Der letzte Tango in Paris Vom Missbrauch eines Machtgefälles

Marlon Brando und Bernardo Bertolucci zwangen der damals 19-jährigen Maria Schneider in "Der letzte Tango in Paris" Missbrauchsszenen auf. Bekannt ist das seit Jahren: Warum wird es jetzt zum Skandal?

DDP

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Für die damals 19-jährige Schauspielerin Maria Schneider war "Der letzte Tango in Paris" von 1972 der Beginn eines sehr steilen Aufstiegs und eines sehr tiefen Falls. Sie hat, das ist bekannt, ihren Ruhm, der mit einem weltweit als Skandalfilm wahrgenommenen Werk begann, nicht gut verarbeitet.

Der Film von Regisseur Bernardo Bertolucci durfte in vielen Ländern nicht gezeigt werden. Er und Hauptdarsteller Brando wurden in Italien wegen "Obszönität" zu Bewährungsstrafen verurteilt. Vielen gilt der "Tango" noch heute als anstößig, in manchen Ländern als pornografisch.

Sein Inhalt: In einer fast leeren Wohnung treffen sich ein alternder Amerikaner (Marlon Brando) und eine jugendliche Französin (Schneider), um zu reden und für zunehmend abseitigeren Sex. Die Reaktionen von Publikum und Kritik schwankten zwischen Bewunderung und Ekel.

Jetzt, Anfang Dezember 2016, kommt wieder Empörung dazu. Seit Samstag debattieren eine Reihe Prominenter öffentlich darüber, was Brando und Bertolucci der 19-jährigen Maria Schneider in und mit dem Film antaten. Im Mittelpunkt der Debatte steht die wohl berüchtigtste Szene des Films:

Schneider betritt die Wohnung, Brando sitzt an einer Wand lehnend auf dem Boden. Sie beginnt, mit ihm zu reden, er herrscht sie an, sie solle die Butter holen. Sie gehorcht und wirft sie ihm vor die Füße. Die zwei reden, sie setzt sich einige Meter entfernt von ihm hin. Er nähert sich ihr und holt die Butter mit dem Fuß nach. Vermeintlich spielerisch dreht er sie auf den Bauch. Dann zieht er ihre Hose herab, greift in die Butter und reibt sie ihr zwischen die Beine. Sie beginnt, sich zu wehren, er hält sie und beginnt, sie anal zu penetrieren.

Zwar simuliert, aber offenbar ohne Schneiders Zustimmung. In einem Interview vor Publikum sagte Regisseur Bernardo Bertolucci im Jahr 2013: "Ich hatte die Idee mit Marlon, am Morgen vor dem Dreh. Aber ich habe mich in gewisser Hinsicht sehr schlecht gegenüber Maria verhalten, weil ich ihr nicht gesagt habe, was passieren würde. Ich wollte ihre Reaktion als Mädchen, nicht als Schauspielerin."

Eine unangekündigte anale Vergewaltigungsszene im Namen der künstlerischen Authentizität? "An alle Leute, die diesen Film lieben", twitterte am Samstag die Schauspielerin Jessica Chastain, "Ihr seht Euch an, wie eine 19-Jährige von einem 48 Jahre alten Mann vergewaltigt wird. Der Regisseur hat diese Attacke geplant. Mir ist schlecht."

Sie begann damit eine Debatte zwischen Prominenten und Filmfans, die sich zurzeit quer über sämtliche sozialen Medienplattformen verbreitet. Bertolucci und Brando, sekundiert da auch Chastains Schauspielkollege Chris Evans, hätten dafür hinter Gitter landen sollen.

Warum jetzt?

Warum es drei Jahre dauerte, bis Bertoluccis Aussage eine derart starke Reaktion verursachte, ist eine Frage von Kontexten. Eigentlich wurde das Video bereits am 5. Februar 2013 veröffentlicht. Bei YouTube sammelte es seitdem rund 675.000 Aufrufe.

Bertolucci ließ sich vor studentischem Publikum an einer Universität in den Niederlanden interviewen. Die skandalöse Aussage war im Wortsinn ein Geständnis: Bertolucci erzählt sie als Teil der Erklärung, warum Schneider ihn hasste und nach 1976 nie wieder mit ihm sprach. Brando und er hätten die junge Frau manipuliert, erzählt er, und ihr psychische Gewalt angetan: "Ich fühle mich deshalb schuldig."

