Seehofer-Aussage Der Islam gehört zur AfD

Da kann Minister Horst Seehofer sagen, was er will - der Islam gehört natürlich zu Deutschland. Ohne ihn wüssten wir Deutschen gar nicht, wer wir sind. Und am wenigsten wüssten es die Rechten.

Moschee und Kirche in Usingen im Taunus, Hessen
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Moschee und Kirche in Usingen im Taunus, Hessen

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Zur Autorin
  • Thomas Lobenwein
    Ferda Ataman, Jahrgang 1979, ist Journalistin, Mitgründerin der "Neuen deutschen Medienmacher" und Sprecherin der "Neuen Deutschen Organisationen", einem Netzwerk von mehr als 100 Initiativen, die sich bundesweit für Vielfalt und gleichberechtigte Teilhabe einsetzen. Sie lebt in Berlin.

Stellen Sie sich vor, das Telefon klingelt, Sie heben ab und ein Meinungsforschungsinstitut will Ihre Sicht der Dinge erfahren: "Gehört das Judentum zu Deutschland?" Ja? Nein? Warum werde ich das überhaupt gefragt? Werden Sie natürlich nicht. Diese Umfrage hat es, zum Glück, noch nie gegeben. Ebenso wenig wie zum Buddhismus, zur serbisch-orthodoxen Kirche oder zur Heilsarmee.

Zum Islam allerdings schon. Sehr oft sogar. Bei der Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre, antwortet seit Jahren eine Mehrheit der Befragten mit "Nein". Das ist eigentlich faszinierend, denn es wirkt wie ein pathologischer Abwehrreflex gegen eine unangenehme Tatsache.

Denn wenn der Islam nicht zu Deutschland gehört, wie kann er das erste Thema der neuen Bundesregierung sein? Warum nahm der Islam im Kanzlerduell so viel Raum ein? Warum ist eines der prägendsten Bilder vom Wahlkampf eine Karikatur der Rechten, die Angela Merkel verhüllt in einem schwarzen Niqab zeigt?

Der Islam beschäftigt die Deutschen. Fast schon zwanghaft. Er ist Teil ihrer Identität geworden: Die Abgrenzung zum Islam macht das Deutschsein erst aus. Nur so lässt sich erklären, warum ein ständiger Gegensatz zwischen "Deutschen" und "Muslimen" hergestellt wird, obwohl das der gesellschaftlichen Realität widerspricht: Ein großer Teil der hier lebenden Muslime sind Deutsche.

Und es gibt eine Gruppe, die dem Islam besonders viel verdankt: Was wären die Rechtspopulisten ohne ihren Islam? Ihrem Feindbild Nummer eins. Der Islam ist in ihren Augen das Böse, der Antipol zu Demokratie und westlichen Werten. Wären nur Geflüchtete aus christlichen Ländern gekommen - die AfD wäre vermutlich weiterhin eine Splitterpartei. So gesehen gehört der Islam zur AfD, wie das Holzbein zum Pirat.

In ihrem Wahlprogramm für den Bundestag widmet sie der morgenländischen Religion ein eigenes Kapitel - dem Christentum nicht. Darin schreiben die besorgten Rechtsradikalen: Schon "in der Präsenz von über 5 Millionen Muslimen, deren Zahl ständig wächst, sieht die AfD eine große Gefahr". Zwar sind es laut der einzigen vorliegenden Erhebung nur 4,4 bis 4,7 Millionen, und nur ein Teil davon sind praktizierende Muslime. Aber darauf kommt es vermutlich nicht an. Sie sollen ja eh alle weg. Nur was täte dann die AfD?

Der Islam gehört zu deutschen Medien

Auch die Medien haben eine besondere Affinität zum Islam. Denn nach normalen journalistischen Kriterien wäre die Aussage "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" keine Meldung, geschweige denn eine Schlagzeile wert. Die Aussage ist abgedroschen, wurde mehrmals von unterschiedlichsten Politikern gemacht und hat auch sonst keinen Neuigkeitswert.

