Zentraler Konflikt unserer Zeit Das Alte kämpft gegen eine Zukunft, die längst begonnen hat

Unsere Gesellschaften verändern sich so fundamental, da wirkt die Frage nach Merkel oder Schulz leicht lächerlich. Sie passt aber zur Außenwahrnehmung von Deutschland: Verschließen wir uns vor dem Neuen in der Welt?

Rechte Fackelträger in Charlottesville
REUTERS/ NEWS2SHARE

Rechte Fackelträger in Charlottesville

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Was ist die Gestalt des Neuen? Wie erkennt man es? Wie setzt es sich durch? Und warum ist das so schwer, das Erkennen und das Durchsetzen?

Was sind, mit anderen Worten, die Kräfte, die eine Gesellschaft nach vorne bringen - und was sind die Kräfte, die einen packen, wie am Rockzipfel, und zurückziehen in eine Zeit, in der die Dinge noch scheinbar ihre Ordnung hatten, was immer eine retrospektiv gefährliche Fiktion ist?

Ich glaube, dass das einer der zentralen Konflikte unserer Zeit ist: die Macht der Beharrung gegen die Notwendigkeit der Veränderungen, der Angriff des Alten auf ein Morgen, das längst begonnen hat, eine Zukunft, die unser Leben und unsere Welt längst bestimmt, ob wir es wollen oder wahrhaben wollen oder nicht.

Die Konsequenz: Angst und Euphorie - konträre Kräfte, die eine gewaltige Spannung erzeugen, fast wie ein Bruch in der Zeit, wie eine tektonische Verschiebung, bei der verschiedene Zeitplatten aneinander reiben, sich ineinander verkeilen und verkanten, bis sich die Spannung in wilden Eruptionen, Erdbeben, Erschütterungen entlädt.

Es herrscht Endzeitstimmung, sagte neulich eine Freundin, der böse Tanz der Atavismen, weiße Männer in Charlottesville etwa, die all ihren Dämonen zurufen: "Jews will not replace us". Es herrscht aber auch einfach Verwirrung, weil das Neue in der Phase der Latenz ist und so wenig greifbar für die meisten, und das gilt für alle Bereiche dieser Gesellschaft und damit auch für die Politik.

Was käme zum Vorschein, wenn das Zaubertuch weggezogen würde?

Die Rituale des Wahlkampfs etwa, wie sie gerade vorgeführt werden, die deprimierende Mutlosigkeit einerseits, die grundlegenden Fragen zu stellen, und andererseits die immer leicht lächerliche Anmaßung, Antworten und Lösungen zu haben auf Fragen, die man sich selbst zurechtgestutzt hat, die Welt reduziert auf einen Slogan.

Das Kanzlerduell ist ein Beispiel, das auf halb tragische, halb lächerliche Weise zwischen dem ganz Alten und dem etwas Neuen steckengeblieben ist. Und alle wissen es, die Akteure Merkel und Schulz und ihre Berater und auch die Medien, die sich die Mühe geben, dieses Wissen zu verbergen - denn wenn dieses Zaubertuch weggezogen würde, was käme darunter zum Vorschein?

Das Alte ist die Politik der Interessensgegensätze der sozialen Marktwirtschaft, Arbeit gegen Gewerkschaft zum Beispiel, oder Kirche gegen Sex und Selbstbestimmung - aber dieses eingeübte System funktioniert nicht mehr, weil sich die Rahmenbedingungen so radikal geändert haben: Was tun Gewerkschaften, wenn das Ende der Arbeit kommt? Wie lassen sich gesellschaftliche Konflikte anders lösen als durch die Formen der Vergangenheit?

Das Internet als Wutmaschine und Wirbelsturm

Ich war Anfang der Woche in Polen bei der amerikanischen Historikerin Anne Applebaum zu Besuch, die viel über den sowjetischen Kommunismus geschrieben hat und die Veränderungen in Osteuropa seit dem Ende des Kalten Krieges - und sie erklärte das, was man so leichtfertig unter dem Begriff Populismus zusammenfasst, mit der grundlegenden Verschiebung wesentlicher Parameter durch die Digitalisierung.

