Design-Ikone Arne Jacobsen Ersticken an Ästhetik

Arne Jacobsen erfand mehr als "Ameise", "Ei", und "Schwan". Der dänische Architekt und Designer schuf mit Farbkonzepten, Gartenanlagen, Aquarellen und Fotografien ein Gesamtkunstwerk, das bis heute bewundert wird. Eine Retrospektive, die jetzt in Hamburg zu sehen ist, widmet sich seiner zeitlosen Minimal-Ästhetik.


Arne Jacobsen wohin man blickt: Foyer des SAS Royal Hotels in Kopenhagen
Kim Ahm

Arne Jacobsen wohin man blickt: Foyer des SAS Royal Hotels in Kopenhagen

"In meinem zweiten Leben möchte ich Gärtner sein", pflegte Arne Jacobsen zu sagen, bevor er sich in den Garten seines Reihenhauses in Søholm zurückzog. Ein Glück, dass der dänische Designer und Architekt diesen Wunsch nicht bereits in seinem ersten Leben verwirklichte. Die Spuren seines modernen und dennoch zeitlosen Schaffens erfreuen sich auch 32 Jahre nach seinem Tod geradezu unheimlicher Popularität. Allein von seinen Stühlen "Ameise" und "3107" wurden seit Beginn der fünfziger Jahre mehr als sechs Millionen Exemplare hergestellt. Die berühmt gewordenen Sitzgelegenheiten stellen jedoch nur einen kleinen Teil seiner Idee von "Architektur als Gesamtkunstwerk" dar.

Das vielfältige Schaffen des 1902 in Kopenhagen geborenen Designers zeigt die von Zdenek Felix inszenierte Show "Arne Jacobsen. Absolut modern" in den Hamburger Deichtorhallen. Mit 800 Exponaten - von Skizzen für Hochhäuser bis zum Wasserhahn - wird das Wirken des Künstlers chronologisch porträtiert. Die Wander-Ausstellung wurde im vergangenen Jahr anlässlich des 100. Geburtstages Arne Jacobsens im Kopenhagener Louisiana Museum mit großem Erfolg präsentiert und macht nun einmalig Station in Deutschland. Hamburg wurde dabei mit gutem Grund als Standort gewählt, immerhin sind mit dem Verwaltungsgebäude der HEW und dem Gymnasium Christianeum zwei bedeutende Spätwerke des dänischen Architekten in der Hansestadt zu sehen.

Designer Jacobsen (1902-1971): "Ich ersticke an Ästhetik"
Strüwing

Designer Jacobsen (1902-1971): "Ich ersticke an Ästhetik"

"Arne Jacobsens formale Kühle, Repetition von Formen und formelle Eleganz der einzelnen Gegenstände strahlt nach wie vor eine befreiende, schöne Wirkung aus", kommentiert Felix das Werk des Dänen, dessen Design auch dank des andauernden Retrotrends zum Kult wurde. Jacobsen verstand es, komplexe Formen auf das Wesentliche zu reduzieren und dabei Ästhetik mit Funktionalität zu verbinden. Dieses im Grunde simple Konzept zieht sich durch seine knapp 50-jährige Gestaltungskarriere. Inspiration holte sich Jacobsen dabei seit frühester Kindheit von der Natur. Deutlich wird das vor allem in den zu Beginn der Ausstellung gezeigten Aquarellen und meist floralen Entwürfen für Tapeten und Textilien.

Ursprünglich wollte Jacobsen ohnehin Maler werden, doch nach dem Willen seines Vaters entschied er sich für das zukunftssicherere Architektur-Studium. Ganz im Stil der weißen Moderne gestaltete er Anfang der dreißiger Jahre sein erstes Großprojekt - das Bellevue-Areal nördlich von Kopenhagen: Strandbad, Siedlung, Tankstelle und Theater wurden von ihm teilweise samt Interieur entworfen. Neben Skizzen, Modellen und Fotos kann man vor den Deichtorhallen auch einen Blick auf einen der blau-weißen Original-Türme des Bellevues werfen.

Während seine architektonischen Werke - wie etwa die Rathäuser von von Aarhus und Søllerød - in der Öffentlichkeit eher unbemerkt blieben, ist sein Möbeldesign bis heute international bekannt.

