Hat eigentlich Osama Bin Laden das Reisen auf dem Gewissen? Oder war es doch Friedrich August von Hayek, der Erfinder des Knochenbrecherkapitalismus? Eines steht fest: Es geht nicht mehr. Es ist nicht mehr möglich, mit Würde, mit Selbstrespekt, mit einem Mindestmaß an Menschlichkeit - und mit dem Flugzeug zu reisen.
Vielleicht wenn man 23 Jahre alt ist und Ozeanschwimmer und sonst vollkommen herz- und hirnlos. Aber eine Mutter mit drei Kindern? Ein Overachiever mit chronischen Rückenschmerzen? Ästhetisch oder moralisch empfindsame Menschen? Alte? Kranke? Behinderte?
Lasst alle Hoffnung fahren!
Die offensichtlichen Zumutungen begannen kurz nach dem 11. September 2001, die tiefer liegenden Zumutungen reichen weiter zurück. "Sicherheitstheater", so heißt das, was sich die Flugsicherheitsbehörden nach den Anschlägen von New York und Washington für uns ausgedacht haben. "Duty-free-Shop", so hieß früher mal das, was heute der ganze Flughafen ist.
Terrorismus und Kapitalismus haben eine der schönsten Utopien der Moderne zerstört, die Mobilität - in einer Kumpanei, die nicht so widersinnig ist, wie sie scheint, schließlich erschuf das eine, der Kapitalismus, das andere, den Terrorismus.
Und so stehen wir in Sicherheitschlangen und warten, dass wir unsere Gürtel ausziehen (oder auch nicht) und unsere Schuhe (oder auch nicht) und unsere Jacken (auf jeden Fall) - apathisch, stumpf, beherrscht, wir wissen ja, was wir zu tun haben, wir wissen ja, wie wir uns verhalten sollen, wir wissen ja, dass wir gehorchen müssen, es war gar nicht so schwer, uns das beizubringen: Wann in der Geschichte der Menschheit haben es eigentlich 19 Männer geschafft, das Leben und das Denken von Milliarden anderer so sehr zu beeinflussen?
Wann darf man noch sein iPad einschalten?
Und so laufen wir durch endlose Gänge, wir werden über Rollbänder geschoben, wir warten vor Bahnen, die uns einen Terminal weiter bringen oder zwei - und überall erwarten uns die gleichen Geschäfte, sie sind da, ob wir müde sind oder nicht, ob wir in Miami sind oder in München: Vertraut sich der Kapitalismus eigentlich nicht mal mehr selbst, dass er jetzt Anstalten baut, in die man Leute lockt, die etwas ganz anderes wollen, verreisen nämlich, und diese Leute sperrt man nun dort für ein paar überflüssige Stunden ein und wartet, bis sich schwach werden?
Und so bringen wir Stunden um Stunden zu in Räumen, in denen man nicht mal beerdigt sein will. Und so müssen wir früher und früher zum Flughafen kommen, weil das die Sicherheitskontrollen erfordern, die eine Idee vertreten, die nicht notwendig unsere ist. Und weil es die Luxusketten so wollen, die unseren Aufenthalt und unsere Langeweile in Konsum verwandeln wollen. Und so werden wir bis an die Grenze unserer Vernunft und darüber hinaus geführt. Denn wo sonst wird man gezwungen, jeden Blödsinn zu glauben, ach, Gürtel doch nicht ausziehen, ach, Flüssigkeiten doch nicht wegwerfen, ach, iPad doch nicht ausschalten bei Start und bei Landung?
Was gestern Lüge war, heißt heute Wahrheit.
Es herrscht hier immer Misstrauen, das muss langsam auch mal anthropologische oder wenigstens neuronale Konsequenzen haben, es herrscht hier immer der Verdacht, es herrscht auf den Flughäfen weltweit der "Ausnahmezustand": So hat der Philosoph Giorgio Agamben diese gegenwärtige Herrschaftspraxis genannt - Grundrechte zählen kaum, Freiheit zählt wenig, Würde zählt nichts, es regiert die Macht über das nackte Leben.
Der "Walk" als künstlerischer Widerstand
Was sind da schon die mittlerweile auf fast allen Flughäfen seltenen oder ganz fehlenden Gepäckwägen im Transitbereich, ein Widerspruch zum sonstigen Service-Tamtam und auch wieder eine Art Demütigung, mit halb ausgerissenem Arm wird jeder bestraft, der sich nicht einreiht ins Heer der Rollkofferzieher.
Was sind da schon die Meldungen vom "Großflughafen" BER (schon das "Groß" hätte einen stutzig machen sollen), dass einer der Gründe für die milliardenteure Verschiebung die Umbaupläne für die Shopping-Bereiche sind, die sich mehr und mehr in den Aufenthalts- und Passagierbereich hineingefressen haben.
Am Flughafen können wir beobachten, wie der Kapitalismus sich selbst auffrisst, wie sich das Freiheitsversprechen, das hier immer auch mitformuliert war, in sein Gegenteil verkehrt.
Und was wäre der Widerstand? Klar, nicht mehr fliegen. In England gibt es zum Beispiel die sogenannten Psychogeografen, Schriftsteller wie Will Self oder Iain Sinclair, die, kurz gefasst, den "Walk", also das Laufen, als künstlerische und auch ganz lebenspraktische Strategie gefunden haben.
Will Self etwa ist einmal aus der Londoner Innenstadt raus zum Flughafen Heathrow gelaufen. Er war ein Naturforscher am Nordpol, der in diesem Fall das Herz der Zivilisation war. Er war der erste Mensch, der es an diesen unwirtlichen Ort geschafft hatte.
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