Großfamilie. Sie ist es, was Indien zusammenhält. Ihr wird viel mehr Vertrauen entgegengebracht als dem Staat und seinen Institutionen. Der Gedanke, dass eine indische Frau zu einem Gericht gehen kann, um ihren eigenen Mann anzuzeigen, unterläuft in der Vorstellung vieler den Glauben an die Familie.
Dass hingegen ein Mann seiner Ehefrau so ziemlich alles antun darf, erschüttert den Glauben an die Familie anscheinend kein bisschen...
4. Interessant
matze_wehlau 31.05.2013
Selten so eine geistreiche Analyse gelesen. Zeigt wie schwierig es ist, mit deutschen Maßstäben indische Verhältnisse zu messen. Die Erklärungen sind auf unbequeme Art einleuchtend und plausibel. Ich würde mir so eine unideologische Selbstreflektion auch für unser Land wünschen. Leider darf hier vieles nicht ausgesprochen werden. Dabei wäre das doch die Grundlage zur Fortentwicklung.
5. Mythos....
fatherted98 31.05.2013
Zitat von caligirlVergewaltigung... hat wenig mit Sex und viel mit Macht zu tun.
Dieser Mythos hält sich hartnäckig schon weil Alice Schwarzer ihn immer wieder wiederholt...mag auch bei vielen in West Europa so sein...aber in Indien sieht die Situation ganz anders aus als in Westeurpa. Der Sex in Indien ist total billig...schon für ein paar EuroCent bieten sich Prostituierte an...die Frau wird in Indien nur als Objekt gesehen...auch die eigene....somit ist das Selbstverständnis sie verfügbar zu machen ein ganz anderes als in Westeurpa...es ist einfach "normal" sich die Frau gefügig zu machen...schrecklich aber es ist so. Sprich..wenn der Mann Sex will muss die Frau parrieren...und wenn sie nicht will wird sie geschlagen...wenn sie dabei stirbt...wen juckts...das ist leider die gängige Praxis in Indien...wer schon mal da war (und nicht nur in den Touri-Orten) und die Chance hatte sich mit den Menschen (wenn auch durch Dolmetscher) zu unterhalten wird das bestätigen können.
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Zur Person
  • DPA
    Sudhir Kakar, geboren 1938 in Nordindien, ließ sich in Frankfurt am Main zum Psychoanalytiker ausbilden, lehrte in Harvard, Princeton, Berlin und Paris, bevor er sich mit eigener Praxis in Neu-Delhi niederließ. Weltbekannt wurde er als Autor. In zahlreichen Werken reflektiert er das indische Seelen- und Liebesleben, lieferte eine Neuübersetzung des Kamasutra und schuf mit "Die Inder. Porträt einer Gesellschaft" ein Standardwerk zur sozialen Kultur des Subkontinents. Heute lebt er gemeinsam mit seiner deutschen Ehefrau Katharina Poggendorf-Kakar in Goa.

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