Design-kritisches Buch Schröders Haare und Merkels Raute

Design ist heute überall: Zitronenpressen in Tintenfischform und Autos mit Saunaduft gehören zu unserem Alltag. Mateo Kries beklagt die Inflation moderner Gestaltung und macht sich Gedanken, wie Design endlich nützlich werden könnte.

Tankstelle oder Prada-Shop? Im Zeitalter des Designs verschwimmen die Kategorien.
Nicolai-Verlag

Tankstelle oder Prada-Shop? Im Zeitalter des Designs verschwimmen die Kategorien.

Von Nora Reinhardt


Wie ein Tintenfisch sieht sie aus, die Zitronenpresse "Juicy Salif" von Stardesigner Philippe Starck für Alessi. Sie ist einer der bekanntesten Design-Gegenstände der Neunziger. Die Zitrone setzt man auf den Kopf des Oktopus. Quetscht man jedoch mit Nachdruck, bohren sich die drei Metall-Tentakel in die Arbeitsplatte. Alsbald ist diese zudem mit Zitronensaft besudelt, weil die Designer-Presse weder ein Auffangbecken für den Saft hat noch für die Kerne oder das Fruchtfleisch. Eine Sauerei.

Selbst Umberto Eco, der bisher weniger als Zitronenpressen-Kritiker denn als Universalgelehrter mit 33 Ehrendoktortiteln hervorgetreten ist, schaltete sich ein und warnte, das schön designte Ding sei keinesfalls zu verwechseln mit einem "Haushaltsgerät, das man praktisch benutzen" könne. Mateo Kries ärgern solche Entwürfe. Er verteufelt in seinem Buch "Total Design" die Masse aller schönen, aber unpraktischen Dinge - und geht mit gutem Beispiel voran: Sein Buch enthält kaum Abbildungen, und schon gar keine farbigen. Kries ist als Chefkurator des Vitra Design Museum in Weil am Rhein qua Amt Experte.

Design-Avantgardisten waren einst mit dem Credo angetreten: "Less is more", weniger ist mehr. Doch das war einmal. Für Kries ist klar: Wir leben mittlerweile in einer Designgesellschaft. Es gibt Business Design, Nail Design, Body Design, Social Design, Sound Design, Green Design und olfaktorisches Design. Äh, was war noch gleich olfaktorisches Design? "Das Versprühen von Duftspray, das ein Auto wie eine Sauna oder einen Modeladen wie eine Frühlingswiese riechen lässt." Ach ja.

Kein Unterschied zwischen Gentechnik und Design?

Es ist ein wenig verwirrend, dass Kries den Begriff "Design" ebenso weit fasst wie alle anderen. Mit Design meint Kries nicht mehr nur die schöne Kaffeekanne, er fasst darunter alles, was im weitesten Sinne gestaltet wurde. In "Schröders Haare", dem Kapitel über Design in der Politik, deutet Kries Angela Merkels Frisurenwechsel gleich als "komplettes Redesign" der Politikerin - und erläutert die "Merkel-Raute", die typische Haltung ihrer Hände auf Bauchhöhe.

Aber, möchte man Kries zuflüstern, ist das wirklich neu? Und ist es Design? Waren Politiker nicht immer ganz gut damit beraten, wohl frisiert bei Staatsbesuchen zu erscheinen? Kries unterscheidet nicht zwischen Werbung für Klamotten ("Benetton-Effekt"), Selbstinszenierung von Politikern ("Schröders Haare") und Gentechnik ("Gott als Designer?"): Irgendwie ist irgendwie alles irgendwie Design.

Trotz aller Trennungsunschärfen: Das Buch hat eine Botschaft. Im letzten der vier Blöcke wird ein "Gegenentwurf" skizziert und der ist, natürlich, grün und sozial. Design dürfe nicht länger nur in Gimmicks und Editionsobjekte fließen, es solle vielmehr "konkrete Verbesserungen unseres Alltags" schaffen.