Das macht nichts besser oder ungeschehen. Aber es macht zumindest ein wenig verständlicher, warum es damals nicht zum Skandal wurde.

Dass dies nun doch noch geschah, bewirkte eine Wiederauflage des Interviews in anderem Kontext: Am 23. November 2016 veröffentlichte die spanische Non-Profit-Organisation "El Mundo de Alycia", eigentlich tätig im Bereich Ergo- und Psychotherapie, das Bertolucci-Interview durch die "Teilen"-Funktion von YouTube erneut. Gedacht war das als Beitrag zum "Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen" am 25. November. Das Video sammelte in dieser Kopie erneut rund 505.000 Aufrufe (Stand 4. Dezember 2016, 11 Uhr: weiter steigend).

Am 29. November ließ die in Berlin lebende Sandra Sanchez mit Bezug auf dieses Video eine Petition bei Change.org folgen, in der sie die "Academy of Motion Picture Arts and Sciences" dazu aufruft, Bertolucci und Brando ihre Oscars abzuerkennen. So erfuhr wohl Chastain von dem niederländischen Bertolucci-Interview. Sie twitterte ihren Kommentar dazu, und das Video begann, erneut die Runde zu machen.

Der eigentliche Skandal

Schon das macht die derzeitige Debatte zu einem Skandal mit langem Anlauf. Dass ein weltberühmter Regisseur und ein schon damals als Großschauspieler verherrlichter Mime eine Jungschauspielerin emotional manipulierten und die 19-Jährige hohem psychischen Stress und demütigenden sexuellen und gewalthaltigen Szenen aussetzten, ist ohne jede Frage skandalös.

Aber es endet da nicht. Eine Vergewaltigung ist der Missbrauch eines Machtgefälles. Ein Mächtiger zwingt einem Schwächeren etwas auf, verletzt dessen sexuelles Selbstbestimmungsrecht. Sah sich die bereits 2011 gestorbene Maria Schneider als Opfer?

Durchaus, es interessierte nur niemanden.

Schneider spielte nach dem "Tango" noch rund 50 weitere Rollen, ohne an ihren Anfangserfolg anschließen zu können oder auf dieser Linie anschließen zu wollen: Sie weigerte sich, noch einmal nackt vor die Kamera zu treten, und sehr früh machte sie klar, warum nicht. Bereits in den Siebzigern erklärte sie, sich von Bertolucci und Brando manipuliert und missbraucht gefühlt zu haben, mehrfach mit Bezug auf die Butter-Szene. Ihr Hass für den Regisseur wurde zum Teil des Mythos des Films.

Letztlich war das die Verlängerung des Missbrauchs. Am 19. Juli 2007 veröffentlichte die englische Zeitung "Daily Mail" ein Interview mit Schneider, in dem sie noch einmal aus ihrer Perspektive erzählte, wie es zu der Butter-Szene kam. Ihr zufolge hätte Bertolucci sie morgens am Set mit der Idee überfallen: Sie habe nicht im Skript gestanden. "Eigentlich hätte ich meinen Agenten anrufen sollen", sagte sie im Interview, "aber das wusste ich damals nicht."

Das deckt sich nicht ganz mit Bertoluccis Darstellung im Video, aber das macht den Skandal nicht kleiner. Bertolucci sagt: Ich habe ihr das zugemutet. Schneider sagt: Ich wagte nicht, diesen Größen zu widersprechen. Beides beschreibt den Missbrauch eines Machtgefälles.

Im Laufe der Jahre äußerte sich Schneider immer deutlicher in dieser Sache, vielleicht auch, weil sich das Verständnis des Vergewaltigungsbegriffes wandelte. "Ich fühlte mich von Brando vergewaltigt", sagte sie schließlich im Interview 2007.

Das macht klar, wo der eigentliche Skandal liegt: Nicht im wiederentdeckten Bertolucci-Interview. Sondern darin, dass das alles seit Jahrzehnten bekannt war und niemanden kümmerte. Was Schneider sagte, traf auf weniger Verständnis als die männlichen Reuebekundungen mit ihrer steten Einschränkung: Man tat es ja für die Kunst.

"Ich habe es verpasst, sie dafür um Verzeihung zu bitten", sagte Bertolucci in mehreren Interviews. Nach Schneiders Tod.



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