Die Technik atomisiert in vielerlei Hinsicht die Menschen, wirft sie auf sich zurück und lässt sie sich neu sortieren, in anderen Zusammenschlüssen, in unmittelbareren Reaktionsketten, in einer latenten Hysterie, in der Daueranspannung der Daueraufmerksamkeit im Dauergespräch unserer Zeit, die schnellere Taktung von Entscheidungen und Resultaten - das Internet also einerseits als Wutmaschine und andererseits als Wirbelsturm, der das Unterste nach oben bringt und die Fundamente zum Wanken.

Das ist nun einerseits nicht wirklich überraschend und andererseits doch interessant, weil die Konsequenzen eben sind, dass man vieles, was sich als Phänomen des Politischen darstellt, anders denken und anders erklären muss: Es sind eher Oberflächenzuckungen, die wir wahrnehmen, die Verschiebungen darunter sind bleibender und bedrohlicher als die Reduktion auf die Frage Schulz oder Merkel.

Also zum Beispiel: die digitalen Disruptionen, die Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Alltag neu justieren, die Exzesse des ungeregelten Kapitalismus, die zu immer mehr Ungleichheit führen, die inneren und äußeren Widersprüche dieser Weltordnung, die sich in der Dauerverfügbarkeit von Bildern und Informationen krasser zeigen als früher - da sind sich dann sogar eine eher konservative Historikerin wie Anne Applebaum und dieser, wenn man das so zusammenfassen will, eher linke Kolumnist einig.

Eine gesellschaftliche Verabredung, das Neue zu ignorieren

Auch hier justiert sich etwas neu, im Meinungsspektrum, auch hier sind die Widersprüche andere und die Veränderungen dramatisch - und ich frage mich, wie viel man davon mitbekommt oder mitbekommen will in diesem Land, das schon eine ganze Weile sehr ruhig wirkt, etwas sediert und etwas sklerotisch. Aber die Welt wartet nicht. Und wenn man das Neue nicht sehen will oder bekämpft, dann hat das eben Folgen.

Der Reporter Carsten Stormer hat darüber neulich in einem eindrucksvollen Interview gesprochen. Er hat davon berichtet, wie wenig Interesse es seiner Meinung nach an Berichten aus den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt in Deutschland und in deutschen Medien gibt. Er hat das beschrieben, was vielen auffällt, die von außen auf dieses Land schauen: "The Closing of the German Mind".

Es wirkt wie eine Verabredung, das Neue in der Welt zu ignorieren, eine gesellschaftliche Verabredung, die auch den Schock erklärt, den etwa die Geflüchteten bedeuteten, die im Sommer vor zwei Jahren scheinbar plötzlich und aus dem Nichts in dieses Land kamen. Sie waren Boten des Neuen, sie erzählten von einer Zukunft, die nicht einfach ist, und der Widerstand gegen die Geflüchteten ist auch ein Widerstand gegen diese Zukunft.

Das hätte ein amerikanischer Moment im Sinne von John F. Kennedy sein können, das hätte der Punkt sein können, an dem sich viele Bürger fragen, was sie für den Staat, für diese Gesellschaft tun können - und so wurde er ja auch begriffen, die deutsche Zivilgesellschaft formte und zeigte sich neu angesichts der Fragen, Nöte und Probleme, die die Geflüchteten mit sich brachten, es hätte ein Innovationsmoment für viele Bereiche sein können: Die Kräfte des Alten arbeiteten mit allen Mitteln daran, das zu verhindern.

Das sind die Konflikte unserer Zeit. Ich will versuchen, in dieser Kolumne mehr vom Neuen zu berichten, von den Chancen und Möglichkeiten, von der Schönheit und auch von den Schwierigkeiten. Ich glaube, dass das eine zentrale aufklärerische Aufgabe ist in dieser Zeit, die sonst in reaktionärer Ratlosigkeit zu zerrinnen droht. Ich werde versuchen, die Denker, Ideen, Projekte und Positionen vorzustellen, die in diese Richtung weisen, nach vorne, ins Offene, ins Ungewisse.

Und ich werde weiter, wie bisher, den Kampf gegen das Neue beschreiben, die Kräfte und Interessen, die hier am Werk sind. Wir leben in faszinierenden, komplizierten Zeiten, deren Konturen sich erst langsam vor unser aller Augen ergeben. Das erzeugt ein Gefühl des Schwindels, eine Art hermeneutische Höhenangst. Es bietet aber auch die Möglichkeit, die Verhältnisse, so wie sie sind, komplett anders zu denken.

Manchmal muss man springen, um zu verstehen, wo man stand.

