Uraufführung "Der Junge wird beschnitten" Provokant mit Phallus

Minderjährige, die über Geschlechtsteile philosophieren? Eine brisante Kombination. In Wien lässt Anja Salomonowitz Kinder Thesen über männliche Beschneidung durchspielen.

Alexi Pelekanos/ Volkstheater Wien

Und dann zum Auflockern ein Witz: "Wie nennt man ein jüdisches Kind, das mit acht Tagen noch nicht beschnitten ist?". Antwort: "Mädchen". Erzählt wird der Witz von einem kleinen Jungen, der an der Bühnenrampe steht und verschmitzt lächelt, da stellt sich natürlich gar nicht die Frage, ob das, was da gerade verhandelt wird, politisch korrekt ist oder nicht.

Die österreichische Filmemacherin Anja Salomonowitz, 1976 in Wien geboren, hat sich für ihre erste Theaterarbeit ein provokantes Thema gewählt - das Ritual der Beschneidung von Jungen, das sowohl im Judentum als auch im Islam zur religiösen Praxis gehört -, das sie durch ihre Wahl der Besetzung allerdings gleich wieder immunisiert: Gespielt wird "Der Junge wird beschnitten" im Volx/Margareten, der kleinen Nebenspielstätte des Wiener Volkstheaters, von neun Kindern im Alter von sieben bis 13 Jahren, allesamt Laien. Sie spiegeln einen Diskurs, der normalerweise über ihre Köpfe hinweg geführt wird.

Da stehen sie also, mit viel zu großen Brillen auf der Nase und ironisieren die gewichtigen Haltungen, die ihre Eltern einnehmen. In den tollsten Szenen gelingt es den Kleinen treffsicher die Selbstverliebtheit und Egozentrik von Erwachsenen nachzuahmen. Das ist rührend und komisch zugleich, wenn kleine Mädchen feministische Theoriesätze wie diese sagen: "Bei Lacan ist der Phallus ja das Zentrum der Macht, und diese archaischen Rituale reproduzieren diese patriarchalen Machtstrukturen. Es wird doch hier der Schwanz in einem kulturellen Ritual heiliggesprochen".

Die Kinder sprechen von medizinischen Begriffen wie "Eichelkranz" und "Peniswurzelblock", erzählen von traumatischen Beschneidungspartys, auf denen das Buffet prächtig war, aber trotzdem nicht angerührt wurde, davon, dass jemand die Vorhaut seines Enkels in einem Blumentopf vergraben hat, berichten von den unzähligen katholischen Institutionen, die das Praeputium Jesu in ihrem Besitz glauben, und fragen, ob es sich bei der Beschneidung um eine religiöse oder kulturelle Praxis handelt. Und natürlich gilt ganz praktisch zu klären: Narkose oder nicht?

Wertung und Konflikt bleiben aus

Einige der jungen Laien sind famose Talente. Zusammengehalten werden die Erzählstränge durch eine erwachsene Schauspielerin (etwas zu glatt: Karin Lischka) und einen Musiker (Bernhard Fleischmann). Am Ende des 75-minütigen Recherche-Konzentrats müssen die Kinder die Bühne verlassen, dann wird es leicht pornografisch. Die Schauspielerin sagt: "Ich blase gern Schwänze". Sie erzählt von ihren Erfahrungen der sexuellen Unterschiede: "Beim Wichsen müssen beschnittene Penisse nass gemacht werden".

Bereits in ihrem Dokumentarfilm "Kurz davor ist es passiert", einem Projekt über Frauenhandel, hat Salomonowitz die realen Erfahrungen von Laiendarstellerinnen sprechen lassen, und so ein heikles Thema von falscher Betroffenheit befreit. Im Theater funktioniert diese Methode nur bedingt: Über einen charmanten Info-Abend für Bobo-Eltern, die überlegen, ob sie ihren Jungen beschneiden lassen sollen, kommt die Inszenierung selten hinaus. Hipster-Paare, die gar nicht religiös sind, erzählen davon, dass sie das Ritual aus traditionellen Gründen weiterführen ("Ich picke mir aus allen Kulturen heraus, was mir gefällt").

Regie-Kollegin Yael Ronen hätte daraus einen pointierten selbstironischen Kommentar gebastelt. Salomonowitz hingegen möchte nicht werten: Ihre Alles-ist-Easy-Haltung, die jeden Aspekt der Debatte gleichwertig nebeneinander stehen lässt, ist zwar sympathisch, aber gerade fürs Theater, das von Zuspitzung und dramatischen Konflikten lebt, auch ein wenig langweilig.

Keine Frage, man lernt viel, etwa, dass Silvester ursprünglich der Tag der Beschneidung Jesu gewesen war. Aber irgendwie hätte man das alles auch googeln können. Nichts wühlt auf, nichts irritiert, keine Geschichte oder These geht wirklich nahe, alles bleibt Information. Dabei ist doch gerade spannend, wie absurd aufgeladen religiöse Debatten im Moment in der Öffentlichkeit ablaufen. An einer Stelle des Beschneidungs-Doku-Dramas fällt der Satz: "Wir haben eine antisemitische Vergangenheit und eine antimuslimische Gegenwart." Von dieser Härte, mit der auf fremden Kulturen und Religionen gerade in Zeiten der Flüchtlingskrise geblickt wird, hätte man gerne mehr erlebt an diesem viel zu süßen Abend.

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