"Der Zauberberg" in Basel Überfülle des Wohllauts

Ist er der neue Marthaler? Thom Luz, Nachwuchsregisseur des Jahres, inszeniert in Basel Thomas Manns Bildungsroman "Der Zauberberg". Musik ist ihm die ganze Welt.

Wie ein sinnlicher Schatten: Sebastian Ledesma im Baseler "Zauberberg"
Simon Hallström/ Theater Basel

Wie ein sinnlicher Schatten: Sebastian Ledesma im Baseler "Zauberberg"

Von Andreas Klaeui


In der kommenden Spielzeit wird Thom Luz Hausregisseur am Theater Basel, in der vielversprechenden neuen Crew des designierten Intendanten Andreas Beck. Nun zeigt er dort schon einmal einen "Zauberberg" - was könnte besser passen?

Der Zürcher Regisseur und Musiker Luz hat sich einen Namen gemacht mit einem Musik-Theater, das klar von Christoph Marthaler geprägt ist - das war seine Zürcher Theatersozialisation -, aber ebenso klar einen Schritt darüber hinaus geht. Musik ist bei Thom Luz nicht wie bei Marthaler ein Fenster hinaus in eine andere, vielleicht bessere Welt; Musik ist ihm die Bühnenwelt überhaupt, noch mehr als Sprache und Spielhaltung.

Und Thomas Mann? Für sein Schreiben ist Musik so konstitutiv wie für Thom Luz' Theaterschaffen: Ein Kapitel des Romans ist "Fülle des Wohllauts" überschrieben; er klingt aus mit einem Schubertlied.

Hinreißende Theatermagie

Der Soundtrack gehört denn auch zum Interessantesten am Basler "Zauberberg", und bemerkenswerterweise wird er zur Hauptsache dem medizinischen Personal übertragen: den Heilern auf dem Berg (Matthias Weibel, Daniele Pintaudi, Martin Gantenbein). Musik rahmt schon das Bühnenbild von Stephan Weber, das aus zwei Dutzend an den Wänden aufgereihten Harmonien besteht, aus sonst nichts.

Zwischen Richard Wagners Rausch- und Ludwig van Beethovens Licht-Kompositionen spannt die Tonspur einen beziehungsreichen Horizont, in dem Gustav Mahlers himmlisches Bimbam genauso einen Fixstern bildet wie Peter Kreuders "Wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt". Es sind große Momente, in denen Thom Luz sich als Stimmungszauberer zeigt. Wie zu Beethovens "Fidelio"-Ouvertüre, reduziert auf die herzzerreißenden Klänge von Harmonium, Klavier und Trompetengeige, eine einzelne Glühbirne das caravaggieske Bühnendunkel durchdringt, ist von einer Theatermagie, die hinreißt. Es gibt mehrere dieser kostbaren Momente in Luz' "Zauberberg".

Gleichwohl bleibt der Abend übers Ganze formlos. Er taucht mit Hans Castorp ein in die eskapistische Jenseitswelt des Sanatoriums, die jeden Besucher sogleich - und unwiderruflich - zu einem der Ihren macht. Aus dem Unterland der Versenkung taucht Silvester von Hösslins Castorp auf, staunend erliegt er dem morbiden Charme des "Berghofs".

Hier gibt es fiebrige Figuren wie Sebastian Ledesmas jungen Patienten, der sich Castorp anhängt wie ein sinnlicher Schatten und ihm französische Liebesschwüre einflüstert. Sie locken, wie Zoe Hutmacher als Madame Chauchat, die erregend den Klavierdeckel zuschlägt und dazu "Seht hin" singsangt; wie die intellektuellen Verführer Naphta und Settembrini, deren dialektische Seelen die Schauspielerin Cathrin Störmer in ihrer Brust vereint. Castorp erliegt ihnen, sie ziehen ihn, er sinkt hin, das ist schön - und hätte vollauf gereicht für eine bestechende "Zauberberg"-Übermalung.

Zu viele Informationen, zu viele Spuren

Natürlich wäre sie den zwölfhundert Seiten des Romans nicht gerecht geworden - welche Dramatisierung wird das schon? Eine gelungene Bühnenfassung kann nicht das Digest ihrer Vorlage sein. Genau dieser Wunsch aber wird dem Basler Abend zum Verhängnis.

Viel Information muss da auch noch rein (Dramaturgie: Bettina Ehrlich); der Atmosphärenzauber geht unter in beschwerlicher Handlungsvermittlung. Sie ist weitgehend Chantal LeMoigns Frau Brand, dem dänischen Medium, und Castorps Vetter Ziemßen anvertraut, den Markus Mathis in Aussehen und Haltung und mit starkem Schweizer Akzent ganz als Alter ego des Regisseurs anlegt. Warum? Das erschließt sich nicht, ebenso wenig wie vieles andere an diesem Abend.

Szenenfetzen wehen hinein, Assoziationsräume tun sich auf. Das Schattenreich der Toten. Der Venusberg der Liebenden. Das Donnergrollen des Krieges. Anfangs scheint es, als wäre Castorps Traum im Schnee die Szene, von der aus sich alles entwickelt. Doch die Spur verwischt sich, so wie die meisten anderen auch.

Vieles liegt aus wie in der Exposition eines Musikstücks, es fehlt die Durchführung, die die Ideen miteinander in Beziehung setzt. Der Abend bringt zu viel, und ist deshalb zu wenig. Wie viel schöner hätte er wohl werden können, hätte er sich ganz zu lösen vermocht von der Romanerzählung - und hätte Manns zeit- und weltverlorenen Figuren nichts anderes entgegengesetzt als die eigene Zeit und Welt der Bühne.


"Der Zauberberg". Theater Basel , nächste Vorstellungen am 26. und 27.1. sowie am 4., 5., 9., 12., 14., 17. und 19.2., Karten unter www.theater-basel.ch und unter Tel. 0041(61)2951133.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
hermannheester 26.01.2015
1. Der Zauberberg
Gipefel der Langeweile war mein Eindruck, als ich das Stück erstmals gesehen und erfahren habe. Nicht überall wo Nobelpreisträger draufsteht, ist Nobelpreisträger auch drin.
mathiaswagener 27.01.2015
2. Schwierig
Man fragt sich nur eins: Was soll der Zuschauer denn dabei ? Was soll er erleben ? Das ist die Krux von Allem.
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