Archäologie-Dokumentation: Der Mann, der Nofretete verschenkte

Von Ingeborg Wiensowski

Die Schlangen werden lang sein vor der Nofretete-Ausstellung in Berlin, die am Wochenende beginnt. Wem das Neue Museum die berühmte Büste zu verdanken hat, zeigt nun eine Fernsehdokumentation: dem lange vergessenen jüdischen Mäzen James Simon.

Archäologie-Dokumentation: Der Mann, der Nofretete verschenkte Fotos
ZDF

Berichte über die schöne und berühmte Nofretete im Neuen Museum in Berlin, die genau vor 100 Jahren in den Ruinen des ägyptischen Amarna im Haus des Bildhauers Thutmose gefunden wurde, gibt es in diesen Tagen so einige zu lesen. Denn die circa 50 Zentimeter hohe Büste steht im Mittelpunkt der Ausstellung "Im Licht von Amarna. 100 Jahre Fund der Nofretete", die am 7. Dezember beginnt und bis zum 13. April 2013 läuft. Zu sehen sind mehr als 400 Ausgrabungsfunde, die das Berliner Museum zum großen Teil erstmals zusammen ausstellt. Im Rahmen dieser Ausstellung wird auch der Name James Simon auftauchen, der dem Museum nicht nur die Nofretete geschenkt hat, sondern auch alle anderen Grabungsfunde aus Amarna.

Nur wenige kennen die Geschichte des Berliner Unternehmers und Mäzens Simon. Das soll sich ändern, denn für ein breites Fernsehpublikum erzählt nun ein 45-Minuten-Dokumentarfilm mit spielfilmartigen Ergänzungen die Lebensgeschichte von James Simon und die Geschichte seines Mäzenatentums. "Der Mann, der Nofretete verschenkte - James Simon, der vergessene Mäzen" heißt der Film, gedreht von der Fernsehjournalistin Carola Wedel. Es ist die erste Dokumentation über den größten und großzügigsten Stifter, den Berlin je hatte.

Warum kennt trotzdem kaum jemand den Namen dieses Mannes? Weil James Simon ein preußischer Jude war, und weil die Nationalsozialisten in ihrem Rassenwahn auch die Erinnerung an prominente Juden auszulöschen wollten. Denn es sollte nicht sein, dass Simon, wie viele andere aus dem jüdischen Bürgertum, einen großen kulturellen Beitrag zur deutschen Kultur geleistet und vieles zur Lösung sozialer Problemen beigetragen hatten. James Simon blieb nach dem Zweiten Weltkrieg vergessen, in der Bundesrepublik wie in der DDR.

Simon schenkte dem Museum das Ischtar-Tor

Der Film beginnt mit kurzen nachgespielten Szenen der Ausgrabung. Gegen Mittag am 6. Dezember 1912 findet der Archäologe Ludwig Borchardt, der bereits drei Jahre in Amarna gräbt, die farbige Büste und gräbt sie mit den bloßen Händen aus. "3000 Jahre hat sie im Wüstensand überlebt - Nofretete". Die nächsten, ebenfalls gespielte Szenen zeigen den jungen James Simon am Schreibtisch, ihm gegenüber die Büste der ägyptischen Königin. Simon war es, der die Grabungen jahrelang finanziert hatte und der deshalb der rechtmäßige Besitzer der Hälfte aller Grabungsfunde war. "Sie ist eine Schönheit", sagt er und zitiert Borchardt: "Beschreiben nutzt nichts, man muss sie ansehen." Im Februar 1913 war die Nofretete in Berlin angekommen, 1920 schenkte er sie dem Museum.

Der Film erzählt über Simon und sein Mäzenatentum für Berlin, das gerade auf dem Weg zur Metropole ist. Bilder von Simons Villa am Tiergarten, die es heute nicht mehr gibt, werden gezeigt, das damalige Berlin mit seiner Industrie, seinen Banken und der Börse, und die neu gebaute Nationalgalerie mit antiken Skulpturen und Gemälden, die 1876 eröffnet wurde, aber im Vergleich mit anderen Museen in Paris oder London wenig Kunstobjekte hatte.

