Design-Ausstellung im MoMA: Maschinen grinsen uns an

Von , New York

Können leblose Apparate mit uns Menschen kommunizieren? In einer neuen Design-Schau erforscht das New Yorker Museum of Modern Art die verschwimmende Grenze zwischen Hirn und Hardware - mit oft kuriosen Ergebnissen.

Wie viele andere New Yorker auch hat Paola Antonelli ein zwiespältiges Verhältnis zur hiesigen U-Bahn-Gesellschaft MTA. "Unglückselig", so beschreibt sie die tagtägliche Tortur aus verspäteten und ausgefallenen Zügen, stinkenden Subway-Stationen und backofenheißen Bahnsteigen - zu viel selbst für eine gebürtige Italienerin wie sie, die im "puren Chaos" Mailands aufwuchs.

Nur eins gefällt Antonelli an der MTA: die Fahrkartenautomaten - klobige, schimmernde, bunte Gerätschaften, die aus einem Science-Fiction-Film der siebziger Jahre zu stammen scheinen. "Ich liebe diese Maschinen", sagt sie. "Sie sind so ein typisches New Yorker Erlebnis - interaktiv, farbenfroh und nie langweilig."

Es trifft sich, dass Antonelli am Museum of Modern Art (MoMA) arbeitet, als Chef-Kuratorin für Design und Architektur. Als sie begann, dort eine Ausstellung über die Kommunikation von Mensch und Maschine zusammenzustellen, rief sie sofort die MTA an und überredete die träge Behörde, ihr einen dieser "MetroCard"-Automaten für ihre neue Ausstellung zu überlassen.

An der Nahtstelle von Hardware und Hirn

Da steht er jetzt also im dritten Stock des MoMA - klobig, schimmernd, bunt, wie ein zu großes Plastikspielzeug: schwarzer Touch-Screen-Monitor, blauer Kreditkarten-Slot, grüner Münzschlitz, gelber "MetroCard"-Einschub, roter Wechselgeldbecher. Gegen Bezahlung spuckt der Apparat sogar echte, gültige U-Bahn-Fahrkarten aus, samt Extra-Aufschrift: "Talk to Me." Sprich mit mir.

"Talk to Me" ist auch der Titel der Ausstellung, die am Sonntag in Manhattan eröffnet wird. Sie zeigt 194 Design-Objekte, die "sprechen" können - Alltagsgegenstände wie Obskuritäten, öffentliche wie private, mikroskopische wie kosmische. Alle haben eines gemein, neben ihrer generellen Aus-dem-Zusammenhang-Gerissenheit: Sie sitzen an der Nahtstelle von Technologie und Mensch, Hardware und Hirn.

Computer, Websites, Gadgets, Informations- und Kommunikationssysteme, Eincheck-Stationen, interaktive Grafiken, Spaß-Installationen: Oft längst als selbstverständlich hingenommen, schaffen sie, so das MoMA, eine "emotionale, wenn nicht sogar sinnliche Connection" mit ihrem Benutzer - Resultat ihres brillianten, doch unbeachteten Designs.

Die MoMA-Show schafft es, den Besucher aus seinem gedankenlosen Trott zu reißen, damit der zumindest mal kurz darüber nachdenken kann, was hier wirklich geschieht: "Leblose Dinge kommunizieren mit uns", sagt Antonelli, "ob aktiv oder auf subtile, unterschwellige Weise."

Die Science Fiction ist wahr geworden

Der MTA-Ticketautomat etwa: Der Screen stellt dem Fahrgast Fragen, dieser antwortet und kommt so schnell an die richtige Karte. Das mag heute, in Zeiten von iPad und iPhone, zwar nichts Besonderes sein. Doch im Jahr 1999, als die Maschine entworfen wurde, war das ein kleines technologisches Wunder, das keiner würdigte.

Solche frühen Erfindungen waren noch rein für Form und Funktion gebaut. Inzwischen haben sie eigene Persönlichkeiten. Der "Tweenbot", ein kleiner Papproboter der Designerin Kacie Kinzer, hat Räder, Motor und Batterien - aber auch ein Smiley-Gesicht. Kinzer setzte "Sam" im Washington Square Park aus und erwartete, dass er zerstört würde. Statt dessen halfen ihm Passanten immer wieder, auf den rechten Weg zurückzufinden, und jetzt kurvt er grinsend um die Füße der MoMA-Besucher.

In der Tat: Die Science Fiction der siebziger Jahre ist wahr geworden, ohne dass wir es bemerkt hätten. "Früher dachten mein Bruder und ich, dass in der Kaffeemaschine ein kleiner Mann saß, der Kaffee kochte", lacht Antonelli. Heute programmiert man die Kaffeeautomaten selbst.

Das Konzept des Männchens in der Maschine steckt auch hinter der Installation "Hi, A Real Human Interface" des Spaniers Roger Pujol, hier präsentiert als Video: In einem Karton-"Computer" lebt ein Herr mit Schnäuzer, der alle Befehle des PC's persönlich ausführt und zwischendurch schläft, sich wäscht und rasiert - eine perfekte Parabel auf die moderne iWelt.

