S.P.O.N. - Oben und unten "Hamse jedient im Genderkrieg?"

Eine Schlacht tobt zwischen den Geschlechtern. Meinen zumindest einige Medien. Geht es auch ein paar Nummern kleiner? Es muss dringend verbal abgerüstet werden.

Eine Kolumne von


In letzter Zeit habe ich viel zu oft komische Konstruktionen gelesen wie "Gender-Kampf", "Feministinnen-Krieg" und "Krieg der Geschlechter". "Zeit Online" hat ein extra Schlagwort dafür, ernsthaft, "Geschlechterkampf", süddeutsche.de auch. It's a thing.

Der Radiosender Ostseewelle spielt allmorgendlich die "Schlacht der Geschlechter". Okay, das entbehrt nicht einer gewissen Niedlichkeit, aber ich muss auch sagen: Was zur Hölle? In einem Medium für junge Menschen habe ich gelesen, "'Feminist sein, das fühlt sich eben nach Frontlinie an" und "auf den Barrikaden". Sagt mal: Frontlinie, Barrikaden, Krieg - habt ihr alle zu viel "Star Wars" geguckt?

Echt, wenn es einen Gender-Kampf oder Geschlechterkrieg gäbe, ich glaube, ich wüsste davon. Ich werde militant genannt, Feminazi, extremistisch und radikal, aber ich lebe nicht im Krieg. Ist es so weit gekommen, dass ich irgendwem erklären muss, was Krieg ist? Krieg ist, wenn ich meine Katze essen muss. Zum Beispiel. Muss ich aber nicht. Es ist Sommer, Leute posten wieder ihre Füße auf Facebook, und die Füße sind an den Beinen noch dran und das Einzige, was im Supermarkt manchmal fehlt, sind bestimmte Sorten von Kaltgetränken, die wir vor fünf Jahren noch nicht mal kannten. Wir haben außer der Katze, die wir nicht essen müssen, noch einen Hund, der uns vor nichts beschützen muss. Meine Beziehung wird nicht daran scheitern, dass jemand an die Front muss, ich habe Großeltern, die mich zum Essen einladen, und meine Oma erzählt dann, wie sie zur Erstkommunion ein gekochtes Ei bekommen hat. Ein Ei. Ich habe sechs Eier im Kühlschrank und Hunderte auf Twitter, und ich brauche sie alle nicht zu essen, wenn ich nicht will, weil kein verdammter Krieg ist.

Wir reden so viel über Hetze gerade, über Stimmungsmache und Populismus und wie Leute gegeneinander aufgestachelt werden, indem zu viel Scheiße geredet wird. Ich will niemandem Hetze vorwerfen, der mal ein unpassendes Wort gebraucht hat, aber wie sollen wir wie gechillte Menschen miteinander reden, wenn wir mit lauter Großvokabeln um uns schmeißen, die eigentlich Ausnahmezuständen vorbehalten sind? Shitstorm hier, Krieg da.

Offen gestanden habe ich keine Ahnung, wer diese Leute sind, die vom Krieg der Geschlechter reden und wie sie drauf sind. Wer seid ihr? Ist das Ironie? Magnesiummangel? Sekundenschlaf? Oder meint ihr das ernst? Wenn euch in der Straßenbahn einer fragt: "Hamse jedient?", dann sagt ihr: "Öh nein, aber ich habe mal eine Viertelstunde lang einer Frau versucht zu erklären, dass die Frauenquote Frauen nur wegen ihres Geschlechts...". Bla, der Fragende ist vor drei Stationen ausgestiegen oder gestorben.

Es klingt nach Eskalation, aber da eskaliert nichts

Die "Zeit" hat einen Mail-Wechsel veröffentlicht, in dem es darum ging, dass eine Autorin von "Studierenden" schreiben wollte und ein Redakteur das in "Studenten" geändert hat. Der Onlinekiosk Blendle, zugegebenermaßen ohnehin bekannt für blumig blöde Ansprachen, kündigte das in seinem Newsletter so an: "Hier erlebst du den Gender-Kampf live." Jo, geil, Gender-Kampf live, hab sofort geklickt, aber leider tauschen die Beteiligten dann Argumente aus. Argumente! Keine Barrikaden aus Binnen-Is oder Unterstrichen. Okay, es ist ein Kampf. Streit, auch das. Aber kein Gender- oder Geschlechterkampf. Der Redakteur hätte genauso gut eine Frau sein können, was wäre es dann gewesen? "Zickenkrieg"?