Simon engagierte sich. Er schenkte dem Museum 1885 zuerst ein Renaissance-Gemälde, dann das Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße aus Babylon, eine bedeutende Renaissance-Sammlung, wichtige Werke des Mittelalters, Goldmünzen oder einzelne Gemälde von heute unschätzbarem Wert von Rembrandt, Bellini oder Mantegna. Sie sind heute die Highlights des Museums.

Wohltätigkeit war ein Gebot

Zu Wort kommen im Film seine Urenkelin Irene Bader, die über sein Selbstverständnis als Jude und Preuße und über die Familie spricht. Olaf Matthes, Historiker, Forscher und Kenner von Simons Biografie, erzählt die Lebensgeschichte Simons: 1851 in der Oranienburger Straße geboren, wuchs Simon in einer liberalen Familie auf, Graue-Kloster-Schule mit bestem Abitur. Er durfte aber nicht Altertumswissenschaften studieren, sondern musste in die Firma eintreten. Simon sei "von heute kaum vorstellbarer Selbstlosigkeit" gewesen, sagt Matthes. Der Erfolg im Baumwollgroßhandel "Gebrüder Simon" mit fünfzig Millionen Reichsmark Umsatz und sechs Millionen Reichsmark Reingewinn erlaubte es ihm.

Wohltätigkeit war ein Gebot unter den jüdischen Familien, normalerweise spendete man zehn Prozent seines Einkommens, Simon gab mehr als 25 Prozent, nicht nur an Museen und Kulturinstitutionen, er engagierte sich mäzenatisch noch mehr im sozialen Bereich, baute 1889 öffentliche Volksbadeanstalten mit Wannen und Duschabteilungen, gründete einen Verein für "Ferienkolonien", um Kindern, die arbeiteten, wenigstens eine Erholung zu bieten, und eröffnete 1906 ein großes Haus in Zehlendorf für misshandelte Kinder, in dem sie leben und einen Beruf erlernen konnten. Es steht noch heute. Auch für die osteuropäischen Juden engagierte er sich in einem Verein und gab mehrere Millionen Mark für deren Massenauswanderungen nach Südamerika, Palästina oder in die USA, denn in Deutschland konnten sie nicht bleiben, weil der Antisemitismus mehr und mehr im Bürgertum Fuß fasste.

Auch Simons Geschichte geht nicht gut aus, er musste sein Unternehmen 1925 schließen, zahlte 24 Millionen seines Privatvermögens in die Rentenkasse seiner Angestellten ein, verkaufte die Villa und zog in eine Wohnung im Westen der Stadt. Als Forderungen der Ägypter laut wurden, die Nofretete zurückzugeben, schrieb er einen Brief an die Museen, dass er das wünsche und erinnerte an eine frühere Abmachung, in der das Museum das versprochen hatte. Aber das Kulturministerium hielt sich nicht daran, genau wie auch nicht an andere Versprechen. Erbost gab Simon seine Einladung zur Eröffnung des Pergamonmuseums zurück und starb verbittert und alleingelassen im Mai 1932.

Demnächst wird Simons Name endlich auch im Museum präsent sein, denn der noch im Bau befindliche neue Eingangsbereich auf der Museumsinsel soll "James-Simon-Galerie" heißen. Das wünscht man sich, wenn man Wedels gut recherchierten Film gesehen hat. James Simons Lebensgeschichte ist nicht nur Kultur- und Museumsgeschichte, sondern auch exemplarisch die Geschichte der deutschen Juden aus dem Bürgertum und damit deutsche Historie.


Film:
"Der Mann, der Nofretete verschenkte - James Simon, der vergessene Mäzen".

Samstag, 8.12. um 20.15 Uhr auf 3sat.
Wiederholungen im ZDF: 9.12.2012, 0.45 Uhr;
Wiederholungen auf ZDFinfo:
22.12.2012, 17.15 und 24 Uhr; 23.12.2012, 10.45 Uhr; 27.12.2012, 8 Uhr.

Ausstellung:
"Im Licht von Amarna. 100 Jahre Fund der Nofretete".
Berlin. Neues Museum,
7.12.2012-13.4.2013.