Doch der neue Heimatminister hat genau diesen Satz in seinem ersten Interview gegenüber der "Bild"-Zeitung bemüht und: bäm! Alle Medien bis hin zu den Abendnachrichten im Fernsehen haben ihn aufgegriffen. Um zu verstehen, wie denkwürdig das ist, sollte man sich noch einmal vergegenwärtigen: Es ist nichts passiert, außer dass ein CSU-Politiker findet, was schon viele vor ihm gefunden haben. Aber ob der Islam zu uns gehört oder nicht, das polarisiert eben, es erregt die Gemüter und macht die Leute wach. Es ist die Gretchenfrage der Nation. Der Islam gehört zu deutschen Identitätsdebatten, wie das Salz in die Suppe.

Die CSU gehört nicht zu Deutschland

Um unsereins nicht ganz zu verprellen, schiebt Horst Seehofer in seinem "Bild"-Interview freundlicherweise etwas nach: Der Islam gehöre zwar nicht zu Deutschland, die Muslime aber schon. Das klingt nett, aber was kann ich mir darunter vorstellen? Muslime dürfen rein, wenn sie vorher ihre Religion abstreifen? Korane bitte bei der Passkontrolle abgeben?

Vielleicht versteht er den Antagonismus seiner Aussage, wenn man sie etwas variiert: Lieber Herr Seehofer, die CSU gehört auch nicht zu Deutschland (sondern zu Bayern) - die CDU-Wähler natürlich schon!



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josho 17.03.2018
1. Die Wortwahl....
...ist der alleinige Grund für diese unselige Debatte - keine Religion gehört zu irgendeinem Land! Die Religion gehört zu demjenigen, der sie ausübt oder ausüben will. Und das sollte er in sich gekehrt tun und alle anderen davon verschonen. Egal, ob Islam, Judentum oder Christentum oder sonst was. Der Streit um "gehört zu" führt ja genau zu der Frage der "richtigen" Religion - und die hat ja bekanntlich Millionen Menschenleben gekostet - und tut es immer noch.....
Watschn 17.03.2018
2. Sehr geehrte Frau Ataman
die sog. "Fronten" bei Islam in Deutschland sind gar nicht so klar, sie sind queerbeet u. teils diffus. So sieht z.B. der neue bayr. Ministerpräsident Markus Söder den Islam als Bestandteil Bayerns u. Deutschland. Das hat er unmissverständlich klar vor seiner Zeit als MP in Nürnberg geäussert, bei einem Besuch einer Ditib-Versammlung. Seehofer hingegen macht (evtl. bis zur Bayern-Wahl) auf AfD (bad cop) im Zusammenspiel mit Merkel (good cop). Und auch Franziska Giffey (SPD; als Zögling von Buschkowsky) ist eher islam-kritisch, ganz im Gegensatz zu Heiko Maas, Nils Schmid o. Leni Breymaier..., welche islam-kritische Ansätze fast als rassistisch deklarieren.
j.cotton 17.03.2018
3. Und noch einmal
Weder Christentum noch Islam oder eine andere Religion gehören bei uns irgendwo hin - es sei denn in`s ganz private Hinterkämmerlein. Das mag in einigen liberalen, demokratischen Staaten wie zB Saudi-Arabien, Türkei oder Afghanistan zwar anders sein, aber hier ist D. , ist Europa. Und das jetzige, freiheitliche, europäische demokratische System fußt alleine auf den Ergebnissen von 1789 bzw der Aufklärung, die uns vom Joch und der Barbarei der Religion befreit haben. Auch wenn dies einige nicht kapieren wollen, eher wohl nicht können, alleinig schon aus Mangel an geschichtlichem Grundwissen.
stadtmusikant123 17.03.2018
4. Was soll ich mit dem Islam
Die christliche Soziallehre gehört für mich zu Deutschland. Weihnachten, Ostern und Pfingsten ebenfalls Rossbratwurst , Bratkartoffeln und Boulette sowieso. Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Und wenn unsere Gäste diesen mitbringen ok, aber bitte so, dass dieser hier nicht versucht uns zu dominieren.
marthaimschnee 17.03.2018
5. und die CSU ist eine weitaus größere Gefahr
denn sie kommt zwar genau wie der Islam hierher, ohne daß ich was dagegen tun kann (dagegen können nur Wähler in Bayern was tun, weswegen es eh schon eine Farce ist, diese Partei an bundespolitischen Entscheidungen teilhaben zu lassen), aber im Gegensatz zum Islam nimmt sie mit ihren paar Prozent sehr drastischen Einfluß auf unsere Gesetzgebung.
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