"Der Untergang der Pamir" Gluckgluck, weg war sie

Das Niveau deutscher Eventmovies zu unterbieten, ist gar nicht so leicht, den Machern des ARD-Zweiteilers "Der Untergang der Pamir" ist es dennoch gelungen: Das historische Ereignis havariert trotz großer Ausstattung als dümmlich inszenierter Katastrophenschocker.

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Die Luftfahrt jubiliert, die Handelsflotte kollabiert. Beruflich wie menschlich. Der Flugkapitän schaut aus seiner Maschine auf die Wolken nieder, die sich im südlichen Atlantik bedrohlich zusammen ziehen. Dann lächelt er sanft seinen Co-Piloten an und sagt: "Wie gut, dass uns hier oben nichts passieren kann." Unter den Wolken aber, da wird bald das Handelsschulschiff "Pamir" auf ihrem Törn zurück von Buenos Aires nach Hamburg in einen Wirbelsturm geraten.

Doch damit nicht genug: Der Kommandant der Viermastbark hat, ohne dass er es weiß, seine Gattin längst an jenen frohlockenden Kapitän hoch droben im Flugzeug verloren. Welche Frau kann schon einen Seemann lieben, der sechs Monate ins ferne Argentinien fährt, wenn sie daheim von einem Flieger angebalzt wird, der die gleiche Strecke in sechs Tagen schafft?

Das amouröse Überholmanöver des Luftfahrers ist einer der vielen dreisten Kniffe, mit der man das maritime ARD-Katastrophendrama "Der Untergang der Pamir" aus der dramaturgischen Flaute zu bugsieren versucht. Wie so viele andere Historienzweiteiler zuvor krankt auch dieser an dem mangelnden Vertrauen der Macher zu dem Stoff, den sie sich selbst ausgesucht haben: Man greift sich das zeitgeschichtliche Ereignis und tüdelt dann so lange damit herum, bis man glaubt, drei Stunden primetimetaugliches Seemannsgarn zusammenzuhaben.

Hier also soll es um den Untergang des Segelschulschiffs "Pamir" gehen, das 1957 südwestlich der Azoren in den Hurrikan "Carrie" geraten und gesunken ist. Trotz schneller internationaler Rettungsmaßnahmen kamen damals 80 der 86 Seeleute ums Leben; die relativ zeitnahe Medienberichterstattung sorgte dafür, dass die Bevölkerung in die Katastrophe emotional involviert war. Wie in den Eventmovies zuvor, vom "Wunder von Lengede" bis zur "Sturmflut", erzählt nun eben auch diese 7,5 Millionen Euro teure Produktion von einer sinnstiftenden kollektiven Erfahrung im Wirtschaftswunderdeutschland.

Handlung und Charaktere über Bord!

Doch so ein Schiff säuft nun mal – mit dem Kalkül des Fernsehschaffenden betrachtet – schrecklich schnell ab. Und wie die Handvoll Überlebender der "Pamir" delirierend im kaputten Rettungsboot tagelang durch Wellen und Nebel treiben, lässt sich eben kaum so kurzweilig darstellen wie zum Beispiel die zupackende Survival-Action der eingeschlossenen Kumpels in "Das Wunder von Lengede". Also muss man vor dem stürmischen Finale noch gut zweieinhalb Stunden Sendezeit füllen mit – ja, womit eigentlich?

An einer dezidierten zeitgeschichtlichen Einordnung sind Regisseur Kaspar Heidelbach, der eben auch schon das "Wunder von Lengede" gedreht hat, und Drehbuchautor Fritz Müller-Scherz offensichtlich nicht interessiert. Und auch die Charaktere lassen sie im Verlauf der Handlung schnell über die Planken springen.

Die Figuren wirken sowieso allesamt wie vom Wühltisch mit den Abenteuerromanen gefischt. Da ist etwa der Bootsmann ("Tatort"-Kommissar Klaus J. Behrendt), der sich nach dem Tod der Frau an Land beinahe ins Grab säuft, von der Salzluft aber wieder schwuppdiwupp zu neuer Klarsicht und Lebenslust gepustet wird. Oder der sensible Kadett aus strengem Kaufmannshause (Max Riemelt), der vor seiner Jungfernfahrt noch der Tochter einer warmherzigen Bäckersfamilie ein Kind macht. Oder eben der überforderte Kapitän (Herbert Knaup), den Ehrgeiz und Selbstsucht dazu treiben, in Argentinien zu viel Gerste zu laden und das Kentern der "Pamir" in Kauf zu nehmen. Irgendwie nur gerecht also, dass sich die von ihm so kaltherzig behandelte Kapitänsgattin daheim bald mit dem galanten Flugkapitän vergnügt.

Aufwendige Ausstattung, schlichte Versenkung

Ach, hätte man den Charakteren doch die gleiche Sorgfalt zukommen lassen wie der Ausstattung! Denn mit Schauwerten wird hier nicht gegeizt: An Land tuckern ständig liebevoll rekonstruierte Oldtimer oder putzig schnaufende Dampfloks durchs Bild. In Argentinien wird, klar, glutvoll Tango getanzt. In Hamburg schwingt man in tadelloser Retro-Gardrobe zu Elvis die Hüften. Glanzstück des aufwendigen Schön-war-die-Zeit-Historienfilmchens ist aber seine Titelheldin, die "Pamir". Die wurde hier vom russischen Segelschulschiff "Sedov" dargestellt, das man zu diesem Zweck – da ist das Presseheft penibel – mit 800 Litern Farbe schwarz anstrich.

Verwunderlich bei all dem Restaurationswillen ist allerdings, wie schlicht und wirkungslos im Film schließlich die Versenkung des zuvor so feierlich ins Bild gesetzten Prachtschiffs betrieben wird. Angeblich ließ man aufwändig ein im Maßstab 1:6 nachempfundenes Modellboot in den Fluten untergehen. Der Überlebenskampf an Deck hätte trotzdem nicht einfallsloser dargestellt werden können: Man wird das Gefühl nicht los, dass die Filmpraktikanten am Set dazu verdonnert worden sind, den Darstellern ständig Wassereimer über den Köpfen zu entleeren. Das wirkt einfach nur unfreiwillig komisch. Völlig deplaziert im Inferno sind schließlich die Gegenschnitte zur Kapitänsgattin, die sich mit dem Flieger vergnügt, während ihr Mann ins Verderben gerissen wird. Schiff- und Ehebruch sind so denkbar geschmacklos miteinander vertaut. Ist das jetzt Zynismus oder einfach nur inszenatorische Schlamperei?

"Der Untergang der Pamir", man kann es nicht anders sagen, wurde weit unter deutschem Eventmovie-Niveau produziert, und das ist ja so hoch nun leider auch nicht. So lässt einen der Katastrophenschocker nach drei Stunden ein bisschen ratlos und ziemlich taub zurück. Das historische Ereignis wird genauso schnell aus der Erinnerung gespült wie die "Pamir" hier untergeht. Gluckgluck, weg war sie.


Der Untergang der Pamir: 17.11., Arte, Teil 1 + 2, 20.40 Uhr
18.11., NDR, Making of 'Der Untergang der Pamir', 16.30 Uhr
22.11., ARD, Teil 1, 20.15 Uhr
24.11., ARD, Teil 2, 20.15 Uhr
24.11., ARD, Die Pamir (Dokumentation), 0.00 Uhr



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