Videokunst: Vatikan sucht den Super-Jesus

Von Ingeborg Wiensowski

Wie findet man den idealen Jesus? Der Künstler Christian Jankowski hat eine Castingshow mit realen Vatikan-Mitarbeitern in der Jury veranstaltet - die nun als Video in einer Stuttgarter Kirche zu sehen ist.

Am vergangenen Sonntag begann der Gottesdienst in der Stuttgarter Brenzkirche wie immer um 9.30 Uhr, und Pfarrer Karl-Eugen Fischer hielt ihn, wie immer, mit Orgelmusik und Liedern, der Begrüßung, Psalmen, der Predigt und mit Gebeten. Und trotzdem war nichts wie sonst. Voll war die Kirche, in der es sonst bei Gottesdiensten "schon sehr ruhig sein kann", und viele Besucher schmunzelten schon bei "Jesus ist kommen", dem ersten Lied, das gemeinsam gesungen wurde. Denn kein Titel hätte besser passen können zu dem, was hier während des Gottesdienstes gleichzeitig vor sich ging, nämlich die Ausstellungseröffnung für eine Video-Installation von Christian Jankowski, die "Casting Jesus" heißt und sechs Wochen lang zu sehen ist.

Direkt über dem Altar hat Jankowski, 44, Professor an der Stuttgarter Akademie der bildenden Künste, zwei Leinwände aufgebaut und damit das steinerne Christus-Altarbild des Stuttgarter Bildhauers Alfred Lörcher verdeckt. Gut so, denn im Video suchen drei Vertreter des Vatikan, der Priester Monsignore José Manuel del Rio Carrasco, der Kunstkritiker Sandro Barbagallo und der Journalist Massimo Giraldi "ihren" Super-Jesus in einer Castingshow aus. Dafür spielen die Kandidaten auf Ansage der Gottesexperten "Segnen" und wie es aussieht, wenn man Kranke heilt. Sie weinen und lachen, gucken gen Himmel, lassen sich verspotten, brechen Brot und zeigen sich im Profil und am Kreuz. "Bravissimo!", sagt der Monsignore begeistert und klatscht, dann verlangt er als letztes "stirb". Robin stirbt am besten, und am Schluss wird er als Jesus gewählt.

Dem Künstler selbst kamen fast die Tränen

"Casting Jesus? Soll das ein Witz sein?", fragt Pfarrer Fischer von der Kanzel, während das Video läuft, und er antwortet selbst, "nein - das ist der Witz an der Arbeit von Christian Jankowski." Auftragskunst von der Kirche habe es immer gegeben, aber Jankowski sei wohl "der erste Künstler, der die Kirche beauftragt, ein Jesusbild zu schaffen". Er sagt, dass der Mensch sich allgemein ein Bild macht und sich an dem Bild orientiert, das andere sich von ihm machen. Aber in der Bibel, 2. Mose, steht: "Mache dir kein Bildnis!" Weil Bilder weder Gott noch dem Menschen gerecht würden und oft trügerisch seien, sagt Fischer.

Und ist gleich wieder bei der Kunst. "Deshalb zielt das Bilderverbot auf einen kritischen Umgang mit Bildern. Deshalb brauchen wir Künstler, die unseren Blick offen halten, die uns immer wieder befreien von Bildern und Ideen, die sich festsetzen und uns beherrschen wollen, die uns einlullen und beherrschbar machen", sagt er, und schon sieht man das Video irgendwie anders an. Hier machen sich die Jesus-Kandidaten vor aller Augen zum Affen, und die Jury ist in ihrer eifrigen Ernsthaftigkeit genauso lächerlich.

Einen besseren Einführungstext habe er noch nie über seine Arbeit gehört, sagt Jankowski, und dass er geradezu überwältigt war von der Energie, die diese Gottesdienst-Vernissage hatte. "Als alle aufstanden, als gebetet wurde und die Orgel spielte, da kamen mir fast die Tränen." Gut, dass er die Fassung behielt, denn in der Mitte der Predigt wurde er gefragt, ob er ein Künstler sei, "der uns herausführt aus der Gefangenschaft unserer Vorstellungen", oder nur "der Hofnarr", der brav sein Kunststück zur Unterhaltung vorführe.

Jesus heute: Heulsuse, Waschlappen, Rotkäppchen?

Und weil ein "Gottesdienst mit Performance" angekündigt war, stieg Pfarrer Fischer von der Kanzel, tauschte mit Jankowski Talar gegen Jacke, Bank gegen Kanzel. Dort las Jankowski die Predigt bis zum Ende weiter, zum Beispiel über die Kunst des Künstlers, "Bilder, Sehgewohnheiten, Erwartungen zu brechen". Er las die christliche Sicht auf sein Video vor, "wer Gott sucht, findet am Ende immer den Menschen", war zu hören. Sympathisch, aber genau darin zeigt sich die Schwierigkeit, Jesus zu casten. "Für meine Zweitklässler war der Sieger der 'Waschlappen', den zweiten nannten sie 'Heulsuse', nur der Dritte der Endrunde fand Zustimmung und wurde 'Rotkäppchen' genannt", trägt Jankowski vor. Und fragt, ob dies "als Indiz für den Zustand einer Kirche" gesehen werden könnte, die "sich so einen Jesus wählt". Natürlich nicht. Jesus sei nicht der "Loser" am Kreuz, er stehe sogar vom Tode auf. Und daran zu glauben heißt, einer Haltung recht zu geben, die "aus Gewohnheiten aufbricht", die das "Unerwartete tut und mit dem Unerwarteten rechnet", und in der man nicht "rafft und hortet".

Am Schluss sagt Jankowski "Amen" und betet gemeinsam mit der Gemeinde "um die Offenheit, uns einzulassen" und um "Weisheit und Augenmaß" für die Kritiker, "hilf, dass wir glaubwürdig und wahrhaftig sind in unseren Bemühungen, dieses Kunstwerk zu verstehen in Zuspruch und Widerspruch".

Sechs Wochen lang ist das Video zu sehen, es gibt Führungen, Gespräche und Vorträge. Und den Sonntagsgottesdienst mit Predigt.


Casting Jesus. Stuttgart, Brenzkirche, bis 1.7.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Der falsche Vertreter Gottes.
allereber 22.05.2012
Jesus hätte diesen korrupten Vatikan schon längst verlassen.
2. In fernster Zukunft
favela lynch 22.05.2012
Nur eine evangelische Kirche kann sich in ihrer Verweltlichung für einen solchen Trash hergeben. Dank solcher Pfaffen, die sich nur all zu willfährig missbrauchen lassen. Das Corpus mysticum ist kein Swingerclub von Trends. Dem "Künstler" kann man allerdings dafür danken, dass er zu exerzieren verstand, warum die Kirche dringend entweltlicht werden muss. Beten wir weiter für eine Ökumene in fernster Zukunft.
3. Die Schöpfung ist wunderbar
supercat71 22.05.2012
Zitat von sysopWie findet man den idealen Jesus? Der Künstler Christian Jankowski hat eine Casting-Show mit realen Vatikan-Mitarbeitern in der Jury veranstaltet - die nun als Video in einer Stuttgarter Kirche zu sehen ist. Der Künstler Christian Jankowski lässt Jesus casten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,834258,00.html)
Und es zeigt sich mal wieder, dass Gott Humor hat. Dagegen haben die ganzen sauertöpfischen Diebe seiner frohen Botschaft, kein Quäntchen davon.
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