Es ist nur eine Metapher, sagt ihr. Nein, es ist unbedachtes Wörterkotzen. Metaphern haben einen Sinn, sie sollen etwas klarer oder schöner sagen. Wer aber von Krieg spricht, macht es weder klarer noch schöner, der sagt nur: Guckt, wie sie sich prügeln. Aber was, wenn sie gar nicht prügeln? "There is a war between the ones who say there is a war and the ones who say that there isn't", singt Leonard Cohen. Ja, vielleicht das.

Wer nicht aufpasst, macht durch Sprache alles schlimmer. Hier meine These dazu: Das ist scheiße. Es klingt nach Eskalation, aber da eskaliert nichts. Da reden Leute. Wenn ihr jetzt schon von Krieg sprecht, was macht ihr, wenn tatsächlich mal was passiert, und zwar mehr als Argumente - wenn plötzlich alle Frauen, die weniger verdienen als ihre Kollegen, in Streik treten und auf die Straße gehen? Was ist dann? Apokalypse?

Wir können gerne über Hate Speech, Homophobie und Transphobie sprechen und über sexualisierte Gewalt und häusliche Gewalt, aber das ist magischerweise nie gemeint, wenn von so was wie "Gender-Kampf" die Rede ist. Beim "Feministinnen-Krieg", den der Perlentaucher-Newsletter ankündigte, um was ging es da? Um Debatten von Feministinnen unterschiedlicher Denkströmungen. Wissenschaftlerinnen, die Texte schreiben: Krieg! Und dann bringt ein Mann eine Frau um, und was wird daraus? Ein "Beziehungsdrama". "Es war schon tief in der Nacht, als Anna zum letzten Mal die Liebe widerfuhr", schreibt stern.de über den Moment, in dem jemand erwürgt wird.

So viel Feinfühligkeit darf man erwarten, nicht von Krieg zu sprechen, wo kein Krieg ist, und von Mord, wo Mord ist. Wörter sind relevant, wir verbinden in unseren kleinen, schmutzigen Hirnen Dinge mit ihnen, auch unbewusst. Wer "Krieg" sagt, ruft andere Assoziationen hervor, als wenn er sagt: Debatte. Ein ständiges Bemühen. Lauter kleine Versuche, etwas besser, gerechter, würdiger zu machen.

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insgesamt 232 Beiträge
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Seite 1
KaroXXL 07.06.2016
1. Na klar
Die zunehmend aggressive Diskussionskultur, die festgefahrenen Fronten, die eingebildete Deutungshoheit , die fehlende Selbstreflexion und -kritik, das Belehrenwollen (trifft auch und vor allem alles für Journalisten bzw. Meinungsmacher zu) - das alles hat Tendenzen wo man natürlich irgendwie an Krieg denkt bzw. denken könnte. Und wenn es so weiter geht kann man nur Angst bekommen.
rennflosse 07.06.2016
2. Volle Zustimmung
Leider ist die Medienlandschaft ganz vorne dabei wenn es darum geht, mit Superlativen Aufmerksamkeit zu schinden. Das die Sprache dabei entwertet wird, so what? Wenn die eigenen Kampfwörter aufgebraucht sind, flüchtet man eben in Anglizismen und erfindet notfalls neue.
jujo 07.06.2016
3. ...
Ich bin ein Mann und emanzipiert, mache diesen Dummfug nicht mit, genau wie alle Frauen welche ich kenne, die emanzipiert, wie sie es nun mal sind, ebenfalls nicht mitmachen. Das ist doch nur was für Leute die irgendetwas, meist ihr Leben, nicht auf die Reihe bekommen, und so einem Kram zum Ausgleich brauchen damit sie sich besser fühlen. Schön für sie wenn es so ist.
lillykatze 07.06.2016
4. Gefällt mir
Der Artikel sagt so ziemlich, was ich denke. Danke! Wobei die ganze Genderdebatte völlig überzogen ist in Deutschland. :) Aber wir könnten es auf die Spitze treiben und die Artikel "die" und "der" aus unserer Sprache negieren. Mit "das" wäre die Diskussion vielleicht endlich beendet. :)
Velociped 07.06.2016
5. Debattieren statt Krieg
Es ist richtig, wir sollten debattieren statt zu polemisieren. Teilweise werden jedoch alle Regeln des persönlichen Umgangs vergessen, wenn über Männer hergezogen wird. Männer sind auch Menschen und wollen auch so behandelt werden. Natürlich ist es menschlich, das selbst empfundene Unrecht aufzubauschen und das anderen zugefügte Unrecht zu bagatellisieren. Das ist Teil sowohl der Rhetorik derjenigen, die sich über den Genderwahn beklagen aber eben genauso Teil der Rhetorik mancher Feminist_innen, die bei jeder statistischen Auffälligkeit "Diskriminierung" rufen aber selbst Männer pauschal verunglimpfen.
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