Graffiti-Künstler P-183 Der Russe mit der Hasskappe

Mit Molotow-Cocktails und Sturmhaube gegen das Establishment: Der Street-Art-Künstler P-183 hat sich mit Guerilla-Aktionen den Ruf erarbeitet, Russlands Antwort auf den Weltstar Banksy zu sein. Der Vergleich hat nur einen kleinen Schönheitsfehler - der Moskauer sagt öffentlich, was er will.

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Von , Moskau


Wenn sich Dunkelheit über die Häuserschluchten von Moskau legt, streift Pawel, 28, braunes Stoppelhaar, seinen dunklen Anorak über und eine schwarze Sturmhaube. Er pirscht in Hinterhöfe, wirft mit einem Diaprojektor phantomhafte Bilder an Hauswände oder hängt rote Christbaumkugeln in den Stacheldraht eines Untersuchungsgefängnisses, das den schönen Namen Matrosenruhe trägt. Der Knast ist berüchtigt, weil hier Michail Chodorkowski einsaß und der Anwalt Sergej Magnitskij, der 2009 in Haft starb, nachdem man ihm den Besuch eines Arztes verwehrt hatte.

Bekannt geworden ist Pawel unter dem Pseudonym P-183. TV-Teams und Reporter aus Russland und ganz Europa interessieren sich für ihn. Er sitzt an einem Schreibtisch des Winsawod, einer ehemaligen Kellerei, die heute von Künstlern genutzt wird. Pawel lädt sein Handy auf - zum dritten Mal an diesem Tag. Er ist gefragt.

Die Londoner Tageszeitung "The Guardian" hat die Arbeiten von P-183 mit jenen von Banksy verglichen, dem britischen Street-Art-Star, der schon einen Vorspann für die Simpsons gezeichnet hat, von dem man bis heute aber kaum mehr weiß, als dass er irgendwo bei Bristol wohnen soll.

Das klang griffig und war als Kompliment gemeint; es bezog sich auf die Kunst selbst und auf das Spiel beider mit der Anonymität. Doch Pawel, der seine Werke oft nicht einmal unterzeichnet, hasst diesen Vergleich. Und die Sturmhaube muss ihn neuerdings nicht nur auf seinen nächtlichen Streifzügen schützen, sondern auch vor zu großem Ruhm. Ohne die Mütze lässt sich Pawel nicht fotografieren - also auch nicht jetzt, da er sie gerade abgelegt hat. "Was ich tue, ist bedeutsamer, als wer ich bin", sagt er. "Die Menschen sollen meine Arbeiten kennen, nicht mein Gesicht." Aber immerhin: Im Gegensatz zu Banksy redet er über seine Kunst.

Erweckungserlebnis in den Achtzigern

Wenn es seiner Arbeit dienlich ist, wirft Pawel auch mal einen Molotow-Cocktail. "Brücken-Brandstifter" heißt sein berühmtestes Bild. Es zeigt einen Vermummten, den Pawel mit schwarzer und weißer Farbe an die Pfeiler einer Moskauer Brücke gesprüht hat. In der rechten Hand hält die Figur eine Fackel unter die vor ihm liegende Brücke. Damit die zumindest ein einziges Mal wirklich brennt, hat Pawel eine mit Benzin gefüllte Bierflasche angezündet und gegen die Brücke geschleudert. Das Bild, sagt er etwas kryptisch, sei "all jenen gewidmet, die Brücken anzünden, über die sie gehen könnten. Es ist für alle, die bewusst auf etwas Großes verzichten, um etwas Bedeutenderes zu bewahren".

Die etwas verquer klingende Aussage und das "Brücken-Brandstifter"-Bild sagen andererseits dann doch viel über Pawels Selbstverständnis. Wenn zum Beispiel das russische Staatsfernsehen bei ihm anruft, das seine Kunstwerke Millionen Zuschauern zeigen und ihn auf einen Schlag berühmt machen könnte, legt er schnell auf, weil er den TV-Sender als Propaganda-Maschine des Kremls verachtet. Auf Großes verzichten. Bedeutenderes bewahren.

Pawel malt, seit er mit 14 Jahren in einem Moskauer Hinterhof vor einer Wand stand, an der Fans den russischen Rockstar Wiktor Zoi mit Kritzeleien und kleinen Bildern ehren. "Das war mein Erweckungserlebnis", sagt er. Zoi war Ende der achtziger Jahre eine sowjetische Berühmtheit. Als er 1990 bei einem Autounfall starb, erschütterte eine Selbstmordserie unter seinen Fans das ganze Land.

Zoi sang über den Drang der Jugend nach Wandel - und über ewige Zweifel. Mittlerweile ist Pawel so alt wie der Sänger, als er starb. In dessen Textzeilen aber findet er sich noch immer wieder: "Sie sagen, sie dürfen nichts riskieren, weil sie ein Haus haben, im Haus brennt Licht. Und ich weiß auch nicht genau, wer von uns Recht hat, aber mich erwartet auf der Straße der Regen, sie dagegen erwartet zuhause das Mittagessen. Schließ die Tür hinter mir, ich gehe."