Ein Beispiel ist für Kries die südafrikanische "Play Pump": Während Kinder auf einem Kinderkarussell sitzen und quietschend kreiseln, wird durch die Rotation eine Wasserpumpe betrieben. "Über 1000 solcher Pumpen wurden seit 2005 in Schwarzafrika installiert, damit haben über eine Million Menschen Zugang zu Frischwasser erhalten", schreibt Kries.


Buch
Mateo Kries: "Total Design. Die Inflation moderner Gestaltung". (Nähere Informationen siehe oben links.)

Ausstellung
Mathias Schwartz-Clauss: Die Essenz der Dinge. Design und Kunst der Reduktion. Vitra Design Museum, Weil am Rhein, bis 19. September 2010.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
HAL9000, 01.06.2010
1. All you need to know ...
Zitat von sysopDesign ist heute überall: Zitronenpressen in Tintenfischform und Autos mit Saunaduft gehören zu unserem Alltag. Mateo Kries beklagt die Inflation moderner Gestaltung und macht sich Gedanken, wie Design endlich nützlich werden könnte. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,697841,00.html
Die Ganze Kritik kann man auch kurz zusammenfassen: http://www.vitsoe.com/en/gb/about/dieterrams/gooddesign und hier die Ausstellung dazu: http://www.angewandtekunst-frankfurt.de/deutsch/05_rams.html
antares85 01.06.2010
2. ...
Zitat von HAL9000Die Ganze Kritik kann man auch kurz zusammenfassen: http://www.vitsoe.com/en/gb/about/dieterrams/gooddesign und hier die Ausstellung dazu: http://www.angewandtekunst-frankfurt.de/deutsch/05_rams.html
Sich nur auf eine Person zu Beziehen ist nicht gerade sinnvoll. Ein bisschen als ob man Kunst nur mit Gandhi, Musik nur mit Beethoven oder Elektronik mit Sony erklaeren moechte. "Mateo Kries beklagt die Inflation moderner Gestaltung und macht sich Gedanken, wie Design endlich nützlich werden könnte."(SPON) Mit genau diesem Gedanken befassen sich ganze Studiengaenge und kann nicht mit einem einfachen Link abgespeist werden. Wie es dann zo ueblich ist, gibt es viele Theorien und Modelle zu usability design, engineering etc, wie man es dann nennen will, das Produckte genau das machen, was die Benutzer erwarten auf eine Weise wie es die Benutzer wollen und dies an ihrem (der Produckte) Aussehen angeben, ohne das ein Handbuch gelesen werden muss. MfG, ein "Usability" Student
Peter Sonntag 01.06.2010
3. Die südafrikanische "Play Pump"
Dieser Trick funktioniert nur mit Kindern. Die Erwachsenen würden das durchschauen, sofort absitzen, Geld verlangen und/oder sich auf den Boden setzen.
Pellegrini 01.06.2010
4. HILFE -Wir sitzen in der Designfalle!
Wir finden wir zurück zum vitruvschen Gleichgewicht zwischen Solidität, Nützlichkeit und Anmut? Gibt es ein entrinnen oder sind wir hoffnungslos overdesigned ? Selbst das Banale ist heute Design und damit Design nur noch banal. Gibt es eine Leben nach dem Design? sozusagen "beyond design" BD? Mein Aufruf in die Welt am 1. Juni 2010: Wer weis Rat?
Ronald Dae 01.06.2010
5. Gestaltung und die reale Welt
"Merkel-Raute" ist lustig, aber im Gegensatz zum "Alessi-Verbrechen" der unbrauchbaren Zitruspresse ein schlechtes Beispiel. Der Grund für Merkels Handhaltung ist sicher weit mehr als nur ein ästhetischer. Manche Designer sehen vor lauter Gestaltung nicht mehr die reale Welt, welche sie umgibt. So ist es durchaus möglich, dass erst die Handlung da war und anschließend der ästhetische Eindruck als "Gestaltung" interpretiert wurde. Mithin, es wäre kein Design im ursächlichen Sinne, so, wie unsere Welt selbst kein Design ist.
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