Design und Mode aus Istanbul Mit Türban statt Burkini

Neue Einblicke in Istanbuls Kreativszene: Eine Ausstellung in Köln zeigt Mode aus der türkischen Metropole, eine Show in Herford präsentiert Produktdesign. Das Spiel mit Formen und Farben gelingt in beiden Fällen und stärkt den Ruf Istanbuls als kultureller Sehnsuchtsort.

Zeynep Tosun / Hafize Çeliktürk / Emre Ünal

Lebendig, pulsierend, chaotisch, laut, geschichtsgesättigt, melancholisch. Geht es um Istanbul, fallen gewöhnlich diese Adjektive. Romane des Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk oder Filme von Fatih Akin vermitteln das Bild der Stadt - und haben sie auch bei uns zu einem immer populäreren Sehnsuchtsort werden lassen.

Die Bosporus-Megalopole mit ihren offiziell 13 Millionen Einwohnern hat als diesjährige Kulturhauptstadt Europas ihre Attraktivität noch gesteigert. Nun bekommen ihre Kulturproduzenten auch bei uns ihre Plattformen. Nachdem die Kunstszene Istanbuls schon seit Jahren auch in deutschen Ausstellungen präsent ist, rückt jetzt die weniger bekannte Design- und Modeszene in den Fokus.

Eine kleine Leistungsschau des Istanbuler Modedesigns ist in Köln zu sehen, der Partnerstadt Istanbuls mit etwa 100.000 türkischstämmigen Einwohnern. Bei der Vernissage im Museum für Angewandte Kunst waren die vielen jungen, sehr modischen Frauen nicht zu übersehen, von denen einige zu kurvenbetonter Kleidung das kunstvoll geschlungene Kopftuch "Türban" trugen.

Lieblingsfotomotiv waren für sie die Glamourroben von Dilek Hanif, die ihre Chiffonwogen auch bei den Pariser Haute-Couture-Schauen für Frühjahr und Sommer 2010 zeigte. Ihre handgenähten und locker mal 15.000 Euro teuren Kreationen werden vor allem von westlich orientierten Frauen getragen, aber auch von Hayrünnisa Gül, der Gattin des türkischen Präsidenten, die nie ohne das muslimische Kopftuch in der Öffentlichkeit zu sehen ist.

Ein Kosmos aus 44 Kleidern

Gezeigt wird aber auch Experimentelles wie die Arbeit des 24-jährigen, vielversprechenden Selim Baklaci. Ein von ihm entworfenes Bustier etwa besteht nur aus filigranen Drähten, an denen verschmolzenes Gummi klebt. Exzentrische Hingucker sind die Entwürfe von Bahar Korcan, die ein Spiel mit dem Volumen des Turbans spielen: Dessen Konturen scheinen bei ihren fast Comic-artig lustigen Kleidern in die gebauschten Säume abgesackt.

Nicht gezeigt wird dagegen spezifisch muslimische Mode, deren Kreationen bis hin zum Ganzkörper-Badeanzug, genannt Burkini, reichen. Nicht dabei ist auch der aus dem türkischen Teil Zyperns stammende, inzwischen in London ansässige Hussein Chalayan, da sich die Schau auf in Istanbul arbeitende Designer konzentriert. Angefragt war dagegen Hakan Yildirim, dessen erste Pariser Schau kürzlich durch die Anwesenheit von Naomi Campbell, Eva Herzigova und "Vogue"-Chefin Carine Roitfeld geadelt wurde. Teilnehmen wollte er aber nicht. Vermutlich erschien ihm, der dermaßen gehypt wird, eine Gruppenpräsentation nicht interessant genug.

Präsentiert werden bei "Istanbul Fashion" keine Orientalismen, sondern Varianten eines internationalen Stils, der in der Summe allenfalls etwas femininer, etwas körperbetonter daherkommt als das, was in Mailand, Paris, London oder New York geschneidert wird. Leider wird dieser Kosmos in Köln aber nur von 44 Kleidern repräsentiert. Der sozio-kulturelle Kontext, in dem die Werke entstanden sind, ist dagegen in den Katalog verbannt.

Ganz anders wird sich die vom Marta Herford, dem Museum für zeitgenössische Möbelkunst und Design, für Dezember angekündigte Design-Ausstellung geben. Schon die Recherche für die Schau gestaltete sich als Happening. Der belgische Designexperte Max Borka hatte zwar angeregt, Design aus Istanbul zu zeigen, musste aber feststellen, dass weder er, noch andere mitteleuropäische Designkenner eine genaue Vorstellung davon haben.

Borka zog also für sechs Monate nach Istanbul, mietete eine Wohnung, tauchte Tag und Nacht in die örtliche Designszene ein und lud ihre Protagonisten in seine Bleibe, wo er sie bat, eine Art Souvenir oder Arbeitsprobe zu hinterlassen.