Pawel greift seine Sturmmaske und packt sie in seinen Rucksack. Dann bricht er auf, wieder hinaus, auf die Straße.



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Seite 1
glad07 03.04.2012
1. Kein Titel
Zitat von sysop183art.ruMit Molotow-Cocktails und Sturmhaube gegen das Establishment: Der Street-Art-Künstler P-183 hat sich mit Guerilla-Aktionen den Ruf erarbeitet, Russlands Antwort auf den Weltstar Banksy zu sein. Der Vergleich hat nur einen kleinen Schönheitsfehler - der Moskauer sagt öffentlich, was er will. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,825177,00.html
Was uns Herr Bidder mit diesem Artikel sagen will erschliesst mir nicht ganz. Von diesen Typen die öffentliches Eigentum verunstalten gibt's hier in Deutschland auch genug (für meine Garage mussten vor kurzem wegen solcher Idioten die Rücklagen erhöht werden) Aber das der Gefängnis Matroskaja Tischina erst seit Hodorkowski berühmt wurde ist Quatsch. Den gibt's schon seit ca. 200 Jahren.)
ra-live 03.04.2012
2. was schreiben Sie denn da?
Zitat von glad07Was uns Herr Bidder mit diesem Artikel sagen will erschliesst mir nicht ganz. Von diesen Typen die öffentliches Eigentum verunstalten gibt's hier in Deutschland auch genug (für meine Garage mussten vor kurzem wegen solcher Idioten die Rücklagen erhöht werden) Aber das der Gefängnis Matroskaja Tischina erst seit Hodorkowski berühmt wurde ist Quatsch. Den gibt's schon seit ca. 200 Jahren.)
Also , ich finde, dass Herr P-183 die kahlen Betonwände schöner macht. Ich finde auch, dass viele Garagenhöfe in Deutschland mit Graffiti besser aussehen als ohne. Ich gebe Ihenen recht, dass viele Sprayer über das "Schmierer"-Niveau nicht hinauskommen. Und ich finde es schön, dass Herr P-183 Ideale hat, die Ihnen anscheinend fehlen. Niemand zwingt sie, Ihre Garage zu versichern.
Bernd² 03.04.2012
3. Er hasst vielleicht den Vergleich...
aber sich so dreist an der Banksy Ästhetik zu bedienen ist schon ein starkes Stück. Nicht nur die wie aquarelle gezeichneten Mädchen, gerade die Ratten waren Banksys Markenzeichen. Ich gönne Ihm seine Aussagekraft - aber er ist in der Tat kein "inspirierter" - er ist ein Plagiator. Dazu solllte er stehen.
glad07 03.04.2012
4. Kein Titel
Zitat von ra-liveAlso , ich finde, dass Herr P-183 die kahlen Betonwände schöner macht. Ich finde auch, dass viele Garagenhöfe in Deutschland mit Graffiti besser aussehen als ohne. Ich gebe Ihenen recht, dass viele Sprayer über das "Schmierer"-Niveau nicht hinauskommen. Und ich finde es schön, dass Herr P-183 Ideale hat, die Ihnen anscheinend fehlen. Niemand zwingt sie, Ihre Garage zu versichern.
Ich bin von der Gemeinschaft/Staat/Stadt verpflichtet monatlich in die Rücklagen einzuzahlen, damit später dann solche "Kunstwerke" entfernt werden können. Der Typ und die fast schon heroische Hervorhebung durch Herrn Bidder -weil es in seinen Augen wohl etwas mit Auflehnung gegen derzeitige Politsystem in Russland zu tun hat?- wird doch als Vorbild für die tausende Möchtegern Künstler sein! Und ob seine Schmierereien gut aussehen ist halt Geschmackssache.
vosh! 03.04.2012
5.
Zitat von Bernd²aber sich so dreist an der Banksy Ästhetik zu bedienen ist schon ein starkes Stück. Nicht nur die wie aquarelle gezeichneten Mädchen, gerade die Ratten waren Banksys Markenzeichen. Ich gönne Ihm seine Aussagekraft - aber er ist in der Tat kein "inspirierter" - er ist ein Plagiator. Dazu solllte er stehen.
Als ob Writer vor Banksy noch nie Ratten oder Mädchen gemalt/plakatiert o.ä. hätten. Hier von Plagiat zu sprechen ist einfach lächerlich. Es gibt Street Art Künstler (gerade im Bereich der Stencils), die einfach besser und aussagekräftiger sind als Banksy - sie werden nur nicht so "gehyped". Banksy, bzw. seine Arbeiten sind überbewertet. Street Art hat vor ihm existiert. Er hat nur die ganze Stadt mit seinen "Werken" zugekleistert und somit auf eine Bewegung aufmerksam gemacht, die schon lange existierte.
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