"Design Miami" Möbel, Models und Millionen

Einst Drogenhölle, jetzt Zentrum der Avantgarde: Der Design District in Miami lockt dieses Wochenende Altmeister, Nachwuchsstars und das große Geld zur schicksten Messe der Welt.

Von , Miami


Design ist schwere Handarbeit. Jedenfalls für Peter Marigold: Der Londoner hat abgeholzte Mango- und Avocado-Stämme angeschleppt und auf dem Boden aufgetürmt. Dahinter hat er eine Werkbank aufgebaut, auf der er bohrt, sägt, kleistert und hämmert. Er trägt Bauarbeiterstiefel und eine Schutzbrille. Seine Hände sind mit Sägemehl verklebt.

Marigold, 32, baut Möbel. Noch sind es asymmetrische Kisten, "experimentelle Studien", wie er sagt. Eines Tages werden sie zu Möbeln mutieren, blankpoliert und schick, und eines späteren Tages, so hofft Marigold, "von feinen italienischen Firmen" verkauft und ihm viel Geld bringen. Ein paar Musterstücke stehen schon herum - filigrane Regalskulpturen, die eher ins Museum passen.

Es will schon etwas heißen, wenn ein Londoner Jungdesigner nach Miami kommt, um sich einen Namen zu machen. Marigold weiß: Der Weg zum Design-Ruhm führt heutzutage unweigerlich durch Miami, die neue Hauptstadt von Stil, Geschmack und Innovation. Genauer gesagt: durch einst verwahrlost-lebensgefährliche Straßenblocks nördlich der Downtown und südlich von Little Haiti, im Schatten der beiden Highways I-95 und I-195.

Design District nennen sie diese frühere Stadtwüste. So hieß das Viertel Anfang des 20. Jahrhunderts zwar schon mal, als hier feine Möbelfabriken ihre industriellen Showrooms hatten. Doch dann verkam die Gegend zur Drogenhölle. In den achtziger Jahren gab es Rassenunruhen, die Anwohner zogen in Scharen weg, Lagerhallen und Lofts verfielen. Die einzigen, die hier Inspiration fanden, waren die Drehbuchschreiber für "Miami Vice".

"Craig ist mein Held"

Wie schnell sich manche Dinge doch ändern, wenn eine Szene Aufwind bekommt. Zur Jahrtausendwende zogen die ersten Designstudios in das Elendsviertel. Inzwischen sind es über 125 Avantgarde-Galerien, Showrooms, Einrichtungs- und Design-Geschäfte, darunter namhafte Marken wie Ligne Roset. Die einst verdreckten Straßen sind blitzsauber, die Fassaden geschrubbt, die Leute sitzen in Freiluft-Cafes oder flanieren. "Dies", staunt Immobilienentwickler Craig Robins, "ist eine der enormsten kulturellen Wandelungen auf der ganzen Welt."

Verständlich, dass Robins etwas zur Übertreibung neigt. Denn der Kahlkopf, der gestern in blauem Samtanzug und weißen Turnschuhen durchs Viertel spazierte, ist fast eigenhändig für dessen Renaissance verantwortlich - und dafür, dass Nachwuchskünstler wie Peter Marigold von überall kommen, um die kreative Luft dieser Enklave zu atmen. "Craig ist mein Held", sagt Miamis Bürgermeister Manny Diaz und klopft ihm auf die Schulter. "Er hat diese gesamte Gegend völlig revitalisiert."

Robins, 44, hatte zuvor den Art Deco District in South Beach jenseits der Biscayne Bay von einer Rentneridylle in ein Party-Mekka verwandelt. Danach fiel sein Auge auf den Design District, strategisch günstig gelegen auf halbem Wege zum International Airport. Er kaufte heruntergekommene Gebäude auf, renovierte sie, brachte aufstrebende Designer her.

Gestern Abend feierte der District sich selbst mit einer Nabelschau à la Miami (viel Champagner, viel nackte Haut). Möbel, Models und Millionen: Es war die Eröffnungsnacht der "Design Miami", einer Messe, die Robins 2005 im Schlepptau der großen Kunst-Schwester "Art Basel Miami Beach" initiierte und die selbst längst flügge geworden ist. "Dies ist unser aufregendstes Jahr bisher", sagt Robins. "Wer hätte gedacht, dass Design mal so begehrt sein würde?"