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1. Ja!
Layer_8 04.12.2012
Zitat von sysopDie Schlangen werden lang sein vor der Nofretete-Ausstellung in Berlin, die am Wochenende beginnt. Wem das Neue Museum die berühmte Büste zu verdanken hat, zeigt nun eine Fernsehdokumentation: dem lange vergessenen jüdischen Mäzen James Simon. Der Mäzen James Simon verschenkte Nofretete ans Neue Museum in Berlin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-maezen-james-simon-verschenkte-nofretete-ans-neue-museum-in-berlin-a-870716.html)
zum Glück gab es Menschen wie James Simon. Diese Leute bewahrten Kulturerbe unermesslichen Wertes. Kulturerbe der ganzen Menschheit. Ishtar-Tor, Nofretete, etc. für die Nachwelt, nicht nur in Berlin, auch in London und Paris. Wenn man heutzutage sieht, dass in den heutigen Ländern der Funde häufig Barbarei herrscht und/oder das Mittelalter neu ausbrach/ausbrechen wird, Iran, Iraq, Pakistan, Syrien, Ägypten...
2. wieso verschenkt
emporda 04.12.2012
Wer in einem fremden Land ein wichtiges Teil der fremden Kultur an sich nimmt, der hat es geklaut. Geklautes kann man weder verschenken noch verkaufen, man wird zum Hehler Ob man einen derartigen Gegenstand mit Billigung der Herrscher "erwerben" sollte, nachdem man diese Typen kräftig geschmiert hat, das wage ich zu bezweifeln
3.
fredadrett 04.12.2012
"der deshalb der rechtmäßige Besitzer der Hälfte aller Grabungsfunde war." Ich denke das sehen die Ägypter, Iraker und Iraner anders. Hier wurden eindeutig Kunstschätze verschleppt und auf welchen Rücken er seine Millionen verdient hat ist auch fraglich. Wenn man sein Geld mit Ausbeutung verdient ist es leicht einen Teil zu für wohltätige Zwecke zu verwenden.
4. nette Fälschung
lizard_of_oz 04.12.2012
Zitat von sysopDie Schlangen werden lang sein vor der Nofretete-Ausstellung in Berlin, die am Wochenende beginnt. Wem das Neue Museum die berühmte Büste zu verdanken hat, zeigt nun eine Fernsehdokumentation: dem lange vergessenen jüdischen Mäzen James Simon. Der Mäzen James Simon verschenkte Nofretete ans Neue Museum in Berlin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-maezen-james-simon-verschenkte-nofretete-ans-neue-museum-in-berlin-a-870716.html)
Wer glaubt denn ernsthaft, dass nach 3500 Jahren im Wüstensand die Züge und Farben noch so gut erhalten sind? Das ist keine Marmorbüste oder Goldmaske wo das vielleicht noch möglich wäre. Es handelt sich vielmehr mit großer Wahrscheinlichkeit um ein Produkt aus dem 19. oder 20 Jhd.. Passt ja auch perfekt zum damaligen Zeitgeist. Alle anderen Überbleibsel aus Eschnatons Lebenszeit sind mehr oder weniger stark zersetzt, ausgerechnet diese Büste sieht aus wie vor max. 100 Jahren gemacht... Eine großartige Fälschung, da zu gut erhalten, war ursprünglich vielleicht noch nicht einmal als Fälschung gedacht, aber wenn die Leute das unbedingt so sehen wollen. Beispielsweise sind alle Farben nahezu perfekt und gleichgut erhalten, da freut sich der Chemiker der weiß wie die gemacht werden.
5.
SmarterAlsDu 04.12.2012
Zitat von sysopDie Schlangen werden lang sein vor der Nofretete-Ausstellung in Berlin, die am Wochenende beginnt. Wem das Neue Museum die berühmte Büste zu verdanken hat, zeigt nun eine Fernsehdokumentation: dem lange vergessenen jüdischen Mäzen James Simon. Der Mäzen James Simon verschenkte Nofretete ans Neue Museum in Berlin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-maezen-james-simon-verschenkte-nofretete-ans-neue-museum-in-berlin-a-870716.html)
Aha, so nennt man das also, wenn man nichts besseres zu tun hat, in anderen Ländern den Boden umzugraben und sich das fremde kulturelle Erbe unter den Nagel zu reißen.
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