Korrektur: In einer früheren Fassung hieß es, in Charlottesville sei "You will not replace us" gerufen worden.

Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) befasst sich mit Selbstbestimmung und dem Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.
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insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
auweia 03.09.2017
1. Teilweise Zustimmung
Hinsichtlich des deutschen Isolationismus bzw. dem "Closing of the German Mind" hat der Autor sicherlich Recht. Ich leite daraus einen Aufruf zu mehr (auch militärischem ) Engagement im Ausland ab. Auf der anderen Seite: Das Alte kann doch gar so schlimm nicht sein wenn Deutschlands Beliebtheitswerte im Ausland so hoch sind und Touristen, Studenten, Armutsimmigranten... gerne zu uns kommen.
Profdoc1 03.09.2017
2. Sehr schön ...
und sehr passend; ich nenne das immer den "Cocoon der deutschen Selbstgefälligkeit", wobei die Diskussion als solche relativ alt ist. Wer international unterwegs ist und unterschiedliche Gesellschaften gesehen und erfahren hat, hat sich immer gefragt, wie Deutschland, auf einer Insel sitzend, so abgekoppelt von der Realität dieser Welt ist. Dieses ist nicht schön. Jetzt erwachen viele Menschen und sagen " Igitt, mach das weg!". Jedoch werden viele Menschen anerkennen müssen, dass es das Deutschland der 90er Jahre nicht mehr gibt und auch nie wieder geben wird. Dieser Prozess wird Jahre dauern, und so lange wird eine AfD ihre Fahnen hochhalten können. Irgendwann werden die Menschen jedoch bemerken, dass sie sich an die Realität zu adaptieren haben. Dass viele noch nicht soweit sind, läßt sich immer wieder in Foren beobachten (auch hier). Es wird der Politik, den Unternehmen, Verwaltungen, usw., usf. für alles Mögliche die "Schuld" gegeben ohne zu hinterfragen, ob und in wieweit die oder der Einzelne Beitäge für eine Gesellschaft leisten kann. Wir sind zu träge und wollen immer wieder in unseren Cocoon zurück.... eine nicht sehr realistische Haltung.
wahrsager26 03.09.2017
3. Widersprüchlich
Würde man das alles beherzigen,dürfte es keine Mahnungen aus der Vergangenheit geben,bei uns allgegenwärtig! Wer nur blind nach vorne( was heißt das?) strebt, ohne Lehren der Vergangenheit( auch technisch zu sehen) der wird vermutlich scheitern oder es schwer haben -lässt sich auch auf die Gesellschaft übertragen .Anstatt zu suchen ,was die deutsche Kultur ist,dürfte gerne gefragt werden:Was ist modern? Was ist das? Ich schreibe keine Beispiele,aber es gibt sie....und was für welche! Danke
wolle0601 03.09.2017
4. Jeder Zustand ist das Resultat verschuedener Kräfte
und "ich bin das Neue, Widerstand ist zwecklos" ist nicht mehr als eine der Komponenten in dieser Kräftegleichung. Man könnte es auch als eine der Waffen betrachten, mit denen die Advokaten oder Nutzniesser des Neuen versuchen, den Kampf zu gewinnen. Abgemacht, oder zwangsläufig, ist jedoch weniger als die Neomanen (um einen Taleb-Begriff zu verwenden) gerne hätten. Zum Beispiel:Die Robotisierung der Wirtschaft oder lokale regenerative Energiegewinnung kannauch einfach neue Möglichkeiten eröffnen, weniger abhängig von der Welt da draussen zu werden, ein Enabler für höhere Mauern, die vielleicht wirklich notwendig werden.
Höhe 03.09.2017
5. Ja, Herr Diez,
Sie kratzen nur an der Oberfläche mit Ihren Hinweisen zu Merkel/Schulz oder den Flüchtlingströmen, die schon vor Jahren bekannt, aber noch nicht unterwegs waren. Zur Anregung empfehle ich Ihnen die Lektüre von Yuval Harari: Homo Deus. Die Änderungen werden gewaltig sein, und wie immer wird die Gesamtrichtung überlagert von einem Hin und Her, einem Vor und Zurück. Wer also nur auf das Heute starrt, registriert die Gesamtrichtung nicht. Ihr Wunsch nach Vorne zu blicken ist daher ambivalent: Wie weit wollen Sie denn nach Vorne blicken? Ihre Pläne wirken eher kurzfristig.
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