Legendärer Stapelstuhl: Ameise Schön bunt: Stuhl "Nummer 7" Jacobsen-Klassiker: Polsterstühle Ei und Schwan (1958)

Klicken Sie auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen

Das wohl berühmteste Design seiner Karriere entwarf Jacobsen 1952 - den Stapelstuhl die "Ameise", der in unterschiedlichsten Abwandlungen millionenfach verkauft wurde. Ursprünglich hatte Jacobsen den reduzierten Sperrholzstuhl, dessen Form an Kopf und Hals einer Ameise erinnert, für eine Firmenkantine entworfen. Bis der erste Stuhl jedoch in Produktion ging, dauerte es noch eine Weile. "Für den ersten Stuhl brauchte ich ein Jahr, bevor ich es wagte, ihn herauszubringen", sagte Jacobsen über sein bekanntestes Objekt. Ein Satz, der wohl bezeichnend für die akribische Arbeitsweise des Dänen ist.

Jacobsens Perfektionismus führte nicht selten zu Verspätungen in der Produktion. Sein ästhetischer Anspruch reichte auch in den privaten Bereich. Seine Kaffeetassen mussten stets nach strikter Ordnung im Schrank stehen und sogar bei der Auswahl und Anordnung von Kuchenstücken soll er penibel auf die Optik geachtet haben. "Ich ersticke an Ästhetik", hat Jacobsen einmal gesagt. Bei der Gartenarbeit in der Natur fand er wieder die nötige Kreativität für künstlerisches Schaffen, das Ende der fünfziger Jahre mit der Gestaltung des SAS Royal Hotels in Kopenhagen (1958 bis 1960) seinen Höhepunkt erlebte.

"Curtain walls": Das SAS Royal Hotel bei Nacht
Strüwing

"Curtain walls": Das SAS Royal Hotel bei Nacht

Damals wurde es von den Bürgern zum hässlichsten Gebäude der Stadt gewählt - heute gilt das dunkelgrüne Sockelgebäude mit darüber thronendem Turm als wichtiger Beitrag zur internationalen Moderne. Ganz nach seinem deutschen-amerikanischen Vorbild Ludwig Mies van der Rohe gestaltete Jacobsen das rund 70 Meter hohe Hochhaus mit so genannten "Curtain Walls". Mit diesen nicht-tragenden Glasfassaden hatte Mies van der Rohe bereits Wolkenkratzer in New York und Chicago errichtet.

Trotz Vorbildern wie Mies van der Rohe oder Le Corbusier verstand es Jacobsen, seinen Gebäuden eine einzigartige Note zu verleihen. Vor allem mit der persönlichen Gestaltung des SAS-Royal-Interieurs bis hin zu Türschnallen und Lampen schuf er ein Gesamtkunstwerk. Der einzige Raum, der noch im Original existiert, das legendäre Zimmer 606, wurde für die Hamburger Ausstellung rekonstruiert. Highlight des grau-grünen Ensembles bildet dabei die Sitzgruppe mit den Sesseln "Schwan" und "Ei". Die extra für das Hotel entworfenen Polsterstühle werden heute noch von der dänischen Firma Fritz Jansen produziert und weltweit mit großem Erfolg verkauft.

Großer Beliebtheit erfreuen sich auch das AJ-Besteck, das Geschirr der Cylinda-Line oder AJ-Uhren sowie viele andere Design-Gegenstände des täglichen Gebrauchs, die ebenfalls gezeigt werden.

Das AJ-Besteck (1957) kam auch bei Stanley Kubricks "2002: Odyssee im Weltraum" zum Einsatz Form & Funktion: Cylinda-Line (1967) Zeitdesign: Uhren von 1930 bis 1970
AJ-Kerzenhalter (1959) Durchdachte Gestaltung bis hin zum Türgriff - Klinkendesign von Arne Jacobsen Lichtdesign: AJ Lampe (1958)

Klicken Sie auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen

Den Abschluss der Ausstellung bildet die Präsentation eines Original-Büros des Verwaltungsgebäudes der Hamburger Electricitäts-Werke (HEW) von 1965. Das Mobiliar ist noch genauso erhalten, wie Jacobsen es geplant hatte: Gelbe Stühle, Schreibtische mit blauen Tischplatten und graue Wände versprühen eine minimalistisch-kühle Atmosphäre

Ein Eindruck, der dem Gesamtkunstwerk des dänischen Designers, Architekten, Fotografen, Malers und Hobby-Gärtners wohl gerecht wird. Auch Arne Jacobsens künstlerisches Credo war skandinavisch und minimalistisch: "Ich habe keine Philosophie, am allerliebsten sitze ich im Studio".

Michaela Wailzer



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.