Eistüten aus Porzellan

Wo einst Dealer herumlungerten, schieben sich betuchte Gäste am Heißesten der Designerszene vorbei: Sofas, Schalensitze, Lehnstühle, Schreibtische, Couchtische, Regale, Kommoden und, vom Japaner Tokujin Yoshioka, dem "Designer des Jahres", eine Installation aus weißen Strohhalmen. Das Mobiliar unseres Alltags - als Sammlerobjekt. Manche der Besucher haben sich eigens dafür von der "Art Basel Miami Beach" über die Bay bemüht.

Denn während dort Hedgefonds-Milliardäre nach Geldanlagen zum An-die-Wand-Hängen gieren, weht hier noch ein Hauch wilder Kreativität. Was auch damit zu tun hat, dass die Ecke vom Glamour-Strand und den Nightclubs von South Beach weit entfernt ist. "Wo sonst", sagt Ambra Medda, die Co-Gründerin des dreitägigen Festivals, "werden Wasserflaschen in Kronleuchter verwandelt?"

Medda meint das Projekt "Drop Chandelier" des britischen "Lichtdesigners" Stuart Haygarth. Nicht nur 24 der weltweit etabliertesten Galerien stellen aus, sondern auch der Nachwuchs. Jemand wie Haygarth eben, der sich in einer Halle an der Northeast 40th Street dabei über die Schulter schauen lässt, wie er aus abgesägten Böden recycelter Plastikflaschen fantastische Lampen bastelt. Der erste Schritt: Hunderte dieser milchigen Rosetten, auf zwei Tapeziertischen ausgelegt wie Babyschnuller.

Tattoos vom Trendsetter

Der Berliner Architekt Jürgen Mayer H., durch seine unkonventionellen Gebäude (Karlsruher Hochschul-Mensa) längst ein Trendsetter, ist eher zum Spaß nach Miami gekommen, für zwei Tage - Jetlag statt Jetset. Mayer hat eine von acht Spezial-Tätowierungen entworfen, die sich die Besucher der "Design Miami" in die Haut sticheln lassen können, in einem eigens zu diesem Zweck eingerichteten "Tattoo Parlor".

Dazu hat Mayer einen Ausschnitt des Datensicherungsmusters eines Briefumschlags der Harvard University vergrößert - als Symbol der "zweiten Haut", der "privaten Person hinter der öffentlichen Person". Das Blutzeichen gibt es in zwei Ausgaben - und zu zwei Preisen: 450 Dollar für die kleine Version, 650 Dollar für die größere.

Und so geht es selbst hier natürlich auch ums Geld. Hauptsponsor der Design-Messe ist die Großbank HSBC. Deren Marketing-Manager Tony Joyce verzichtet zwar auf ein Tattoo, erklärt sich angesichts des kreativen Treibens aber für "entzückt, begeistert und stolz".

Auch Audi sponsert, als "exklusiver Automobil-Sponsor". "Wir haben Design im Blut", prahlt Vorstandsmitglied Ralph Weyler. Deshalb stellt Audi selbst aus - sein Konzeptauto Cross Cabriolet Quattro, das eine enorme Schaulustigentraube verursacht. Die metallic-bronzene Design-Vision ist nicht jedermanns Sache. Die "New York Times" beschied sie kürzlich mit dem lästerlichen Satz: "Audis Design-Studio im kalifornischen Santa Monica steckte hinter dem Experiment, weshalb es leider so aussieht, als würden diese Leute die einzigen werden, die es genießen."

Und so fürchten manche, dass der Design District bald denselben Weg gehen könnte wie der Art Deco District, der zum Disneyland der Wall-Street-Snobiety geworden ist. Ein Indiz lässt aber hoffen: Auf der Lincoln Road Mall, der von Craig Robin mit geschaffenen Designmeile von South Beach, gibt es inzwischen drei Starbucks-Filialen. Im Design District gibt es noch keine einzige.



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