Dürfen wir ergänzen: "international" und "avantgardistisch"?

Diese Idee wird jetzt auf die Ausstellung übertragen. Die Objekte aktuellen Istanbuler Designs werden nicht primär als Exponate präsentiert. Vielmehr bilden sie im Marta die Einrichtung einer Wohnung und eines Büros. Beide wird Borka bewohnen und in ihnen gegenüber den Besuchern als Gastgeber auftreten.

Mit seiner quirlig-leidenschaftlichen Art, die an den documenta-9-Macher und Ex-Marta-Direktor Jan Hoet erinnert, dürfte er dann einen besonders authentischen Vermittler des buchstäblich von ihm selbst erlebten Istanbuler Designs abgeben.

Geprägt wird es für ihn von einer großen Zahl an jungen Designern, die sich in den kleinen Werkstätten der Stadt für relativ wenig Geld Prototypen anfertigen lassen und so ihre eigene Designsprache in die Welt setzen können. Häufig fände sich zudem, so Borka, ein transparentes Design, bei dem Linien und Naturzitate eine besondere Rolle spielen.

Ausgestattet wird Borkas musealer Lebensraum etwa von dem schon lange international erfolgreichen Demirden Design, von Aykut Erol mit seinen Grassesseln oder von Alper Böler mit seinem nur aus Draht gespannten Regal.

Anlässlich der Schauen in Köln und Herford lässt sich die gängige Reihe der Istanbul-Adjektive jetzt schon aufpolieren: "international" und "avantgardistisch" böten sich an.


"Istanbul Fashion", Museum für Angewandte Kunst Köln, bis zum 30. Januar 2011. "Spagat! Design Istanbul Tasarimi", Marta Herford, 18. Dezember bis 20. Februar 2011



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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Haio Forler 12.11.2010
1. .
Zitat von sysopNeue Einblicke in Istanbuls Kreativszene: Eine Ausstellung in Köln zeigt Mode aus der türkischen Metropole, eine Show in Herford präsentiert Produktdesign. Das*Spiel mit Formen und Farben*gelingt in beiden Fällen und stärkt den Ruf Istanbuls als kultureller*Sehnsuchtsort. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,728506,00.html
Also irgendwie wird uns Istanbul in den letzten 15 Monaten als 2. Venedig verkauft. Wer sponsert das ? ;) Der Jazz ist dort am modernsten, die Kleidung sowieso, auch die Kulturszene und das Essen, die Filme gar ud das Fahrradöl. Da können ja Rom, Venedig und Budapest nur noch müde abgeschlagen sein. Nichts gegen Istanbul - aber langsam wird mir das Pushing das etwas unheimlich ;))
mbberlin, 12.11.2010
2. ...
Wunderschönes und grauslig-hilfloses. Wie bei "uns".
recardo, 12.11.2010
3. .
Zitat von Haio ForlerAlso irgendwie wird uns Istanbul in den letzten 15 Monaten als 2. Venedig verkauft. Wer sponsert das ? ;) Der Jazz ist dort am modernsten, die Kleidung sowieso, auch die Kulturszene und das Essen, die Filme gar ud das Fahrradöl. Da können ja Rom, Venedig und Budapest nur noch müde abgeschlagen sein. Nichts gegen Istanbul - aber langsam wird mir das Pushing das etwas unheimlich ;))
Das ist halt Liebe, hat eben nichts mit dem Verstand zu tun, der ist dabei ausgeschalten worden.
diamante 12.11.2010
4. ...
Zitat von Haio ForlerAlso irgendwie wird uns Istanbul in den letzten 15 Monaten als 2. Venedig verkauft. Wer sponsert das ? ;) Der Jazz ist dort am modernsten, die Kleidung sowieso, auch die Kulturszene und das Essen, die Filme gar ud das Fahrradöl. Da können ja Rom, Venedig und Budapest nur noch müde abgeschlagen sein. Nichts gegen Istanbul - aber langsam wird mir das Pushing das etwas unheimlich ;))
Waren Sie selbst denn schon in allen von Ihnen genannten Städten? Wenn nein, sollten Sie das dringend nachholen, dann wüssten Sie auch, dass Rom, Venedig oder Budapest mit Istanbul nicht (mehr) mithalten können. Es gibt halt eben noch Städte, da entwickelt sich etwas, da verändert sich etwas zum Positivem hin. Warum also nicht darüber berichten?
ohmscher 12.11.2010
5. Beeindruckend
---Zitat--- Anlässlich der Schauen in Köln und Herford lässt sich die gängige Reihe der Istanbul-Adjektive jetzt schon aufpolieren: "international" und "avantgardistisch" böten sich an. Diskutieren Sie über diesen Artikel Sagen Sie Ihre Meinung! http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,728506,00.html ---Zitatende--- Ja, also ich bin froh, dass ich den Artikel hinter mir habe.
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