Gesammelt und gesichtet, bis der Archivar meuterte

Mehr als ein Jahr haben Antonelli und ihre Kollegen an der Ausstellung gearbeitet. Sie haben Tausende von Gegenständen begutachtet, "bis der Archivar mit Meuterei drohte". Sie stellten Ideen, Hinweise und Beispiele in einen Blog, ließen sie von Museumsfans kommentieren, protokollierten den Fortgang ihrer Recherche und Auswahl, bis knapp 200 übrig blieben.

Das sind mehr als nur interaktive Videospiele. Viele Exponate haben praktischen Wert. "Ushahidi" (Suaheli für "Zeugnis") ist eine Website, auf der sich spezifische Ereignisse exakt kartografieren lassen, über Google, Yahoo, Microsoft und OpenStreetMap. Entworfen 2008 während der Wahlunruhen in Kenia, fand "Ushahidi" unter anderem bei den Erdbeben in Haiti 2010 und beim Erdbeben und dem Tsunami in Japan dieses Jahr Anwendung, wo sie den Hilfstruppen wichtige Hilfe leistete.

Die Web-Applikation "Locals and Tourists" macht die Ballungzentren der Besucher von Großstädten wie New York, London und Berlin sichtbar wie Hitzezonen auf Satellitenbildern. "Mojibakeru" sind japanische Spielzeugfiguren, die sich wie Chamöleons verändern und den Kindern die Welt erklären können. "HappyLife" verwandelt menschliche Launen mit biometrischen Tricks in Thermalbilder um.

Der elektronische "Prayer Companion" informiert britische Franziskaner-Nonnen über Geschehnisse jenseits ihrer Einsiedelei, die eines raschen Stoßgebets bedürfen: Kriege, Attentate, Naturkatastrophen - und, so jedenfalls am Dienstag dieser Woche, Rupert Murdochs Aussage vor dem Unterhaus in London.

"Tree Listening" ist eine Apparatur, die das Innenleben von Bäumen über Kopfhörer hörbar macht. Von Solarenergie getrieben, fand sie sich 2008 und 2009 in britischen Parks, jetzt simuliert sie im MoMA, was jenseits der Betonwüste von Midtown Manhattan so alles vor sich geht.

Schnappschüsse menschlicher Geisteswelt

Praktisch oder unnütz, die Grenze zwischen Mensch, Maschine und Natur verwischt. Der Check-in-Kiosk der Fluggesellschaft JetBlue. Das "Gesundheit Radio", das sich den Staub wegniest. Die WLAN-Wünschelrute. Die "Menstruation Machine", die Monatsblutungen simuliert. Der "EyeWriter", der gelähmten Graffiti-Künstlern hilft, mit den Augen zu "taggen". Die "Kommunikationsprothese" für Schüchterne, die Gesichtsausdrücke forciert. Die "Device for Mindless Communication", eine tragbare Mattscheibe, die Gefühle visualisiert: Automaten helfen, wo der Mensch versagt.

Oder sie erlauben ihm heimlich, was er sich sonst verbietet. Für das Projekt "PostSecret" hinterließ der US-Künstler Frank Warren auf öffentlichen Plätzen 30.000 Postkarten mit der Bitte, ihm anonym ein ganz persönliches Geheimnis zu schicken. Heraus kam eine Lawine von Haiku-Beichten, von absonderlich bis beklemmend, die Warren digitalisiert hat - ein Schnappschuss menschlicher Geisteswelt: "Ich schicke meiner Sekretärin anonym Geld, weil sie nicht genug verdient." "Ich werde ihn am 19. Januar verlassen, und er hat keine Ahnung." "Deine Katze hat zugeguckt, wie ich mit deinem Freund Sex hatte." "Ich wollte mich umbringen, aber die Person an der Suizid-Hotline war so rüde, dass ich statt dessen eine böse E-Mail an ihren Vorgesetzten schrieb."

Nicht alles ist so dramatisch. "BakerTweet", ein für die Londoner Bäckerei "Albion" erfundenes Gerät, alarmiert die Kunden per Twitter-Eintrag, wenn dort etwas Neues aus dem Ofen kommt - "wie früher der Duft frischen Brotes, der durch die Straßen zog". Während der Show wird die MoMA-Cafeteria das System nutzen.

Twitter spielt bei "Talk to Me" eine große Rolle. Jedes Objekt hat sein eigenes Twitter-Hashtag, über das die Besucher mehr erfahren - und bei Bedarf Kommentare abgeben - können. Auch die interaktive Ausstellungs-Website bietet zahllose Informationen über jedes Exponat.

Da erfährt man unter anderem, dass die MTA dem MoMA sechs Millionen U-Bahn-Fahrkarten zur Verfügung gestellt hat. Der Preis ist jedoch derselbe wie in den stinkenden, überhitzten, überfüllten Stationen: 2,25 Dollar pro Fahrt.

"Talk to Me: Design and the Communication between People and Objects", Museum of Modern Art, New York, 24. Juli - 4. November 2011

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1. So toll....
Toecutter 25.07.2011
... ich so eine Ausstellung auch finde, deren Website ist ein gestalterischer Alptraum.
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