"Der Multikulti-Irrtum" Plädoyer für einen muslimischen Luther

Tabulos, bissig, scharfsinnig: So attackiert die Frauenrechtlerin Seyran Ates in ihrem neuen Buch die gescheiterte Integration muslimischer Migranten in Deutschland. Aber bloße Kritik reicht ihr nicht: Sie fordert eine neue, europäische Leitkultur.

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Berlin - Wenn Seyran Ates das Wort ergreift, führt das häufig zu scharfen Debatten: Die Berliner Anwältin ist - zusammen mit Necla Kelek - eine der streitbarsten Figuren in der deutschen Integrationsdebatte. Ihre Kontrahenten unterstellen ihr gerne, zu übertreiben und zu verallgemeinern, wenn sie Gewalt gegen Frauen in der türkischen Community anprangert.

"Multikulti"-Kritikerin Ates: Streitbare Figur in der deutschen Integrationsdebatte
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"Multikulti"-Kritikerin Ates: Streitbare Figur in der deutschen Integrationsdebatte

Ates selbst attackiert dagegen unermüdlich die "Mulitkulti-Fanatiker". Deren als Toleranz verkleidetes Desinteresse gegenüber Einwanderern sei Schuld an dem "fürchterlichen Nebeneinander der Kulturen"; besonders die Vertreter der konservativen muslimischen Verbände kümmerten sich nicht um eine erfolgreiche Integration der Zuwanderer.

Vier Jahre nach ihrer Autobiografie "Große Reise durch das Feuer" hat Ates jetzt mit "Der Multikulti-Irrtum" ein neues Buch vorgelegt. Darin rechnet sie mit der deutschen Einwanderungspolitik der vergangenen Jahrzehnte ab und schildert schonungslos, wie Mädchen und Frauen in der muslimischen Community in Deutschland unterdrückt werden.

"Du machst deine Arbeit, dann du bekommen dein Geld!"

Auch das Zeugnis, das die Juristin der deutschen Gesellschaft ausstellt, ist ernüchternd: Selbst sie, die seit mehr als 30 Jahren hier lebt, fühlt sich nicht richtig integriert. "Mir fehlt mein Gegenüber, das mich ebenso als ein Teil dieser Gesellschaft anerkennt, wie ich es anerkenne."

Die soziale Abwertung der Einwanderer in Deutschland spiegle sich bereits in der Schwierigkeit wider, sie angemessen zu bezeichnen. Aus "Gastarbeitern" wurden zunächst "Ausländer", dann "ausländische Mitbürger", später "Deutsche türkischer Herkunft" - und nach dem 11. September schließlich "Muslime". Ates selbst schlägt den Begriff "Deutschländer" vor - auch wenn er für in Deutschland lebende Türken in der Türkei zunächst negativ konnotiert gewesen sei.

Ates erzählt eindrucksvoll die traurige Geschichte der türkischen Migranten in Deutschland. Von der ersten Generation, die oft mit "Tarzan-Deutsch"-Sätzen wie: "Du machen deine Arbeit, dann du bekommen dein Geld", abgespeist wurde. Vom Schicksal der wurzellosen zweiten Generation (ihrer eigenen), für die ein Aufstieg durch Bildung in deutschen Schulen mit ihren "Ausländerklassen" reine Glückssache waren. Und sie zieht ein trauriges Resümee über die heutigen "Deutschländer", die dritte Generation, die kaum mehr als "zweisprachige Analphabeten" seien.

Das Herz herausgeprügelt

Wie aber dem Integrationsdilemma begegnen? Wer wirklich integrieren will, muss sich an der Situation der Frauen orientieren - das ist eine von Ates' zentralen Thesen. Und deren Probleme schildert sie tabulos - von der Kopftuchfrage bis hin zum "Jungfräulichkeitswahn". Sie schreibt von Frauen, die um ihr Leben fürchten, weil sie gegen die Vorstellungen ihrer Verwandten verstoßen, aber gleichzeitig ihre Familie nicht verlieren wollen. Sie schreibt von Frauen, "denen das Herz herausgeprügelt" worden sei.

Ehrenmorde, sexuelle Gewalt, Zwangsheiraten - können solche Verbrechen gegen Frauen sogar mit dem Koran gerechtfertigt werden? Ates kommt zu dem Schluss, dass sich in der Einwanderer-Community vor-islamische Ehrvorstellungen mit religiösen Werten vermischt hätten. Ihre Forderung: Eine seriöse Forschung darüber, ob der Koran und die Scharia Verbrechen wie Ehrenmorde nicht nur legitimieren, sondern sogar fordern. Dabei verweist die Autorin auch auf ernstzunehmende Stimmen, die argumentieren, Islam und Feminismus seien durchaus vereinbar.

"Kulturpluralismus mit Wertekonsens"

Am Ende des Buches erklärt Ates ihre Vision: eine transkulturelle Gesellschaft, in der die Grenzen verwischen und sich ein Gleichgewicht der Kulturen eingestellt hat. Auf dem Weg dorthin seien zwei Dinge notwendig: erstens eine Reform des Islam. Die religiöse Deutungshoheit müsse den "Fundamentalisten" entrissen werden. Erforderlich sei eine zeitgemäße Auslegung der Scharia - und ein "islamischer Luther". Der Weg zur Erneuerung des Islam könne nur über dessen Entpolitisierung führen.

Zweitens wünscht sich Ates eine "europäische Leitkultur". Dabei gehe es um das Gegenteil einer "Blut- und Boden"-Idee - nämlich um einen "Kulturpluralismus mit Wertekonsens".

Wer wie Ates über Missstände berichtet und mutig Tabus bricht, verdient allen Respekt - unabhängig davon, ob sie etwa für die Gewalt an Frauen möglicherweise zu hohe Opferzahlen annimmt.

Ihre Kritk an Linken und Liberalen, die sie als "Multikulti-Fanatiker" abwatscht, ist dagegen bisweilen redundant.

Und zwar verweist Ates darauf, dass Muslime in Deutschland eine sehr heterogene Gruppe sind und der Islam sehr vielfältig ist. Nur: Sie hätte dieser Einschätzung mehr Gewicht und Raum in ihrem Buch verschaffen sollen. Nicht um zu beschönigen, sondern weil die Integrationsdebatte an einen Punkt gelangt ist, an dem drastische Kritik um die präzise Schilderung verschiedener Lebensformen eines liberalen Islam und einer liberalen Kultur erweitert werden sollte.

Dennoch: Was den "Multikulti-Irrtum" äußerst lesenswert macht, sind - außer den eindrücklichen Berichten aus Ates' Familie - ihre vielversprechenden gesellschaftspolitischen Ansätze, ihre klugen Vorschläge zur Bildungs- und Integrationspolitik.


Seyran Ates: "Der Multikulti-Irrtum. Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können", Ullstein, 18,90 Euro



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